Verhütungsspritze für den Mann: Zurück auf Los

4. November 2016
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Hormonelle Kontrazeptiva für Männer erwiesen sich in einer Studie zwar als wirksam. Aufgrund schwerer Nebenwirkungen wie etwa Veränderungen der Libido wurden alle Tests abgebrochen. Konzeptionelle Fehler kamen mit hinzu.

Bereits 1990 fanden Wissenschaftler heraus, dass Testosteron die Produktion von Spermien unterdrückt, wenn auch nur in extrem hoher Dosierung. Labors kombinierten Testosteron mit unterschiedlichen Gestagenen. Als besonders vielversprechend erwiesen sich Testosteronundecanoat plus Norethisteronenantat. Jetzt liegen Ergebnisse der Phase-II-Studie vor.

Erfolgreicher Schutz

Forscher rekrutierten 320 Männer aus sechs Ländern. Alle Probanden waren 18 bis 45 Jahre alt und hatten keine Vorerkrankungen. Sie erhielten die Kombination beider Wirkstoffe alle acht Wochen in Form einer intramuskulären Injektion. Bei rund 96 Prozent aller Teilnehmer lag die Spermienkonzentration schließlich unter einer Million pro Milliliter. Darunter ist eine Befruchtung extrem unwahrscheinlich. Insgesamt wurden vier Partnerinnen der Männer schwanger. Das entspricht einem Pearl-Index von zwei. Zum Vergleich: Bei hormonellen Kontrazeptiva für die Frau werden Werte unter eins erreicht. Ganz klar: Das Prinzip funktioniert, wäre aber noch zu verbessern. Probleme lagen an einer anderen Stelle.

Teils schwerwiegende Nebenwirkungen

Die Verhütungsspritze führte zu 1.491 unerwünschten Ereignissen. Da es keine Vergleichsgruppe gab, blieb in vielen Fällen unklar, ob sich der Effekt kausal mit Hormonen in Verbindung stand. Die Autoren führten 29 Prozent „eindeutig“ und weitere 40 Prozent „wahrscheinlich“ auf ihr Präparat zurück. Als „eindeutig“ wurden Akne (45,9 Prozent), lokale Reaktionen an der Injektionsstelle (23,1 Prozent), Veränderungen der Libido (42,2 Prozent), und Stimmungsschwankungen (16,9 Prozent) bewertet.

Eine schwere Depression, ein Paracetamol-Abusus und eine Tachykardie führten schließlich zum Abbruch der Studie. Die Nebenwirkungen stünden laut Artikel „möglicherweise“ mit der Kontrazeption in Verbindung. Jetzt geht es zurück auf Los, um Präparate sicherer zu machen.

21 Wertungen (3.95 ø)
Medizin, Urologie

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18 Kommentare:

Dr. rer. nat. habil. Willibald Schliemann
Dr. rer. nat. habil. Willibald Schliemann

Norethisteronenantat —> Norethisteronoenantat

#18 |
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Gästin
Gästin

Herr Beydek: Haben Sie überhaupt gelesen/verstanden was ich geschrieben habe?

Inwiefern die “Tatsachen der Biologie” aussen vorlassen? Die “Tatsachen der Biologie” hat doch Herr Dr. Schätzler bereits auf wunderbar ausführliche und eindringliche Art und Weise dargelegt. Und ich habe ihm zugestimmt, ich finde eine Umverteilung eines nebenwirkungsreichen Eingriffes in den Hormonhaushalt auf die Männer nicht zielführend! Zumal der Hormonhaushalt der Frauen sich aus den von Herrn Dr. Schätzler angeführten Gründen auch etwas besser für einen medikamentösen Eingriff anbietet (auch wenn das manchen ungerecht erscheint).

Ich habe lediglich ergänzt dass meiner Erfahrung nach Frauen oft mit mehr Enthusiasmus und damit auch zuverlässiger verhüten und ich für mich persönlich diese Aufgabe in der Vergangenheit als primär die meinige betrachtet habe, obwohl es natürlich bequemer gewesen wäre sie meinem Partner zu überlassen (und ich habe vermutet dass mann mir deswegen wohl Sexismus vorwerfen könnte…. )

Da ich die Frechheit besessen habe in meinen Ausführungen die Worte “Gleichberechtigung” und “Sexismus” zu verwenden, (bitte vergeben Sie mir) mussten Ihnen als flüchtiger Leser diese beiden Worte ja genügen um zu dem Schluß zu kommen dass mein Kommentar und der von Gast Nummer 14 genau das gleiche beinhalten… dabei ist so ziemlich das Gegenteil der Fall.
Noch einmal in einfachen Worten: Ich würde nicht wollen dass mein Mann sich eine solche “Therapie” zumutet, weil ich erstens aus eigener Erfahrung weiss wie unangenehm so etwas sein kann und zweitens würde ich es nicht als Akt der Gleichberechtigung empfinden.

#17 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

zu # 14 und # 15 Wie kann man bei so einer Problematik die grundlegenden Tatsachen der Biologie so völlig außen vor lassen – und von “Doppelmoral” und “Sexismus” sprechen ??

#16 |
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Gästin
Gästin

Meine eigene Erfahrung mit den Nebenwirkungen der “Pille” waren trotz nur leichter Ausprägung unangenehm genug um mich nun nach anderen Verhütungsmethoden umzusehen. Dennoch schätze ich dieses Medikament und möchte die schönen Jahre des unbekümmerten Liebeslebens die es mir und meinem Mann geschenkt hat nicht missen.
Auch wenn ich mir generell mehr Gleichberechtigung in der Verhütung wünschen würde halte ich es für wenig zielführend einfach dem Mann anstatt der Frau die Last einer Hormonbehandlung aufzubürden. Damit ist doch niemandem geholfen!

Man mag es ungerecht finden Frauen die Initiative in der Verhütungsfrage allein aufzubürden, andererseits sind es oft die Frauen für die eine ungeplante Schwangerschaft schwerwiegendere Folgen hat, deshalb glaube ich dass Frauen (von Unsicherheit und Zukunftsängsten getrieben) unabhängig von der gewählten Methode zuverlässiger verhüten als Männer. Das mögen die Männer jetzt wiederrum ungerecht und sexistisch finden aber ich würde einem Mann diese besondere Verantwortung für meine Zukunft nicht so ohne weiteres übertragen… dafür braucht es ganz besonders viel Vertrauen.

#15 |
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Gast
Gast

Sehr ähnliche Nebenwirkungen gibt es bei der Pille für die Frau auch – aber wenn Frauen darunter leiden ist das wohl nicht weiter tragisch? Wehe dem jedoch die feinen Herren haben darunter zu leiden dann ist es ein Unding, sollen doch lieber Frauen sich weiter damit herumschlagen. Doppelmoral.

#14 |
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die Enzyme für die Spermiogenese entsprechend anzugehen. Doch soweit ist die Forschung noch nicht. Es war für Fachleute damals schon ersichtlich, dass eine derartig unwissenschaftliche “Verhütung”, die noch nicht einmal sicher ist, obsolet sein wird.

#13 |
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Diese Untersuchungen sind nicht neu. Ich habe schon Ende der 90er Jahre auf dem Kongress in Wien darauf hingewiesen, dass eine Kombination von Testosteron mit Gestagenen bei der starklen Leberbelastung die Bindungsproteine stark gesenkt werden und die Cholesterin-Werte ansteigen. Die Probanten hatte man sich damals in Asien ausgesucht (denn bei den Infarkten und Schaganfällen waren keine Regresse zu befürchten). Der gesundheitliche Schaden war imminent. Die Fa. Bayer hat nach Übernahme von Schering die “Forschung” des umstrittenen Professors klugerweise abgebrochen. Ich habe damals schon dafür plädiert, die Enzyme

#12 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Chemie / biol. Anthropologie

zu 10 : Genau zu so einer Meinnung habe ich meinen Post abgegeben.

#11 |
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marina geyer
marina geyer

Wenn die Männer die Kinder austragen und großziehen müssten, hätte MANN schon längst DIE Pille für den Mann. Aber da die Frauen ja keine Nebenwirkungen haben, warum weiter forschen? Ein Schelm, der Böses dabei denkt…

#10 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

zu #1 : Sehr fundiert finde ich die eingehende Erklärung, warum Verhütung bei Männern so viel schwieriger ist.

