Endoprothesen: Hüftgold statt Hüftschrott

25. Januar 2011
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Immer wieder werden neue Endoprothesen entwickelt – und immer wieder werden welche zurückgerufen. Um mehr Transparenz in die Kunstgelenkwelt zu bringen, soll es in Deutschland jetzt ein Endoprothesenregister und zertifizierte Zentren geben.

Zumindest an der Hüfte hat die Endoprothetik mittlerweile Probleme mit ihrem eigenen Erfolg. Die derzeit üblicherweise eingesetzten Prothesensysteme sind seit Jahren etabliert und eindrucksvoll haltbar: Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie gibt an, dass rund 90 Prozent der Patienten, die mit Hüftgelenksendoprothesen versorgt werden, damit rechnen können, dass ihre Gelenkimplantate mindestens 15 Jahre halten. Was toll klingt, wird für jene Ärzte und Industrieunternehmen zum Problem, die trotzdem Verbesserungsbedarf an den Prothesen sehen und Produkte anbieten wollen, die noch länger halten oder noch stabiler sind. Das Problem besteht darin, dass eine neue Hüftgelenksendoprothese streng genommen erst einmal 15 Jahre lang getestet werden müsste, um zu beweisen, dass sie wirklich besser ist als der Status quo. Dass das etwas schwierig ist, leuchtet ein.

Zunehmender Wildwuchs in der Endoprothetik?

Die Alternative ist, dass Surrogatparameter definiert werden, bei denen, wenn sie erfüllt sind, eine langfristige Haltbarkeit und Sicherheit des Produkts unterstellt wird. Auf diese Weise bleibt der Innovationsmotor auf Touren. Ganz ohne Risiko ist das aber nicht: „Wir hatten in den letzten Jahren mehrere Fälle von Endoprothesen, die den Langzeittest nicht bestanden haben“, betonte Professor Volker Ewerbeck, Direktor der Abteilung Orthopädie und Unfallchirurgie an der Universitätsklinik Heidelberg, beim Kongress der Orthopäden und Unfallchirurgen in Berlin. Prothesen, die durchfallen, werden von den Herstellern zurückgerufen. Im Extremfall müssen einige oder alle wieder explantiert werden. Ungeplante Re-Operationen aus kommerzieller Indikation, gewissermaßen. Die Öffentlichkeit erfährt von derartigen Aktionen häufig wenig bis gar nichts. Prothesenrückrufe sind nicht nur für die Hersteller, sondern auch für das Krankenhaus, in dem die Produkte verwendet wurden, extrem unangenehm.

Das Problem wird dadurch akzentuiert, dass die Zahl der implantierten Endoprothesen insgesamt seit Jahren deutlich nach oben geht. Professor Reiner Gradinger von der Klinik für Orthopädie am Klinikum rechts der Isar, München, schätzt, dass die Zahl der in Deutschland implantierten Hüften in den letzten acht Jahren um ein Drittel auf derzeit 209000 pro Jahr angestiegen ist. Bei den noch nicht ganz so lange etablierten Kniegelenksendoprothesen habe sich Zahl sogar auf mittlerweile rund 175000 pro Jahr fast verdoppelt.

Das wäre alles vertretbar, wenn jede dieser Endoprothesen medizinisch indiziert wäre. Daran aber haben selbst die Vertreter der medizinischen Fachgesellschaften so ihre Zweifel: „Durch den Prozess der demographischen Alterung alleine ist dieser Anstieg nicht zu erklären“, sagte Gradinger. Er hat den Verdacht, dass wirtschaftliche Zwänge seitens der Krankenhäuser dazu führen, dass Endoprothesen heute früher eingebaut werden als nötig. Wenn dann bei einem Patienten mit eigentlich nur elektiver Prothesenindikation ein Implantat zurückgerufen werden muss, das ohnehin noch gar nicht hätte eingebaut werden müssen, ist das natürlich eine Katastrophe.

Qualitätsoffensive mit Register und Zertifikaten

Das Problem ist groß genug, dass sich die Spitzenverbände der Orthopäden und Unfallchirurgen konkrete Lösungsansätze überlegt haben. Das Ziel ist es, die Sicherheit für die Patienten zu erhöhen, ohne dabei den Innovationsstrom, der ja oft genug auch echte Fortschritte bringt, zu sehr ins Stocken geraten zu lassen. Ein deutlich restriktiveres Zulassungsprozedere, wie es beispielsweise in den USA gepflegt wird, steht dabei im Moment nicht auf der Tagesordnung.

Kommen soll dagegen ab 2011 ein nationales Endoprothesenregister, das es möglich macht, das Schicksal einzelner Prothesen nachzuverfolgen. Gute Erfahrungen mit solchen Registern kommen vor allem aus Skandinavien. „Dort sank allein durch die Einführung eines solchen Registers die Revisionsrate deutlich“, so Ewerbeck.

Der zweite Pfeiler der Qualitätssicherung in der Endoprothetik soll ein von den chirurgisch-orthopädischen Fachgesellschaften aufgelegtes Zertifizierungsprogramm werden, das den Namen EndoCert trägt. Die erste Phase dieses Zertifizierungsprojekts soll bereits im ersten Halbjahr 2011 laufen. Zehn bis 15 ausgewählte Einrichtungen werden dabei gewissermaßen testweise zertifiziert, um zu überprüfen, ob die angewandten Zertifizierungskriterien für einen breiten Einsatz taugen. Sie werden dann den Erfahrungen entsprechend überarbeitet und schließlich breiter eingesetzt. Irgendwann könnte dieser Prozess in ein festgezurrtes Zentrenbildungsprogramm münden, ähnlich wie es in der Krebsmedizin heute schon vorangetrieben wird.

