Migräne bei Kindern: Probier’s mal mit Placebo

8. November 2016
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Placebo-Präparate zeigten in einer kürzlich veröffentlichten Studie überraschend deutliche Wirkung gegen Migräne bei Kindern. Wissenschaftler fordern deshalb, kleine Patienten multidisziplinär und nicht pharmakologisch zu behandeln.

Etwa 12 Prozent aller Kinder leiden an Kopfschmerzen, die zu Migräne passen. Bis zur Pubertät erhöht sich der Anteil auf 20 Prozent. Gesicherte neurologische Diagnosen bleiben die Ausnahme. Scott W. Powers aus Cincinnati schätzt, es gebe US-weit mehr als sechs Millionen kleine Patienten. Ziel seiner Studie war, Möglichkeiten der pharmakologischen Prophylaxe auszuloten. Doch es kam anders.

Verordnung trotz schlechter Datenlage

In den USA verschreiben Kinderärzte bei häufigen Attacken das trizyklinische Antidepressivum Amitriptylin oder das Antiepileptikum Topiramat. Ob die Pharmaka bei Kindern und Jugendlichen wirken, war aus wissenschaftlicher Sicht bislang fraglich. Deshalb nahm Powers 361 kleine Migränepatienten zwischen 8 und 17 Jahren in eine Studie auf. Sie quälten sich elf Tage pro Monat mit Kopfschmerzen. Ihr Wert lag, gemessen am PedMIDAS-Fragebogen, bei 41 Punkten, was einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität entspricht.

Anschließend teilten Forscher alle Patienten randomisiert in drei Gruppen ein. Sie erhielten 24 Wochen lang Amitriptylin, Topiramat oder Placebo. Die Arbeit überrascht, da keine pharmazeutischen Hersteller als Sponsoren in Erscheinung treten. Gelder kamen vom Children’s Hospital Medical Center, Cincinnati.

Wirkung ohne Wirkstoff

Als primären Endpunkt definierte Scott W. Powers eine Halbierung der Kopfschmerztage. Dieses Ziel erreichten 52 Prozent unter Amitriptylin, 55 Prozent unter Topiramat und sogar 61 Prozent unter Placebo. Die Unterschiede waren statistisch nicht signifikant. Allerdings kam es unter Amitriptylin häufiger zu Mundtrockenheit oder Müdigkeit. Topiramat führte öfter zu Gewichtsverlusten oder zu Parästhesien. Ein Selbstmordversuch (Topiramat) beziehungsweise eine Synkope (Amitriptylin) führten letztlich zum Abbruch der Studie.

Neue Empfehlungen wahrscheinlich

Powers geht trotzdem davon aus, dass seine Arbeit zu Änderungen der US-Verordnungspraxis führen wird. Momentan ist Topiramat bei Patienten zwischen 12 und 17 Jahren zur Prophylaxe des Migränekopfschmerzes zugelassen. Wann die FDA hier Änderungen plant, ist offen. Die Forscher raten in ihrem Beitrag jedenfalls, Kinder und Jugendliche multidisziplinär und nicht pharmakologisch zu behandeln.

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Forschung, Pharmazie

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2 Kommentare:

Sehr schöne Daten, die die eigene Erfahrung bestätigen. Kopfschmerz bei Kindern kann viele Ursachen haben, es ist viel seltener als vermutet die echte kindliche Migraine (bei der eine Attackenbehandlung meistens völlig ausreicht. Sehr oft bestehen psychosoziale Belastungen, u.a. überprotektive, gesundheitsbesessene oder überehrgeizige Eltern, mit festen Terminen vollgestopfte Nachmittage, ganz banal zu wenig Frischluft und Bewegung etc. Wirklich erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit ausgerechnet die beiden genannten Substanzen anscheinend in den USA bei Kindern eingesetzt werden. Eine Freundin im gebärfähigen Alter (inzwischen Mutter) bekam in Kalifornien gleich Valproinsäure als Prophylaxe bei einem chronischen Kopfschmerz verordnet (bei uns für solche Frauen obsolet), der sich ziemlich leicht per Skype- Ferndiagnose als Spannungskopfschmerz bei extremer akademischer Belastung diagnostizieren ließ. Also bei Kindern mit Kopfschmerz: gute Anamnese und genaue Kopfschmerzdiagnose sind viel hilfreicher als unkritische Medikamentenverschreibung.

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Susanne Gauder
Susanne Gauder

Als Kinderkrankenschwester auf einer chirurg. Station habe ich schon in den 80ern gute Erfahrungen mit Placebos gemacht. Keine Schmerzmittel ohne ärztliche Anordnung…aber Kinder mit schmerzen nach Frakturversorgung…anfangs aus purer Verzweiflung mit Milchzuckerpillen überbrückt…und der Arzt kam, Kind schlief und war schmerzlos.

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