#9 |
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Mitarbeiter von DocCheck

#3 Liebe Frau Dr. Regitz-Zagrosek, wir haben den Begriff „Ergebnisse“ im Text mit der Originalstudie verlinkt, hier können Sie den Bericht nachlesen: http://press.endocrine.org/doi/pdf/10.1210/jc.2016-2141
Liebe Grüße aus der DC-News-Redaktion

#8 |
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Gast
Gast

Darf man mal lachen? Stimmungsschwankungen und Akne? Wie gut, dass Frauen gegen Nebenwirkungen wie Migräne und Schlaganfall immun sind!

#7 |
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@ Sehr verehrte Frau Kollegin, Univ.-Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Center for Cardiovascular Research (CCR) – Charité – Universitätsmedizin Berlin: https://www.ccr.charite.de › forschung

QUELLE: “Efficacy and Safety of an Injectable Combination Hormonal Contraceptive for Men” von Hermann M. Behre et al. (J Clin Endocrinol Metab 101: 0000–0000, 2016)
http://press.endocrine.org/doi/abs/10.1210/jc.2016-2141
mit Anregungen von Prof. Dr. med. Eberhard Nieschlag, MD, professor emeritus at the University of Münster.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

#6 |
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Dr Christiane Schnell
Dr Christiane Schnell

Und wie verhalten sich diese Nebenwirkungen im Verhältnis zu denen die Frauen erleiden?

#5 |
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Verminderte Libido, depressive Stimmung, verringerter Antrieb, Gewichtszunahme sind auch bei Frauen, die hormonell verhüten, nicht selten. Ich habe das mir verordnete Präparat daher nach 3 Wochen abgesetzt und auf andere Verfahren zurückgegriffen.
Hin und wieder redet man ja am Arbeitsplatz unter Kolleginnen auch über solche Themen, und mich hat erstaunt, dass nach meiner Begründung meiner Entscheidung fast die Hälfte der Kolleginnen binnen eines Jahres auch anders verhütete. Ich denke, dass dann beim Arzt auch vermehrt Fragen nach Alternativen gestellt wurden und die Nebenwirkungen nicht mehr als “hinnehmbar” galten.

#4 |
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Prof. Dr. med. Vera regitz-zagrosek
Prof. Dr. med. Vera regitz-zagrosek

wo bitte steht der Originalartikel?

#3 |
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Apotheker

Der hormonelle Ansatz ist schlicht und ergreifend der falsche Zugangspunkt für das System.

Während bei der Antibabypille auf einen schon im Körper vorhandenen Regelkreis zugegriffen wird (‘Scheinschwangerschaft’), bei dem man quasi nur den eingebauten Schalter umlegen muss, gleicht der hormonelle Eingriff beim Mann einem Flächenbombardement.
Eine endogene Unterdrückung der männlichen Fertilität ist evolutionär zu keinem Zeitpunkt vorgesehen.

Man sollte also den Ansatz wechseln und lieber den Antikörper-Ansatz weiter verfolgen, der früher in die Spermatogenese eingreift. Die Nebenwirkungen sollten sich hier eher in Grenzen halten.
Ein weiterer Vorteil wäre zudem die ‘Haltbarkeit’ der Verhütung: Pro Spritze könnte Mann einige Monate sicher verhüten. Und: Er könnte gleich noch ein vorzeigbares Dokument vom Arzt mitbekommen: “SAFE”. :-)