86 Wertungen (4.34 ø)

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9 Kommentare:

Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Unabhängig von der Prothesenproblematik mache ich noch auf
das vitale Narkoserisiko aufmerksam, das mit dem Alter
logarithmisch steigt.
Die dritte Hüftprothese zwischen dem 82. und 83. Lebensjahr
wurde von einem meiner Freunde cardiocerebral nicht überlebt.
Eine vorherige neurologische Untersuchung wurde “nicht für
nötig” gehalten, da der “so gesunde Mann” praeoperativ “geistig nicht auffällig war “.-
Kommentar überflüssig !

#9 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Guter Artikel, obwohl die Staistiken nur bedingt glaubwürdig sind, ebenso unsicher ist die Fokussuche. Ein Register ist da sicher von Nutzen.
Ich gebe Herrn Finke recht, die Mindestmengen haben zweifelsohne in den Häusern einen Einfluss.
Was mich am vermittelten Gesamteindruick stört, das die vielen Patienten, denen Hüft-TEPs rasch zu neuer Beweglichkeit bzw. Beweglichkeitserhaltung verholfen haben, nun offenbar für selbstverständlich taxiert werden.
Ich möchte nur an die Zeiten erinnern, wo die Schenkelhalsfraktur beim älteren Menschen gekünschert wurde und man wegen der langen Immobilisation auf die (oft tödliche) Embolie warten konnte.

#8 |
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Gut, dass man einmal nachdenklich geworden ist und Indikation und Erfolg einer Implantation überprüft.
In der oralen Implantologie existiert ein ähnliches Problem, das vielen Kollegen und Implantatherstellern nur wenig bekannt ist, oder aber so getan wird, als würde es nicht existieren. In der Implantologie, die als weitgehend empirisches Fachgebiet gilt, sollten vielleicht mal etwas mehr Grundlagen (Materialverträglichkeit etc.) gesichert und die Indikationen mit Rücksicht auf Nutzen und Nebenwirkungen am Patienten überprüft werden.

#7 |
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Professor Ulrich Finke
Professor Ulrich Finke

Ein nationales Prothesenregister, das alle Implantationen erfasst, ist wichtig,schon allein um der Frage zementierte vs. nicht zementierte Prothesen uznd Detailos der Implantationstechnik nachgehen zu können.

Für den Anstieg der Implantationszahlen dürfte auch die Mindestmengenregelung sowie die Zahl der an den Krankenhäusern operierenden niedergelassenen Kollegen eine Rolle spielen.

#6 |
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Dipl.Ing. Christian  Varchmin
Dipl.Ing. Christian Varchmin

Sehr geehrter Herr Graetzel,
weil ich persönlich miterlebt habe, welch schweres Schicksal ein Patient zu ertragen hat, dem z.B. eine Knie-
Endoprothese fehlerhaft implantiert worden ist – auch das
kommt leider noch viel zu oft in Deutschland vor – bitte
ich Sie, im Zusammenhang mit dem neu einzuführenden
Endoprothesenregister nicht nur davon zu sprechen, “das es
möglich ist, das Schicksal einzelner Prothesen nachzu-
verfolgen” sondern auch davon, dass menschliche Schicksale
dahinter stehen, die durch die disziplinierende Eigenschaft eines Endoprothesenregisters reduziert werden
können, wie in Schweden nachgewiesen.
Danke für diesen Artikel und freundliche Grüße,
Christian Varchmin

#5 |
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Céline Maywald
Céline Maywald

das Kantonsspital St Gallen (Schweiz) führt seit längerem ein solches Prothesenregister für Knie- und Hüftprothesen. Auch die Revisionen werden dort festgehalten. Leider hatte ich als PJ’lerin keinen Einblick in die Zahlen…

#4 |
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Dr. Uwe Fuhrmann
Dr. Uwe Fuhrmann

Noch mehr Bürokratie und selbsternanntes Spezialistentum, als ob es nicht schon für Hüften und Knieprothetik eine Mindestmengenregelung und Qualitätserhebungen gibt, die eigentlich nur vernünftig ausgewertet und überarbeitet werden müssen. Wer sagt denn übrigens, dass nur “die Krankenhäuser” an der Steigerung Schuld tragen, oftmals sind es doch eher die niedergelassenen Kollegen, die an den Krankenhäusern zwar operieren, aber eigentlich als niedergelassene Belegärzte davon mehr proftieren !

#3 |
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Als Patient bekomme ich da Angst!
Habe schon ein neues Kniegelenk und muß trotz meiner Krebserkrankung nun noch zwei neue Hüftgelenke bekommen, ich bete es möge alles gut verlaufen und ich nicht zu allem auch noch von einer Rückrufaktion betroffen sein werde.
Mein Orthopäde ist sehr guter Operateur, da hoffe ich auf Wachsamkeit und Information des Patienten-rechtzeitig-.

#2 |
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guter Beitrag ! Info wichtig !
wo kommen die Zahlen über die Menge der Implantationen her?
können auch Zahlen über die Menge der Wechsel-Operationen gemacht werden ? am besten in aseptische Lockerung und sept.Lockerungen unterteilt.
Lg Hans R. Strohauer

#1 |
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