Ohne Schu(h)macher geht nix

21. Januar 2011
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Orthopädieschuhmacher gelten als altbacken und fallen kaum auf. Doch in Wirklichkeit gilt die Branche als wichtigste Stützsäule der Orthopädie. Unzählige Operationen ließen sich vermeiden, wenn Ärzte besser mit den Schuhmachern zusammenarbeiten würden.

Die Adresse zählt zu den bekanntesten Deutschlands: Immer dann, wenn Fußballer wie Michael Ballack Knieprobleme haben, ist das Müller-Wohlfahrt Zentrum für Orthopädie und Sportmedizin das Ziel. Wer die Ärzte des „MW“ aufsucht, sieht sich schnell in prominenter Umgebung aufgehoben. An einem der benachbarten Türschilder prangt der Name Google in dezenten Lettern, Dallmayr ist ohnehin nur einen Steinwurf entfernt. Berühmt ist Müller-Wohlfahrt allemal. Nur: Kaum ein Arzt weiß, dass der Vorzeige-Orthopäde in Punkto Therapie sehr eng mit Orthopädieschuhmachern zusammenarbeitet. Denn mitunter können Hightech-Einlagen sogar das Skalpell ersetzen – die Korrekturen des Gelenksystems ohne OP bringen einen nachhaltigen, komplikationsfreien Therapieerfolg.

Das Image der Branche freilich ist außerhalb der Metropolen eher bescheiden. Dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung, Fortbildungen danach sind nahezu obligatorisch. Trotzdem führen Orthopädieschuhmacher seit Jahren ein Schattendasein, wenn es um Wahrnehmung und Akzeptanz ihrer Leistung geht.

Die Bundesagentur für Arbeit widmet der Branche auf ihrem Internetauftritt immerhin einen eigenen Bereich. Im Alltag kämpfen die Spezialisten mit dem wenig hilfreichen Image, wonach meist Alte oder Diabetiker zur Klientel zählen. Ein Vorurteil, wie der Blick ins Eingemachte attestiert. Sportler gehören nämlich ebenso zum Kundenstamm der Orthopädieschuhmacher wie Kinder oder die Generation Ü30.

Spätfolgen vermeiden helfen

Aus ärztlicher Sicht wäre mehr Zusammenarbeit ohnehin angebracht, wie das Beispiel „Spreizfuß“ als Klassiker belegt. Hier sind operative Korrekturen der deformierten Zehen die häufigsten Eingriffe – aber trotz Operationen bleibt die anschließende orthopädieschuhtechnische Behandlung ein Muss. Auch Eltern von Kindern mit infantiler Cerebralparese wären gut beraten, ihren Nachwuchs mit der adäquaten Orthopädieschuhtechnik auszustatten. Spezielle Einlagen und Stabilitätsschuhe können nämlich Spätfolgen vermeiden helfen – entgegen der landläufigen Meinung sehen die Produkte heute ebenso modisch aus wie die normalen Pendants aus einem herkömmlichen Schuhgeschäft.

Trotzdem demonstriert der Fall vor allem eins: Während Orthopäden mit Orthopädieschuhmachern kooperieren, tun sich andere Fachgruppen der Ärzteschaft damit eher schwer. Hinzu kommt für die zum Handwerk zählende Branche ein weiteres Problem. Verhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen mutieren zu Endlosdebatten, niedergelassene Ärzte geraten ob solcher Scharmützel zwischen die Fronten, weil viele ihrer Patienten nur das als Therapieempfehlung befolgen, was die Kasse tatsächlich übernimmt.

Stille Branche: Keine Lobby, kaum PR, wenig Arbeitslose

Der Zentralverband Orthopädieschuhtechnik (ZVOS) beispielsweise hat einen eigenen Versorgungsvertrag mit der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) geschlossen. Seit rund einem Jahr können die angeschlossenen Innungsbetriebe ihre Kunden „zu den ausgehandelten Rahmenbedingungen und Preisen“ versorgen, wie der Verband attestiert. Was als große Errungenschaft gefeiert wird, erweist sich als Ergebnis eines quälenden Prozedere – mehr als ein Jahr lang beharkten sich Verband und Kasse bis zum Abschluss, Ärzte mussten immer wieder ratlose Patienten vertrösten.

Dass die Branche stärker auftreten muss, weiß auch Claus Kopp, Obermeister im Landesinnungsverband für Orthopädie-Schuhtechnik Niedersachsen und Bremen zu berichten. „Im Vergleich zu vielen anderen Akteuren im Gesundheitssystem verfügen wir über keine einflussreiche politische Lobby“, erklärt der Fachmann gegenüber DocCheck. Vergleicht man die Auftritte auf der großen politischen Bühne, erscheinen die Bemühungen eher hilflos. Gesundheitsminister Philipp Rösler empfing am 19. Mai 2010 Vertreter des ZVOS in Berlin, 50 Minuten lang. Seitdem ist auf dieser Ebene praktisch nichts mehr geschehen.

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