Chronische Schmerzen: Selektive Therapiewege

18. Juni 2013
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Einige Formen chronischer Schmerzen sind gegenüber den verfügbaren Medikamenten resistent. Mit der Identifizierung eines Mechanismus, der für neuropathische Schmerzen verantwortlich ist, öffnen Wissenschaftler nun den Weg zu neuen therapeutischen Ansätzen.

In der Schweiz leiden 20 Prozent der Bevölkerung an chronischen Schmerzen, davon etwa ein Drittel an sogenannten neuropathischen Schmerzen, die mit herkömmlichen Schmerzmitteln nur schwer behandelbar sind. Beispiele dafür sind Bandscheibenvorfälle, die Trigeminusneuralgie, die Gürtelrose, die diabetische Neuropathie oder Behandlungen durch Chemotherapie, welche eine Übererregbarkeit des Nervensystems verursachen. Bei diesen chronischen Schmerzen ist das „Schmerzsignal“ – der elektrische Strom, der in den Neuronen fließt und dazu dient, den Körper vor Gefahren zu schützen – drastisch erhöht und tritt unkontrolliert auf.

Kein aktuelles Medikament ist wirksam

Wenig bekannt ist, dass diese neuropathischen Schmerzen mit den verfügbaren Analgetika kaum behandelt werden können und der Schmerz nur bei der Hälfte der Patienten gelindert wird. Dieses Fehlen von wirkungsvollen Behandlungen kann schwerwiegende Konsequenzen für die Patienten haben, mit einem deutlichen Verlust an Lebensqualität im Hinblick auf die Familie, den Beruf und das soziale Umfeld. Schlafstörungen, Depressionen und Angstzustände sind etwa mögliche Folgen.

Das Verständnis der Mechanismen, wie eine erhöhte Erregbarkeit des Nervensystems nach Nervenverletzungen entsteht, ist das Herzstück der Doktorarbeit von Cédric Laedermann, Forscher am Departement Klinische Forschung (DKF) der Universität Bern und am Schmerztherapiezentrum des Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV). Die Studie entstand unter der Co-Leitung von Prof. Hugues Abriel, Direktor des DKF, und Prof. Isabelle Décosterd, Forscherin an der Fakultät für Biologie und Medizin der Universität Lausanne und Direktorin des Schmerztherapiezentrums des CHUV, und wird in der Fachzeitschrift „Journal of Clinical Investigation“ publiziert.

Das „Bremssystem“ des Schmerzes ist dereguliert

Die Forscher haben ein Molekül namens „Ubiquitin Ligase Nedd4-2“ identifiziert, dessen Deregulierung und insbesondere Reduktion im Fall einer Nervenverletzung zu neuropathischen Schmerzen beiträgt. „Nedd4-2 wirkt normalerweise wie eine Bremse auf die Anzahl der Ionenkanäle in den Nervenzellen, die Strom und damit den Nervenimpuls erzeugen. Die Verminderung von Nedd4-2 führt zu einer Erhöhung der Anzahl dieser Kanäle auf der Oberfläche der Neuronen mit der Folge einer Schmerz-Fehlinformation, die an das Gehirn weitergeleitet wird“, erklärt Cédric Laedermann. Die Weitergabe von Schmerzinformationen der Neuronen zum Rückenmark und anschließend zum Gehirn werde durch das Protein Nedd4-2 geregelt, indem eine Anhäufung der Ionenkanäle entlang der Nerven verhindert wird.

Die Forscher haben Mäuse untersucht, die kein Nedd4-2 produzieren. Als Folge dieses Defekts reagieren diese Tiere überempfindlich auf Schmerzen. In einem Ansatz von Gentherapie erlaubte ein viraler Vektor im Gegenzug die Wiederherstellung einer normalen Menge Nedd4-2 in den Mäusen mit Anzeichen von neuropathischen Schmerzen. „Das Bremssystem Nedd4-2 wurde so wiederhergestellt, und die Anzeichen von neuropathischen Schmerzen wurden bei diesen Mäusen reduziert“, so der Berner Forscher.

