Klinik-Diät? Ich bin krank, also ess’ ich nichts!

14. November 2016
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Isst der Patient während seines Aufenthalts im Krankenhaus zu wenig, steigt das Risiko von Morbidität und Mortalität um das Achtfache. Welche Faktoren genau das Essverhalten von stationären Patienten beeinflussen, zeigt nun eine Studie.

Erstmals wurde das Essverhalten im Krankenhaus bei rund 92.000 stationär aufgenommenen Patienten in 56 Ländern analysiert. Das Ergebnis: Unzureichende Nahrungsaufnahme und Mangelernährung bei kranken Menschen erhöhen Mortalität und Morbidität. „Eine adäquate Ernährungsversorgung von Patienten sollte daher Teil eines ganzheitlichen Therapiekonzepts sein“, erklärt Karin Schindler, Ernährungsexpertin der MedUni Wien.

Leerer Magen, voller Mülleimer

Der von den Wissenschaftlern beobachtete Zusammenhang zwischen inadequater Verpflegung, erhöhter Mortalität und verlängertem Klinikaufenthalt zeigt, wie wichtig das Thema Essensvergabe in Kliniken ist. Eine adequate Nahrungsaufnahme zu sichern hat in der Krankenhausroutine aber trotzdem nicht Priorität. Die Folge ist häufig, dass Patienten zu wenig oder unregelmäßig essen: Bei bis zu 50% der Krankenhausaufenthalte kommt es zu reduzierter Nahrungsaufnahme. Zudem verursacht es hohe Mengen an verschwendeten Lebensmitteln.

Darum essen Patienten weniger

Die Forscher hatten Zugriff auf Daten von weltweit 91.245 Patienten, die stationär in einer Klinik untergebracht waren. Ihre Studie ergab, dass die Mehrheit der Patienten (53,3 %) nur die Hälfte oder sogar weniger der Haupmahlzeit zu sich nahmen, 5,8 % aßen gar nichts obwohl sie durften.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Krankeit per se wird oft von Appetitlosigkeit begleitet. Aber auch die Organisation in puncto Essen im Krankenhaus kann die Nahrungsaufnahme der Patienten beeinträchtigen. Dazu zählt unter anderem, dass Patienten nicht zufrieden mit den Speisen sind. In diesem Fall kommt häufig hinzu, dass es dann keinen Ansprechpartner gibt. Außerdem haben Patienten oft Probleme mit den veranschlagten Essenszeiten.

Ziel: Essen (er)fassen

Das Fazit der Experten: Patienten sollten in ihrem Essverhalten besser kontrolliert, begleitet und beraten werden. „Patienten und ihr Essverhalten sollten systematisch bereits bei der stationären Aufnahme evaluiert werden. Den Patienten muss erklärt werden, warum essen wichtig ist. Man könnte auch strukturelle Anpassungen überlegen, etwa die Möglichkeit, kleinere Portionen anzubieten oder angereicherte Zwischenmahlzeiten und ganz spezielle, individuelle Speisen. Außerdem kann die Einbeziehung von Angehörigen zur Unterstützung beim Essen hilfreich sein“, erklärt Schindler.

Originalpublikation:

To eat or not to eat? Indicators for reduced food intake in 91,245 patients hospitalized on nutritionDays 2006–2014 in 56 countries worldwide: a descriptive analysis
Karin Schindler et al.; The American Journal Clinical Nutrition, doi: 10.3945/ajcn.116.137125; 2016

19 Wertungen (4.63 ø)

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8 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Wenn man mal Schmerzen oder keinen Hunger hat, wird das Essen abgeräumt – und dann gibt es erst wieder abends ( also was sich abends nennt , 17.00 ) wieder etwas. Auf der anderen Seite ist für einen Erwachsenen, der ca. bis 22 Uhr wachbleibt, die Zeit dann viel zu lange. Wer keinen Besuch hat, der einen mit Essen versorgt oder aufstehen kann, um zum Kiosk zu gehen, der hungert tatsächlich . Lösung: evtl. einen kleinen Kühlschrank auf dem Flur mit Joghurt, Obst etc. Für Diabetiker wird das auch schon gemacht, nur wir Normalos durften da nicht dran.

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Rettungsassistent

Bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt habe ich nicht ein einziges Mal das Essen des Krankenhauses gegessen, weil selbst die schlechteste Pommesbude schmackhafteres Essen produziert. Ich bin konsequent von Zuhause versorgt worden.
Dieses geschmacklose, texturlose, aufgetaute Fertiggericht Einerlei kann doch niemandem ernsthaft zugemutet werden.

#7 |
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Gast
Gast

Nach vielen Tagen und Monaten im Krankenhaus kann ich es aus erster Hand bestätigen: Das Essen in Krankenhäusern ist meist wabbelig, zerkocht und absolut geschmacksbefreit. Mit ein bisschen Glück hat es aber noch eine Kerntemperatur von 12°C und erinnert in der Konsistenz nicht an Eiter oder Knetmasse.

#6 |
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Na, ich weiß nicht. Ist es denn nicht schon deutlich besser geworden? In der Regel gibt es doch mehrere Speiseangebote und der Patient wird gefragt, was er essen möchte. War zwar noch nie im KH außer 3 x 1 Tag zu Geburt, aber ich habe Feunde und Verwandte dort besucht und die haben sich nie über das Essen beklagt, ganz im Gegenteil. Bei der Verknüpfung von Morbidität und Mortalität mit der Nahrungsaufnahme, frage ich mich was Ursache und Folge ist. Leuten denn es schlecht geht, essen nun mal wenig bis gar nichts.

#5 |
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Gast
Gast

Über die niedrige Qualität von Krankenhaus-Essen könnte man mittlerweile ein Buch schreiben. Mich wundert immer wieder, wie Menschen bei so einer Ernährung überhaupt gesund werden können.

#4 |
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Bei den ekeligen Fertiggerichten vieler Kliniken wundert mich das nicht. Ganz schlimm war es in einer Rehaklinik, dort hatte die Küche nur 2,60€ pro Patient für den ganzen Tag.

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Heilpraktikerin

Für diese Erkenntnis brauchte es eine Studie?
Ich bin beeindruckt! In anderen Kulturen mit weiger Schnickschnack und Luxusproblemen werden die Kranken schon immer von den Angehörigen mit Essen versorgt, vielleicht ist das der Weg und das würde immense Kosteneinsparungen bringen. Back to the roots ist nicht das Schlechteste. Ich spüre Hoffnung aufkeimen, dass solche Studien dann überflüssig werden.

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Dr. med. Walter Müller
Dr. med. Walter Müller

Diese Erkenntnisse zur Ernährung sollte aber allen Klinikleitungen inkl. der Küchenchefs und der Finanzverantwortlichen mehrfach täglich vor den Mahlzeiten auf einem Blechnapf serviert werden. Der Kostendruck der Kliniken sorgt ja nicht nur für Sparmaßnahmen beim Personal sondern auch bei den Sachkosten der Küche.
Beim Klinikaufenthalt meiner Ehefrau habe ich selbst gekocht und per Tupper & Co angeliefert, weil die teils verschimmelte Ware ! nicht zur Kräftigung beitragen konnte. Gut Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.
Wie wahr ! Dank einer Studie ist es jetzt auch bewiesen- endlich.

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