Nahrungsergänzungsmittel: Nimm null

8. November 2016
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Apothekenkunden schätzen Nahrungsergänzungsmittel bei allen erdenklichen Wehwehchen. Wissenschaftliche Fakten interessieren sie dabei kaum, berichten Forscher. Das hat Folgen: Manche Präparate schaden mehr als sie nützen.

Im Jahr 2015 stieg die Nachfrage nach Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) um plus 11,8 Prozent auf 153 Mio. Packungen. Das berichtete IMS Health vor wenigen Tagen. An der Spitze standen Magnesium und Calcium, gefolgt von Eisen und weiteren Mineralstoffen.

Nahrungsergänzungsmittel: Umsatz 2015

Quelle: IMS Helth

Elizabeth D. Kantor, New York, wollte wissen, welche langfristigen Trends es gibt. Sie wertete jetzt Daten des repräsentativen National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) aus. Alle 37.958 Teilnehmer wurden zwischen 1999 und 2012 sieben Mal befragt. Rund 52 Prozent griffen im Beobachtungszeitraum zu NEM. Signifikante Änderungen hinsichtlich der Gesamtzahl an NEM fand Kantor nicht. Sie berichtet jedoch, dass sich die Präferenzen von Apothekenkunden geändert haben. Zwischen 1999/2000 und 2011/2012 verringerte sich der Einsatz diverser Multivitamin- und Multimineralpräparate von 37 auf 31 Prozent. Im gleichen Atemzug schluckten mehr Amerikaner Vitamin-D-Präparate (5,1 versus 19 Prozent). Supplemente mit Fischöl gewannen ebenfalls an Bedeutung (1,3 versus 12 Prozent). Experten schütteln nur den Kopf.

Wissen schützt nicht vor Schaden

In einem Kommentar spricht Pieter A. Cohen aus Cambridge, Massachusetts, vom „Supplement-Paradoxon“:

Obwohl im vergleichsweise langen Studienzeitraum viele Veröffentlichungen erschienen sind, haben Konsumenten darauf nur selten reagiert. Sie nehmen beispielsweise nach wie vor Chondroitinsulfat und Glucosamin ein, obwohl Wissenschaftler an der Wirkung zweifeln. In anderen Bereichen wie Vitamin C, Vitamin E oder Selen führt Cohen rückläufige Trends sehr wohl auf kritische Medienberichte zurück.

„Angesichts des derzeitigen regulatorischen Rahmens scheint selbst eine hochwertige Forschung wenig Auswirkungen auf die Nutzung von NEM zu haben“, moniert der Wissenschaftler. Kritische Produkte wie rot fermentierter Reis oder Yohimbe-Pulver seien zwar vom Markt fast verschwunden. Allerdings kämen synthetische Stoffe mit schädlicher Wirkung neu hinzu.

Bereits im Jahr 2014 warnte der Forscher vor Gefahren für Verbraucher. FDA-Ermittler zogen NEM nach Beobachtungen von Apothekern zurück. Im Labor fanden Chemiker illegale Substanzen wie Ephedrin oder Sibutramin. Kurze Zeit später waren die Präparate unter neuen Namen und mit verändertem Erscheinungsbild, aber mit kritischen Beimengungen, wieder erhältlich. Die Folge sind US-weit 23.000 Notfallbehandlungen pro Jahr.

Nutzen mit Brief und Siegel

Dass NEM bei bestimmten Grunderkrankungen durchaus einen Mehrwert bieten, ist immer wieder Thema der Forschung. Ein aktuelles Beispiel: Dongryeol Ryu aus Lausanne fand zumindest im Tiermodell einen neuen Ansatz zur Therapie der Muskeldystrophie vom Typ Duchenne. Im Verlauf der Erkrankung kommt es zu Schädigung von Mitochondrien. Schließlich steigt der Bedarf am Coenzym NAD+. Ein entsprechender Mangel konnte auch in Muskelzellen von Patienten nachgewiesen werden.