#2 |
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Warum die “Pille für den Mann” scheitern muss?
Im Schnitt beträgt das Volumen eines menschlichen Samenergusses 2 bis 6 ml, wobei 1 ml durchschnittlich 20 bis 150 Millionen Spermien enthält. Das sind 0,5 % des gesamten Ejakulats – der Rest ist Samenflüssigkeit” aus Hoden bzw. Nebenhoden (5%), Samenbläschen (65–75%), Prostata (10–30%) und Cowperschen Drüsen (2–5%) … nach https://de.wikipedia.org/wiki/Sperma
“Ein Ejakulat (ca. 2-6 ml) enthält etwa 20 bis 150 Millionen Spermien. Dies sind weniger als 1% des Gesamtvolumens” (http://flexikon.doccheck.com/de/Sperma).
Aus diesen beiden Quellen ergibt sich eine durchschnittliche Spermien-Anzahl von 340 Millionen pro einzelnes Ejakulat mit einer Streubreite von 40 bis 900 Millionen Spermien pro einzelnen Samenerguss. Biologisch ist diese überbordende Menge deshalb angelegt, damit letztlich nur ein einziges männliches Spermium die weibliche Eizelle in einem engen Zeitfenster erreichen und befruchten kann (Ausnahme zweieiige Zwillinge).
Während der fertilen Lebensphase der Frau treten pro Jahr etwa 13-14 Eisprünge (Achtung: Gemini) auf. Im selben Jahres-Zeitraum werden aber Milliarden von Spermien produziert und aufgelegt, die potenziell zu einer Konzeption führen könnten. Es braucht einen gewaltigen, kontinuierlich aktivierten pharmakologisch-logistischen Aufwand, um derart exorbitant hohe Spermienwerte in den sub- bis infertilen Bereich herunterzudrücken.
Zur Unterdrückung der Ovulation bei der Frau genügt ein minimaler endokrin-pharmakologischer Aufwand: Ludwig Haberlandt (1885 bis 1932) war mit seiner Erstpublikation 1921 d e r Pionier der hormonalen Empfängnisverhütung. Auf Grund massiv-kirchlicher Anfeindungen und religiös-fundamentalistischer Drohungen beging er 1932 Suizid. Deshalb konnte erst 1960 die allererste “Antibabypille” nach Vorarbeiten von Walter Pinkus, John Rock und Min Chueh Chang produziert werden. Entscheidend waren Grundlagenforschungen des Austria-Amerikaners Carl Djerassi (1923 bis 30.1.2015) gemeinsam mit dem Mexikaner Miramontes zur Erst-Herstellung von Gestagenen 1951 gewesen. Keiner hat dafür übrigens jemals einen Nobelpreis (Medizin/Chemie) bekommen.
Beim Mann sind regelmäßige Testosteron-Injektionen, -Implantate oder topische Nestoron-Gel Anwendungen neben anderen, scheinbar brauchbaren Substanzen problematisch. Nur mit sehr hohen Dosierungen unterschritten Männer nach 20 Tagen die Spermien-Grenz-Konzentrationen von unter 1 Million/ml. Das ist nur r e l a t i v sicher, da ein 1%-Schwangerschaftsrisiko pro Jahr (!) bestehen bleibt. Und bei den Nebenwirkungen sind Akne und Haarverlust euphemistisch-untertreibend. Der langfristige H y p o g o n a d i s m u s, die Schrumpfung von Penis und Hoden, sind wie bei Anabolika-Abusus betreibenden Bodybuildern das entscheidende Problem! “Ordentlich Muckis, aber nix in der Hose” heißt es salopp.
Ungelöst ist das Problem der männlichen Non-Responder: Als ich 10 Jahre lang im Essener Lore-Agnes-Haus der AWO auf dem Gebiet der Familienplanung, Schwangerschaftskonflikte und Fragen der Sexualität gearbeitet habe, sagte meine Chefin “Männer, die erfolgreich selbst die Pille für den Mann einnehmen und diese auch nicht gerade vergessen haben, müssten eigentlich als Nebenwirkung grüne Ohren bekommen, damit Frau auch weiß, dass sie sicher sein kann”.
Sicher sind sich übrigens auch Dr. M. Y. Roth et al. in ihrer ‘ANDROLOGY’-Publication nicht (DOI: 10.1111/andr.12110). Sie schreiben unter dem Titel: “Male hormonal contraception: looking back and moving forward”
“Summary – …Women and men support the development of reversible male contraception strategies, but none have been brought to market. Herein we review the physiologic basis for male hormonal contraception, the history of male hormonal contraception development, currents agents in development as well as the potential risks and benefits of male hormonal contraception for men.”
Das heißt, völlig frei übersetzt, so viel wie “Nix Genaues weiß man nicht”!
MfG
PS: Während meiner klinischen Studienzeit an der FU Berlin habe ich beim gyn.-endokrinologisch forschenden Professor Jürgen Hammerstein (*1925 in Berlin) im Rahmen eines experimentellen Forschungsprojekts den Wirkstoff Cyproteronacetat als potenzielles Mittel zur Empfängnisverhütung beim Mann kontrolliert eingenommen – “ja, ich war jung und brauchte das Geld”! Herausgekommen ist dabei allerdings nur eine antiandrogen wirksame Pille für die Frau (Diane® 35): Die Spermien-Suppression bei uns männlichen Versuchspersonen war viel zu schwach.

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