Auf dem Weg zu neuen therapeutischen Ansätzen

Neben der Aufklärung eines grundlegenden Mechanismus bietet diese Studie einen neuartigen therapeutischen Ansatz, der zu potenziellen innovativen Behandlungen führen kann: „Durch die Ausrichtung auf einen spezifischen Mechanismus der neuropathischen Schmerzen, die Deregulierung der Ionenkanäle und nicht ihre Blockierung, können wir nicht nur selektivere Therapien entwickeln, sondern gleichzeitig die Risiken von Nebenwirkungen vermindern“, so Hugues Abriel.

Originalpublikation:

Dysregulation of voltage-gated sodium channels by ubiquitin ligase NEDD4-2 in neuropathic pain
Cédric J. Laedermann et al.; Journal of Clinical Investigation, doi: 10.1172/JCI68996; 2013

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8 Kommentare:

Heilpraktikerin

Hallo Frau Schuster,
da gehe ich mit Ihnen völlig einig, dass der Schmerz viel zu wenig Beachtung erhält. Ein Aspekt liegt sicher auch darin, dass der Schmerz für den, der ihn zu ertragen hat, nicht zuträglich ist und dieser natürlich nach Schmerzfreiheit verlangt. Umweltbelastungen, Zahngifte, Lösemittel (s. Berufskrankheiten) etc. sind eigentlich recht gut erforscht und dokumentiert. Man muss nur wissen wo. Dr. J. Mutter hat da bereits sehr gut publiziert. Die Anerkennung in der Medizin für Patienten die auf solche Belastungen mit Neuropathien reagieren ist leider noch nicht sehr weit verbreitet. Ferner tuen die BGen das ihre dazu, um die Anzahl derer, die geschädigt wurden und entschädigt werden (müssen), äußerst gering zu halten.
Wir brauchen Ärzte wie Sie, die sich nicht nur aufregen, wenn was schief läuft, sondern auch aktiv eingreifen (und sich nicht unterkriegen lassen!)
Da ich auch lange als Krankenschwester gearbeitet habe (geratrischer Berich), kann ich da ein Lied singen…

#8 |
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Ärztin

Lieber Gast,
schade, dass Sie und ihren Beruf nicht verraten, Ihr einwand ist nämlich wirklich sehr interessant und wirft ein Schlaglicht auf Umweltgifte als Auslöser für chronische Schmerzen.
Metalle und Halogene spielen nicht nur im menschlichen Organismus eine große Rolle, teilweise in ionisierter Form, teilweise auch gebunden in Enzymen und sind an zahlreichen biochemischen Prozessen und auch an der Impulsübertragung am Axon beteiligt. Die Prozesse sind noch lange nicht abschließend erforscht. Da sie ubiquitär an Stoffwechselprozessen beteiligt sind muss es auch nicht wundern, dass eine überschießende Zufuhr von wenig- oder gar nicht im Stoffwechsel benötigten Stoffen dieser Stoffklassen Störungen im Organismus hervorrufen.
In der Schulmedizin wird dieser Aspekt zb. bei den Schwermetallintoxikationen, aber auch zb bei der Depressionstherapie mit Lithium erfasst. Insgesamt sind aber sowohl das diagnostische als auch das therapeutische Raster schulmedizinischer Erfassung diese Stoffgruppen sehr grob, möglicherweise grober als als in der naturheilkundlichen Medizin bzw der (para)medizinischen Erfassung durch Heilpraktiker.
In gewisser Weise wird schon die banale die Störung des Elektrolythaushaltes ( Na+, K+, Mg++,Ca++, Cl- ) von Schulmedizinern sträflich vernachlässigt indem z.B häufig Schleifendiuretika ohne engmaschige Kontrolle und Substitution der verlorenen E´lyte verordnet werden. (Darüber ärgere ich mich regelmäßig, wenn wir Patienten mit desolatem E´lythaushalt nach Verordnung von Schleifendiuretika auf unsere Intensivstation bekommen).
Kopfschmerzen, Migräne, Muskelkrämpfe, Ödeme, Verwirrtheitszustände, Herzrhytmusstörungen um nur einige wohlbekannte Nebenwirkungen zu nennen sind die Regel. Mg++ und K+-Mangel werden darüber hinaus mit einer diabetischen Stoffwechsellage und arterieller Hypertonie in Verbindung gebracht.
Das gestörte “Feintuning” via seltener Metalle oder gar die Störungen durch körperfremde Halogene, wie wir sie über Medikamente, unser Trinkwasser (!) oder industriell verschmutzte Luft aufnehmen, neben Belastungen durch Ernährung oder am Arbeitsplatz, sind noch gar nicht erfasst.
Es liegt auf der Hand, das das Weglassen von derartigen Noxen eher zum Erfolg führt als eine weiteres Medikament, das Einfluss auf den E´lythaushalt nimmt.
Was auch immer „Ubiquitin Ligase Nedd4-2“ sein mag, es scheint mir eher ein Indikator für eine grenzwertige Situation mit folgender “Deregulation” zu sein, als Folge eines genetischen Defektes.
Der Schmerz ist, auch wenn es paradox klingen mag, unser Freund, denn er zeigt uns ab wann wir aufpassen müssen, wann wir und schonen oder einem Umfeld entziehen müssen. Es macht mehr Sinn die Ursachen für den Schmerz zu suchen und kausal zu therapieren als ein Frühwarnsystem auszuschalten.
Symptomatische Schmerzunterdrückung macht nur in der Notfallsituation oder bei kausal nicht therapierbaren Schmerzen Sinn.
Ein ganzes System genetisch auszuschalten mag für Forschungszwecke sinnvoll sein, im Alltag jedoch ist der Schmerz eine vitale Funktion, die nicht unterdrückt werden darf.

#7 |
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Gast
Gast

Grüße Sie Herr Dirk-Rüdiger Noschinski

Zum Thema Kolloidales Silber

Bei kolloidalem Silber handelt es sich um ultrafeine Partikel von elementarem Silber (Nanosilber) oder auch von schwerlöslichen Silberverbindungen bzw. deren flüssige Dispersionen. Für letztere werden synonym die Begriffe Silbersol und Silberwasser benutzt. Silberkolloiddispersionen bzw. Silbersole sind von Lösungen löslicher Silbersalze zu unterscheiden.
Wird zur Infektionsbekämpfung eingesetzt.
Meine Bedenken liegen bei Nanosilber.

Kupfer und Zink sind Spurenelemente, das stimmt, jedoch in Bauberufen anorganische Stoffe und werden eingeatmet und je nach dem welchen Beruf man ausübt auch als Verdampfung eingeatmet.
Ist da so die Nanopartikel-Version so undenkbar?

Ist es überhaupt sehr weit hergeholt von mir keine Auswirkungen auf Ionen (Kationen und Anionen) zu haben in Punkto chronischer Schmerz?

Meistens, sogar wie hier argumentiert wurde mit anorganischen Stoffen gibt es Reitzauswirkungen bis zur Schmerzempfindung die chronisch ausarten und so wie der Artikel beschreibt, soll alles nur wegen Unausgeglichenheiten von Mineralienhaushalt und Elektrolytenhaushalt den Einfluß auf Ionen und Neuronen haben und deshalb wieder neue Medikationen auf den medizinischen Markt gebracht werden, wenn man bedenkt, dass wiedermals chemische Stoffe=Wirkstoffe doch auch Auswirkungen haben auf die ernannten Haushalte, dabei isst ja nicht jeder Mensch nur pflanzliche Nahrung, sondern auch Nahrung der Lebensmittel-Industrien und da auch schon bereits in Kontakt mit zusätzlichen chemischen Stoffen zum Erhalt und zum Geschmack beitragend, wie sollen da Wirkstoffe ohne Nebenwirkungen zum positivem Effekt werden?
Oder werden hier Biologika hergestellt?
Respektvolle Grüße