Sowohl beim Fadenwurm Caenorhabditis elegans als auch bei Mäusen mit Defekt im Dystrophin-Gen zeigte ein Derivat des Vitamins B3 wünschenswerte Effekte. Extrem hoch dosiertes Nikotinamid-Ribosid wirkte protektiv gegen Muskelschäden und verhinderte das Fortschreiten der Erkrankung. Kommerzielle Präparate sollen den Folgen des Alterns entgegenwirken, ohne dass es bislang geglückt ist, fundierte Beweise zu erbringen.

Schreckliche Salze

Ähnlich schlecht ist die Sachlage bei Chrom-III-Verbindungen. Professor Peter A. Lay aus Sydney warnt, Heilpraktiker würden auf Basis der orthomolekularen Medizin chromhaltige Verbindungen abgeben. Er verfolgte das Schicksal dreiwertiger Chromionen mit spektroskopischen Techniken. Als Ergänzung führte seine Gruppe Modellberechnungen durch. Lay zeigte, dass in einzelnen Bereichen von menschlichen Zellen reaktive Chrom-V- oder Chrom-VI-Spezies entstehen. Sie gelten als stark krebserregend. Bis weitere Daten vorliegen, warnt er Patienten, NEM mit Chromsalzen einzunehmen.

Zink ist ebenfalls in die Schusslinie geraten. Eine Analyse der Cochrane Collaboration aus dem Jahr 2013 zeigte noch, dass Patienten mit Erkältungskrankheiten profitieren – sehr zur Freude von Herstellern. Die folgende Arbeit aus 2015 wurde wegen methodischer Mängel zurückgezogen. Eric P. Skaar aus Nashville, Tennessee, geht noch einen Schritt weiter und spekuliert über schädliche Effekte. Erhielten Mäuse Zink über ihre Nahrung, veränderte sich die mikrobielle Zusammensetzung ihrer Faeces. Davon profitierte in erster Linie Clostridium difficile. Bei der gleichzeitigen Gabe von Cefoperazon traten Infektionen mit dem Keim auf.

Zur Übertragbarkeit auf Menschen äußert sich Skaar nicht. Allerdings berichtet das Robert Koch-Institut: „In Deutschland ergab eine Analyse der Entlassungsdiagnosen der Jahre 2000–2004 einen deutlichen Anstieg der C.-difficile-Infektionen von 7 auf 39 Fälle pro 100.000 stationärer Patienten, zwischen den Jahren 2004 und 2006 kam es noch einmal zu einer Verdoppelung.“ Gerade ältere, multimorbide Menschen sind betroffen. Diese Personengruppe setzt auch häufig NEM ein.

57 Wertungen (2.79 ø)
Forschung, Pharmazie

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11 Kommentare:

Apothekerin

#10 Dr. Martin Lorenz:

Vielleicht haben Sie da schon recht, dass das mit dem Rettungssanitäter kein gutes Argument war. Das muss und kann ich zugeben. Aber der Kommentar von #8 war eben AUCH eher beleidigend. Und mein Ansinnen war eigentlich nicht Herrn Kallweit zu beleidigen, sondern klarzustellen, dass man nicht von einem schwarzen Schaf auf eine ganze Berufsgruppe schließen darf. Ein anderes Beispiel hätte es da sicher genauso getan. Falls sich also Herr Kallweit dadurch beleidigt fühlt, tut mir dies leid.
Ich weiß nicht, wie oft ich Patienten schon von bestimmten NEM abgeraten habe, weil ich der fachlichen Meinung war, dass es Humbug oder sogar eher schädlich gewesen wäre und habe dadurch natürlich nichts verdient, außer vielleicht Kundenvertrauen u. -zufriedenheit, was manchmal mehr wert sein kann als ein Verkauf. Aber es ist eben auch nicht jedes NEM ohne Nutzen.

Und noch ein Wort zu den berufsimmanenten Tatsachen:

Ich hatte ein UNNÖTIG aufgeblähtes Warenlager durch doppel-, drei-, vier-, oder x-fach wirkstoffgleiche Medikamente gemeint. Und vernünftigerweise müsste das auch in unserer Überflussgesellschaft keine Apotheke haben, aber der Gesetzgeber bzw. die Krankenkassen wollen es so. Es sollte Ihnen also als Arzt auch verständlich sein, dass eine Apotheke nicht für jede Krankenkasse die richtige Firma von z.B. Ramipril (ca. 15 versch. Firmen pro Wirkstärke) oder was auch immer da haben kann. Deswegen geht es
halt- wie meist- am Endverbraucher raus und er muss wegen solcher Sachen doppelt kommen.

