Google-Suche: Heilen zwischen den Zeilen

25. November 2016
Teilen

Krankheiten vorbeugen mit Hilfe von Suchmaschinen? Eine Auswertung gesuchter Begriffe soll Suizide verhindern, indem Usern helfende Informationen ausgespielt werden. Des Weiteren könnten Suchanfragen bei der Früherkennung des Pankreaskarzinoms hilfreich sein.

Aktuellen Umfragen des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH) zufolge hat schon jeder zweite Deutsche im Internet nach eigenen Krankheiten recherchiert. User „googelten“ nicht nur Wehwehchen, sondern auch schwere Leiden. Sie interessieren sich primär für Informationen zum Krankheitsbild (91 Prozent). Behandlungsmöglichkeiten spielen bei schweren Erkrankungen (87 Prozent) eine etwas größere Rolle als bei harmloseren Leiden (81 Prozent). Für Wissenschaftler verbergen sich in den Daten wahre Goldschätze, wie aktuelle Veröffentlichungen zeigen.

Seele in der Suchmaschine

Durch ihre Suchabfragen verraten User viel über ihren seelischen Zustand. Dr. Florian Arendt und Dr. Sebastian Scherr vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU forschen in diesem Bereich. Ihnen ist klar, dass das Internet eine wichtige Rolle bei der Suizidpräsentation spielt.

In der Praxis gibt es noch Schwierigkeiten. Hilfsangebote nur bei 25 Prozent aller Anfragen, die auf einen potenziellen Suizid hinweisen, ausgegeben, schreiben die Forscher. „Damit vergeben Suchmaschinen die Chance, einer großen Anzahl gefährdeter Personen zu helfen“, sagt Scherr. Am Beispiel des Suchbegriffs „Vergiftung“ haben beide Forscher den zeitlichen Verlauf von Google-Suchanfragen analysiert.

Optimizing Online Suicide Prevention A Search Engine Based Tailored Approach Health Communication Vol 0 No 0

Häufung des Suchbegriffs “poisoning” um den Jahreswechsel. Quelle: Health Communication, Screenshot: DocCheck

Optimizing Online Suicide Prevention A Search Engine Based Tailored Approach Health Communication Vol 0 No 0-1

Schwankungen des Suchbegriffs “poisoning” im Wochentakt. Quelle: Health Communication, Screenshot: DocCheck

Extrema traten wenig überraschend um Weihnachten und um Neujahr auf. Im Wochenverlauf gemessen, gaben Internet-Nutzer vor allem sonntags den Schlüsselbegriff ein. „Zumindest an solchen Tagen wäre es daher in einem ersten Schritt notwendig, Hilfsangebote vermehrt anzuzeigen“, sagt Scherr. Die Forscher schlagen deshalb vor, Algorithmen großer Suchmaschinen so anzupassen, dass Risikofaktoren stärker berücksichtigt werden.

Frühwarnsystem Suchmaschine

Ein anderes Projekt befasst sich mit der Frage, ob sich aus Suchabfragen auch Krebsrisiken ableiten lassen, wie DocCheck bereits berichtete. John Paparrizos aus New York befasste sich mit Pankreaskarzinomen. Trotz etlicher Fortschritte in der Onkologie liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei fünf Prozent. Viele Tumoren sind zum Zeitpunkt der Diagnose nicht mehr lokal begrenzt. Symptome treten erst spät auf. Zusammen mit der Forschungsabteilung von Microsoft analysierte Paparrizos Big Data von Bing.

Er fand User, die aufgrund ihrer eingegebenen Begriffe („Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs“, „Behandlung Bauchspeisenkrebs“, u.a.) mit großer Wahrscheinlichkeit erkrankt waren. Über die Historie wertete der Forscher frühere Webrecherchen aus. Und siehe da: Viele Patienten hatten Monate zuvor Symptome in Bing eingegeben, die auf ein Pankreaskarzinom hindeuten.

Auf dieser Basis lassen sich medizinische Frühwarnsysteme aufbauen. Wer bestimmte Termini eingibt, erhält den Rat, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. John Paparrizos erwartet, fünf bis 15 Prozent aller Pankreas-Ca früher zu entdecken. Als Rate falsch-positiver Befunde gibt er 0,00001 bis 0,0001 Prozent an. Bis zur Umsetzung kann es noch dauern.

Grob verschätzt

Deutlich weiter ist Google Flu Trends (GFT). Im Jahr 2008 begann der Konzern, in Suchmaschinen systematisch Begriffe zu identifizieren, die mit einer echten Grippe in Verbindung stehen.

grippe symptome - Google-Suche

Screenshot: DocCheck

Die Prognosen waren meist mit retrospektiven Daten der Centers für Disease Control and Prevention (CDC) vergleichbar. Korrelationen gab es mit der Zahl labordiagnostisch bestätigter Virusinfektionen und mit der Zahl an Notfallbehandlungen.

Große Fehler treten beispielsweise in Lateinamerika auf. Kein Einzelfell: GFT hat die H1N1-Pandemie des Jahres 2009 schlichtweg übersehen. Dafür wurden die Grippewellen 2011/2012 und 2012/2013 um mehr als 50 Prozent zu hoch eingeschätzt, kritisieren Forscher. Mittlerweile veröffentlicht Google keine neuen Daten mehr über seine Website.