#6 |
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Lieber Gast,
Sie setzen in Ihrem Posting die Gleichung “kolloidales Silber = Naturheilkunde = Reizung des Nervensystems = suspekt” die ich so nicht wirklich völlig nachvollziehen kann. Meinen Sie, dass Sie Ihren Beitrag ein wenig erhellen könnten? Sie schreiben hier auch – ein wenig kryptisch – Kupfer, Zink etc. und den Begriff Nanopartikel. Cu, Zn etc. sind erstmal Spurenelemente und haben als solche nicht automatisch auch einen Bezug zu Nanopartikeln.
Was genau wollten Sie in Ihrem Beitrag ansprechen?
Fragende und herzliche Grüße

Dirk-Rüdiger Noschinski

#5 |
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Gast
Gast

Sorry, habe noch was vergessen. Wie oft wird kolloides Silber schon mehr in der Naturheilpraxis verordnet und mit diesem Goldgehandhabe da? An sich sollten es ja natürliche Salze sein, jedoch ierendwie läuft da so einiges auch schief und niemand weis warum, hauptsach das Zentrale Nervensystem wird gestritzt…finde das sehr suspekt, obwohl ich die Naturheilpraxis sehr wertschätze.

#4 |
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Gast
Gast

Äusserst Interessant wie Mineralien und Elektrolytenhaushalt aus dem Gleichgewicht geraten können, dank Eisen, Kupfer und Zink sich als ???Nanopartikel??? anhängen können.
Umweltstoffe, durch unsere Berufe uns noch zusätzlich zusetzen und ja, selbst medizinische Produkte mit Zahnfüllungen etc.pp. eins draufsetzen.
Ist ja gruselig

#3 |
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Heilpraktikerin

Hinzu kommen noch Intoxikationen durch Umweltgifte, Zahngifte, Schwermetalle. Ja, die Schulmedizin hat nur ganz wenig. Da ich selber betroffen bin, kann ich gut mitreden. Ärzte stehen oft achselzuckend vor einem. Es gibt Hilfe, gute Arzneien, die aber, genau wie z.B. Vitamie (hier hochdosierte B-Gruppe) von den Kassen nicht getragen werden. Aber teure Schmerzmittel! Vom volkswirtschaftlichen Schaden durch diese mangelhafte schulmed. Behandlungen, Arbeitsausfälle und das Abrutschen in die Armut (falls keiner aus der Familie helfen kann). Das Ausüben eines (neuen) Berufes ist unter Schmerzen ein mords Kraftakt, da der chronische Schmerz zwar oft auszuhalten ist (irgendwie), aber auf Dauer zermürbt. Da sind Schlafstörungen noch das kleinste Übel. Ärzten möchte ich gar keinen besonderen Vorwurf machen. Wie heißt es: ‘Der Fisch stinkt von Kopfe her’. Das System ist schon an der Spitze faul. Würde man auch den Medizinstudenten beibrigen, sich mit den Alternativen auseinander zu setzen, die Sturheit der Kassen, bzw. die Gesetzgebung ändern, sorgsam mit der Verordung von Medikamenten insgesamt umgehen, wäre allen geholfen!

#2 |
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Bin wirklich überrascht, dass es so wenige Therapiemöglichkeiten in der Schulmedizin für diese Formen des Schmerzes gibt. Praxen wie die meinige sehen solche Patienten sehr häufig und bieten diesen eine Fülle an probaten Möglichkeiten an. Zugegeben, jenseits von Leitlinien und der “seriösen” Medizin, dafür umso wirksamer. Die Frage “Behandlung neuropathischer Schäden unter Chemotherapie” wurde ja unlängst bei DoCheck gestellt, und es wurde explizit ausgeschlossen, dass HP antworten dürfen.
Schade für die Betroffenen….
Aude sapere!

#1 |
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