#11 |
  0

Ich finde #8, insbesondere aber #9 ziemlich unsachlich und tlw. beleidigend.
Besonders daneben finde ich das Zitat des vom Sanitäter vergewaltigten Mädchens. Das muß nicht sein, sowas hat als Argument nichts zu suchen, wenn einem sonst kein Argument einfällt. Und daß ein Apotheker ein großes Lager führen muß, ist eine ebenso berufsimmanente Tatsache, wie ein Arzt täglich mindestens 50 mehr oder weniger kranke Menschen sehen muß.

#10 |
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Apothekerin

[Kommentar wurde wegen beleidigenden Inhalts von der Redaktion gelöscht]

#9 |
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Rettungssanitäter

Herr van den Heuvel ,
bravo weiter solche Tatsachen .Auch wenn die gesamte Apothekerschaft Sturm läuft. Ein gutes hätte es ja …, in den Regalen könnte man doch dann Arzneimittel lagern die doch immer erst bestellt werden .
[Kommentar wurde wegen beleidigenden Inhalts von der Redaktion gekürzt]

#8 |
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Apothekerin

Gast 2:
Herr van den Heuvel wer bezahlt Sie eigentlich für solch unbewiesene Behauptungen aufzustellen?
Unterstehen Sie etwa Prof. Glaeske, der sowieso alles schlecht macht und damit sicher gut absahnt.
Oder werden Sie etwa von den Krankenkassen gesponsort?
Wie auch immer fundiert scheint Ihr Wissen ja nicht zu sein.

#7 |
  5
Gast
Gast

Über die 23 000 Notfallbehandlungen gab es hier schon mal einen Artikel,
an dem die Kommentare das Beste waren.
http://news.doccheck.com/de/109158/nahrungsergaenzung-mittel-mit-112-effekt/?utm_source=news.doccheck.com&utm_medium=web&utm_campaign=DC%2BSearch

#6 |
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Ehrlich gesagt: der Artikel ist für die Ablage P (=Papierkorb), nicht schlüssig in der Beweisführung und Mix aus gut und schlecht mit seltsamen Beispielen.
Sie sollten mal das Buch von Uwe Gröber “Interaktionen -Arzneimittel und Mikronährstoffe” lesen. Da gibt es genug nachgewiesene Fälle von Mikronährstoffräubern z.B Metformin ist ein Vitamin B12-räuber. Und es gibt noch viele Beispiele, bei denen den Patienten angeraten werden sollte, die Mikronährstoffe (Vitamine, Spurenelement und auch Mineralstoffe) zu supplementieren.

#5 |
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Spannend ist das Thema, aber so richtig weiter kommen wir mit diesem Artikel wohl nicht. Vielleicht sollte man in diesem Format einzelne Substanzen und nacheinander dann alle NEM-Gruppen auf Sinnigkeit durchforsten. Es gibt in diesem Sektor ja viel Unsinn und wenig Valides, aber gleich pauschal auf “nimm null” zu setzen?

#4 |
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Apotheker

In welcher Schusslinie soll denn Zink stehen? Durch das komische Mäusemodell und der Darmflora einer Maus, wahrscheinlich mit anorganischem Zink gefüttert?

#3 |
  3
DON
DON

“Professor Peter A. Lay aus Sydney warnt, Heilpraktiker würden auf Basis der orthomolekularen Medizin chromhaltige Verbindungen abgeben.”: Lieber Herr van den Heuvel, in Australien gibt es keine Heilpraktiker, da kann etwas nicht stimmen.

#2 |
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Undifferenzierter Artikel, in dem Äpfel mit Birnen verglichen werden. Wieviele Patienten sterben eigentlich an der korrekten Einnahme von zugelassenen Nahrungsergänzungsmitteln?

#1 |
  4


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