Beim Projekt „flu prediction“ gehen Forscher noch einen Schritt weiter. Sie werten neben Internetquellen Social Media wie Twitter oder Facebook ebenfalls aus. Als weitere Quelle kommen CDC-Daten mit hinzu. IBM ist mit seinem Superrechner „Watson“ mit an Bord.

Wissen schützt vor Krankheit nicht

Bei aller Technik bleibt noch eine Störgröße: der Mensch. Was bringen aktuelle Informationen zu Grippewellen, wenn sich zu wenige Patienten impfen lassen? Bei der Risikogruppe über 60 Jahren entschieden sich zuletzt nur 36,7 Prozent für den Schutz per Spritze.

Epidemiologisches Bulletin 1 2016 01_16.pdf-1

Bundesweite Impfquote für eine Influenza-Impfung bei Personen im Alter von mindestens 60 Jahren. Quelle: RKI

Bei Krebserkrankungen kommt ein weiteres Problem hinzu. Wie viele Patienten auf Warnhinweise, die eine Suchmaschine ausgibt, überhaupt reagieren, ist unbekannt.

27 Wertungen (4.3 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

5 Kommentare:

Dipl. Ing. Herbert Hilbinger
Dipl. Ing. Herbert Hilbinger

#2: Natürlich kann man auch heute noch anonym recherchieren:
Man verwende den Tor-Browser und DuckDuckGo als Suchmaschine.
Dann wird der ganze Vorgang durch schnelles Wechseln der Server-Brückenpunkte über den ganzen Erdball hinweg anonymisiert!
mfg

#5 |
  0

Das mit dem Pankreaskarzinom ist schon ein relativ alter Hut: Wer suchet, der findet?
Durch undifferenziertes Suchen kann man als Laie i.d.R. keine Krankheiten schon vor der gesundheitsberuflichen, fachärztlichen oder allgemeinmedizinischen Anamnese, Untersuchung und Differenzialdiagnose detektieren. Das wäre reiner Zufall, oder eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, dass wir alle mal krank werden und sterben müssen. Und selbst die Frühdiagnostik eines Pankreaskarzinoms bewirkt, dass nach 5 Jahren nicht 97%, sondern “nur” 93-95% tot sind.
Entscheidendes erkenntnistheoretisches Problem: Auch harmlose, banale, unspezifische Symptome können ebenso spontan abklingen oder abheilen wie Vorboten einer schweren Systemerkrankung sein. Immunologisch wissen wir gar nicht, ob unsere zelluläre und humorale Abwehr gerade eine entscheidende Krankheitswende zulässt oder abwehrt. Unsere Genom Analyse erbringt auch nur genetische Wahrscheinlichkeiten, aber keine Gewissheit.
Da sollten Microsoft, Google, Bing etc. doch erstmal Medizin studieren, Evidenzen erforschen, empirische Studien durchführen und dann EbM (Evidence – based – Medicine) betreiben. Google – Maps ist da schlichter gestrickt und betreibt keine “Roadmap” für Krankheits-Früherkennung oder reine Suchdiagnosen.
Screening for Pancreatic Adenocarcinoma Using Signals From Web Search Logs: Feasibility Study and Results – John Paparrizos et al.; Journal of Oncology Practice, 2016
http://www.nytimes.com/2016/06/08/technology/online-searches-can-identify-cancer-victims-study-finds.html

#4 |
  2
Gast
Gast

Die Google Suche, bzw. Startpage-suche die nicht wie google alles private verwertet, hat mir in meinem Fall sehr weitergeholfen.
Sehr seltene Krankheit, bei Männern dann noch seltener. Ohne darauf in den Suchergebnissen hingewiesen worden zu sein hätte ich nicht gezielter nachfragen können und über entsprechende Diagnosen verifiziert werden können.
Ich denke für den einen oder anderen Arzt sehr nervig, in meinem Fall und meinen Ärzten durchaus hilfreich solange man sachlich darüber reden kann.

#3 |
  1
Klaus-Peter Karmann
Klaus-Peter Karmann

Kann man eigentlich auch noch anonym googlen?

#2 |
  0
Nichtmedizinische Berufe

Aktuellen Umfragen des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH) zufolge hat schon jeder zweite Deutsche im Internet über eigene Krankheiten recherchiert.
Die Formulierung halte ich für sehr bedenklich. In DE leben nicht nur Deutsche aber auch Bürger mit eine andere Staatsangehörigkeit. Die Suche nach Krankheiten muss nicht unbedingt eigene Krankheiten betreffen. Wenn ich nach eine bestimmte Krankheit Ausschau halte, betrifft es ein geliebten Mensch.
Google ist auch nicht immer so gut wie einige es meinen. Oft stoße ich auf Informationen über ein Spiel Konsole. Klar dubiose Nahrungsergänzungsmitteln und fragwürdige Therapien werden auch angeboten.
Die Suche im Internet nach eine bestimmte seltene Krankheit erweist sich als schwierig, vor allem wenn mach fundierte Informationen gesucht wird.

#1 |
  5


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: