Schweizer Forscher entzaubern Schmerzmittel

25. Januar 2011
Teilen

Für Apotheken kommt die Meldung wie ein Schock: Ausgerechnet viele der rezeptfreien Schmerzmittel erhöhen das Herzinfarktrisiko um das Vierfache. Was bedeuten die Ergebnisse für Apotheken?

Die Analyse trifft Arzneimittelhersteller ins Mark: „Wer regelmäßig – auch rezeptfrei erhältliche – Schmerzmittel einnimmt, setzt sich oft dem erhöhten Risiko aus, einen Herz- oder Hirninfarkt zu erleiden“. Die Organisation, aus dessen Feder das Statement stammt, zählt keinesfalls zu den glühenden Gegnern der Pharmaindustrie, im Gegenteil. Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) gilt als wichtigste Schweizer Institution zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Kooperationen mit Arzneimittelherstellern sind im Land von Alpen und Big Pharma eher der Normalfall. Umso mehr hallen die Ergebnisse des im Rahmen des Forschungsprogramms „Muskuloskelettale Gesundheit – Chronische Schmerzen (NFP 53)“ nach.

In der weltweit umfangreichsten Meta-Analyse von 31 klinischen Studien zu diesem Thema ist juristisch wasserdicht belegt: Eine ganze Armada von nicht-steroidalen Entzündungshemmern bergen tödliche Risiken. In welchem Ausmaß diese Effekte belegbar sind, hat das Team um Peter Jüni vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern nach eigenen Angaben „neu quantifiziert“.

Schon die Datenmenge hat es in sich. Die Angaben von 116429 Patienten flossen in die wohl umfangreichste Netzwerk-Meta-Analyse zu diesem Thema ein. Grund genug, um die Arbeit im „British Medical Journal“ als open access Veröffentlichung unterzubringen. Die Kernaussage ist unmissverständlich. „Wegen ihrer – oft unterschätzten – kardiovaskulären Risiken ist bei dieser Klasse von Schmerzmitteln Vorsicht geboten“, betont Sven Trelle, Erstautor der Studie.

Tatsächlich standen Nebenwirkungen der Wirkstoffe Naproxen, Ibuprofen, Diclofenac, Celecoxib, Etoricoxib, Rofecoxib und Lumiracoxib im Mittelpunkt der Analyse. Zwar kommen diese Mittel oft nur bei älteren Patienten zum Einsatz, die neben ihren muskuloskelettalen Beschwerden ohnehin mit Herz-Kreislaufproblemen vorbelastet sind, wie die SNF erklärt, nur: „Ohne Medikamente stirbt daran im Durchschnitt während eines Jahres einer von hundert Patienten“. Was sich bei Einnahme der Präparate rasch zu Ungunsten der Patienten ändern kann. Alle untersuchten Medikamente seien “mit einem erhöhten Risiko für Herz- oder Hirninfarkt verbunden”.

Der Studie zufolge bergen das rezeptfrei erhältliche Diclofenac und der COX-2 Hemmer Etoricoxib das höchste Risiko. Beide Mittel gingen im Vergleich zum Placebo „mit einer vierfach erhöhten Herz-Kreislauf-Sterblichkeit einher“, wie die SNF schreibt. Das günstigste Risikoprofil hingegen weise Naproxen auf. Hier allerdings müsse man mit erheblichen Nebenwirkungen im Bereich des Magen-Darm-Traktes rechnen.

Risiken kommen nicht überraschend – aber geballt

An Hinweisen, dass die Mittel enorme Risken bergen könnten, hat es freilich auch vor der Schweizer Studie nicht gefehlt. Schon im Jahr 2000 outete die VIGOR-Studie den Wirkstoff Rofecoxib als potenziellen Herzinfarkt-Auslöser, damals noch schien das jetzt ebenfalls als riskant geltende Naproxen eine Alternative. Die sogenannte APPROVe-Studie wiederum führte im September 2004 zum weltweiten Verbot von Rofecoxib, im April 2005 verschwand eine andere Substanz, Valdecoxib, aus den Apothekenregalen.

Bedauerlich nur: Ausgerechnet die Indikationsgruppe der Antiphlogistika und Antirheumatika, zu denen diese Wirkstoffe allesamt zählen, generiert erhebliche Umsätze im Apothekengeschäft. So stieg der Verbrauch der verordneten Tagesdosen seit 1996 um 40 Prozent. Die Teilindikationsgruppe der NSAR, darunter auch Blockbuster wie Ibuprofen, machen hierbei sogar den Löwenanteil aus.

Wie sich die aktuellen Schweizer Forschungsergebnisse auf den Umsatz in den Apotheken auswirken werden, lässt sich anhand des Blicks in die Vergangenheit unschwer erahnen. Von 2007 bis 2009 beispielsweise stieg innerhalb der NASR-Gruppe der Ibuprofenanteil an – jene Schmerzmittel aber, denen die Europäische Zulassungsbehörde EMA im Jahr 2006 kardiovaskuläre Nebenwirkungen attestiert hatte, fielen zurück.

„Das Committee for Medical Products For Human Use (CHMP) ist zu der Ansicht gelangt, dass Diclofenac ein ähnlich hohes thrombotisches Risiko haben könnte wie das Coxib Etiroxocib“, heißt es dazu im aktuellen Arzneimittel-Atlas 2010.

„Unsere Resultate erlauben zwar keine Rückschlüsse auf mögliche Nebenwirkungen von Wirkstoffen, die wir nicht untersucht haben“, erklärt Jüni die jetzige Studie und begründet die Lücke mit fehlenden Daten. Eine Entwarnung ist das kaum, wie die SNF abshcließend betont: „Keinesfalls dürfe man deshalb aus den fehlenden Sicherheitsdaten schließen, dass die anderen Schmerzmittel nebenwirkungsfrei seien“

37 Wertungen (3.92 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: