Hirnforschung: Seh ich mich, versteh ich mich

25. Januar 2011
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Wer beim Neurofeedback auf dem Monitor seinen eigenen Gedanken zusieht, kann bestimmte Denkmuster ausschalten oder trainieren. Dass das etwa bei Konzentrationsschwächen oder Schlafstörungen funktioniert, haben nicht nur Pilotstudien erwiesen.

Ein ganz normales EEG? Mit zahlreichen Elektroden am Kopf sitzt der Patient gemütlich im Stuhl. Vor ihm beschreibt der Rechner auf dem Monitor die Signale, die von den elektrischen Lauschern ins Kopfinnere kommen. Aber etwas ist anders. Der Patient interessiert sich wesentlich mehr als der Arzt für die angezeigten Grafiken aus verarbeiteten Rohdaten. Sie verändern sich ständig: Mal erscheint ein Blumenfeld mit leuchtenden Farben, mal dann wieder wird das Bild blass und grau.

Sich beim Denken zusehen

Die Daten aus dem EEG des Patienten wandern nicht einfach in die Patientenakte, sondern sind hier Mittel zum Zweck. Wenn der Patient fast gleichzeitig – real time – das Ergebnis der Aktivität seines zentralen Nervensystems zu sehen bekommt, kann er es mit etwas Übung auch selber beeinflussen. Leuchtende Farben, wenn die Nervenzellen entsprechend der Vorgabe bestimmte Gehirnregionen dämpfen oder mit Volldampf arbeiten lassen. Trübes Winterwetter, wenn der Patient seine Gedanken in die falsche Richtung lenkt. Das ist Neurofeedback – sich selber beim Denken zusehen.

Mentale Störungen ohne die Erzeugnisse der Pharmaindustrie behandeln und die Nervenzellen im Gehirn fast einzeln anzusprechen – das erinnert an Münchhausen, der sich an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht – das klingt für einige nach wie vor nach Scharlatanerie und Quacksalberei. Dabei finden sich zu dieser Behandlungsstrategie immer mehr Erfolgsberichte auch in renommierten Fachzeitschriften – und immer mehr Krankheitsbilder, in denen diese Methode zu signifikanten Verbesserungen führt.

Ausbalancierte Theta- und Betawellen

Beispiele? Nicht nur einzelne Berichte wundersamer Heilungen, sondern systematische Untersuchungen gibt es unter anderem für die Aufmerksamkeits-Defizit-Störung ADHS.
Holger Gevensleben von der Uniklinik Göttingen publizierte im letzten Jahr eine große Studie mit mehr als 100 Kindern. Auch mehr als ein halbes Jahr nach den Neurofeedback-Übungen waren die Testergebnisse noch besser als etwa bei einem computergestützten Aufmerksamkeitstraining. Im Mittelpunkt des Trainings stand dabei ein Gleichgewicht von Beta- und Theta-Wellen, das bei ADHS-Patienten gestört ist. „Auch Kinder mit ADHS können lernen, ihre Gehirnströme zu kontrollieren“, erläutert etwa Ulrike Leins von der Universität Tübingen in Gehirn und Geist.

In der Praxis betrachtet der Schüler den Bildschirm, auf dem ein Junge auf einem Seil balanciert. Um das „Spiel“ zu gewinnen, muss er seine Gedanken so in Ordnung bringen, sodass die Theta-Aktivität verringert und die der Betawellen erhöht wird. Jedes mal, wenn das gelingt, bringt er den Artisten einen Schritt weiter in Richtung Ziel. Ähnlich verläuft das Training für langsame kortikale Potentiale (SCP), die für die kortikale Exzitabilität stehen. Hier besteht die Aufgabe etwa darin, eine Kugel von ihrer Geraden nach oben (= Abnahme der Exzitabilität) oder unten (Zunahme) abzulenken. Andere Programme arbeiten mit Bildern wie einer Blumenwiese und welkenden Pflanzen. „Buzz: A Year of Paying Attention“ ist ein Buch der ADHS-betroffenen Pulitzer-Preisträgerin Katherine Ellison über die Therapie ihres Sohns – auch mit Hilfe von Neurofeedback, von dem sie in einem großen Artikel in der New York Times erzählt.

Tele-Neurofeedback

Epilepsie, Autismus und chronische Schmerzsyndrome wie Fibromyalgie sind andere Experimentierfelder für diese Technik. Neurofeedback, ernsthaft als Therapieoption eingesetzt, sollte immer unter der Aufsicht eines Experten stehen, muss aber nicht in dessen Praxis stattfinden. Die Untersuchungen von Aisha Cortoos aus Brüssel zeigen, dass inzwischen sogar Tele-Feedback erfolgreich ist. Unter ihrer Anleitung bei den ersten Kontakten mit dem EEG und dann unter telefonischer und Online-Betreuung trainierten Patienten, die unter Schlaflosigkeit litten, zu Hause ihre Theta-Wellen und steigerten damit ihre effektive Schlafzeit.

In die Klinik kommen muss dagegen auf jeden Fall, wer eine genauere Lokalisation der Nervenzentren braucht, die es zu trainieren gilt. Im Gegensatz zum „oberflächlichen“ EEG sitzen die Elektroden bei der Elektrokortikografie unter der Schädeldecke auf der Kortexoberfläche. Fehlende Störsignale erhöhen die Empfindlichkeit und Spezifität. Der direkte Gehirn-Kontakt birgt aber auch Gefahren, wie etwa die einer Infektion. Bisher beschränken sich deswegen die Erfahrungen auf Kurzzeit-Implantate bei chirurgischen Eingriffen an Epilepsie-Patienten und an Tierversuchen mit Affen. Schon weiter ist man mit einer Technik, bei der funktionelle Magnetresonanz die Daten generiert. Sie erlaubt es, sich beim Mentaltraining an der Aktivität bestimmter Gehirnstrukturen zu orientieren. Nora Volkow vom amerikanischen „National Institute for Drug Abuse“ gelang es so, das Verlangen nach Suchtbefriedigung mit Alkohol oder Nikotin von der vermeintlichen „Belohnung“ abzukoppeln.

FDA: Entspannungshilfe ohne medizinische Indikation

All diese Trainingssitzungen kosten aber viel Geld, zumeist liegt der Betrag im vierstelligen Bereich. Mangels großer Studien ist auch die US-Gesundheitsbehörde FDA noch nicht von der Wirksamkeit des Neurofeedback überzeugt und stuft es als Hilfe zur Entspannung, aber noch nicht wirksam für medizinische Indikationen ein. Dementsprechend zahlen die Kassen auch bei uns nur in Ausnahmefällen die Behandlung. Dort, wo die Grenzen zwischen Biofeedback einschließlich Neurofeedback und etwa Bioresonanz verwischen, sind die Fronten zwischen Kritikern und Anhängern noch ziemlich starr, wie auch die Reaktionen auf einen Biofeedback-Artikel bei DocCheck im Herbst letzten Jahres gezeigt haben. Wenn es etwa um die motorische Rehabilitation von Schlaganfall-Patienten mittels Elektromyografie-Feedback geht, kommt auch ein systematischer Cochrane-Review zu keinen klaren Ergebnissen und verlangt nach mehr Studien.

Jenseits aller medizinischen Indikationen forschen Feedback-Experten bereits an weiteren Anwendungsmöglichkeiten. fMRI-Neurofeedback könnte soziopathischen Verbrechern helfen, fehlende Signale von der Amygdala wiederzugewinnen. Denn ohne negative Einordnung ihrer Taten durch den Mandelkern könnten viele Kriminelle ihre Schuld gar nicht erkennen, davon ist Niels Birbaumer von der Universität Tübingen überzeugt.

Um den Vorwurf teurer Scharlatanerie loszuwerden, müssen sich Biofeedback-Anwender wohl in Zukunft einer strikten Qualitätskontrolle unterziehen. Die amerikanische „International Society for Neurofeedback and Research“ hat damit bereits begonnen. Einige Mitglieder sind vom Biofeedback Institute of Amerika zertifiziert und haben sich zu einem „Code of Ethics“ für ihre Therapien verpflichtet. Zusammen mit weiteren Studienbeweisen und sinkenden Kosten könnte das vielleicht auch die Kassen von der Wirksamkeit von Neurofeedback überzeugen.

121 Wertungen (4.58 ø)
Medizin, Neurologie

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6 Kommentare:

Dr. med. Carsten Schmidt
Dr. med. Carsten Schmidt

biofeedback ist sichtbares denken, vergleichbar mit hörbaren gesprächen. vom prinzip einfach realisierbar, ohne jeden grund viel zu teuer, als video- bzw. pc-TV-spiel in etwas abgewandelter form längst sinnlos etabliert. wie immer ohne lobby, da nicht lukrativ vermarktbar, scheinbar teuer und die pharma will geld verdienen, was fehlt, wenn es auch ohne medis ginge, die akzeptanz ist dementsprechend träge, möglichkieten sind kaum gegegben, ich hätte spontan ca. 10 Patienten die in frage kommen würden, danke für ihren beitrag

#6 |
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Naturwissenschaftler

Auf jeden Fall ist dieses Forschungsergebnis ein Schritt in die nützliche Weiterentwicklung.

Ich hoffe, dass die Biotechniks-Entwickler die korrekte Zuordnung der Gehirnaktivität den mathematisch-elektrischen Vorgängen (Biofeedback) gründlich berücksichtigt haben.

Denn eine falsche Zuordnung bedeutet eine falsche Interpretation!
D.h. richtiges Denken, falsches Denkes, anderes Denken, oder nichts Denken bzw. gemische Vorgänge sind alle Gehirnaktivitäten mit para-biochemische und messbare Aktivitäten behaftet.

Nur Signifigante Vorgänge ermöglichen korrekte Zuordnung: Aktivität —> BiofeedbackBild.
MfG.

#5 |
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Gesundheitsberaterin Susanne Beutner
Gesundheitsberaterin Susanne Beutner

Sehr anschaulich geschrieben. Ich stelle mir dazu eine kabelunabhängige Brille vor, die Menschen/Patienten verschrieben werden kann und die so zu Hause üben können gute Gedanken für ihr eigenes Leben zu entwickeln. Vielleicht auch einsetzbar bei Drepression…Für ADS-Betroffene eine sehr hilfreiche Methode, ich wünsche mir größere Studien dazu.

#4 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Dietrich Langen in Mainz, Chef der der ersten Psychotherapie-
Uni-Klinik deutscher Zunge unabhängig neben der Neuro-
logischen und der Psychiatrischen Klinik hatte bereits 1978
einfache Feedback-Vorrichtung zur Verftiefung des Autogenen
Trainings in Gebrauch. Ein gut sichtbares Hautthemometer
vermittelte dem AT – Trainierenden selbst kleinste Hauterwär-
mung des Unterarms über ein großes Galvanaometer – Dieser konnte bei verbaler entspannter Eigensuggestion (“der Arm ist gabz schwer und warm”) den
minimalsten peripheren Temperaturanstieg beobachten- und
fördern. Lustiger Nebeneffekt: einige Leute schliefen dabei ein. Wir sprachen dann von Selbsthypnose.- Nachfolger hielten solche “Mätzchen” für unwissenschaftlich und es waren die
Psychologinnen, die Langen sehr förderte, die das mit Recht
am meisten bedauerten.Heute ist die Technik stark verbessert.
Meine Darstellung ist hier im Rahmen unserer Diskussion stark
verkürzt. Mir gelang es immer wieder kritische Patienten, die
vom AT nichts hielten damit (s.o.) zu überzeugen.- Danke! eht

#3 |
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Sie sollten, verehrter Herr Lederer, der Wahrheit genüge tun: Es waren nicht Mediziner, sondern bio- und neuropsychologisch arbeitende Psychologen, die Biofeedback zur jetzigen Reife entwickelt haben. Viel ist diesbezüglich noch zu tun, wie Sie richtig und differenziert beschreiben. Und weil Sie einem der Großen, Niels Birbaumer, in diesem Zusammenhang erwähnen: Er hat vor etwa 20 Jahren eine EMG-Biofeedback-Prozedur entwickelt, von der insbesondere bei pubertierenden Mädchen mit Kyphoskoliose profitieren. Dann wurde die Behandlungsmaßnahme in einer othopädischen Klinik angewandt. Ärztlicherseits wurde diese Behandlung dem mittleren medizinischen Personal übertragen. Das Ergebnis: Kaum Behandlungseffekte, weil es zur kompetenten Anwendung von Biofeedback mehr bedarf als nur Elektroden anzukleben. Die Behandlungsmaßnahme wurde die Gruppe der Schalatanerie zugewiesen – wie es so manchen Maßnahmen des Psycho-Sektors ergeht. Eigentlich schade!

#2 |
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sehr gut geschrieben,hoffe auch auf guten Biofeedback!MfG.

#1 |
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