Weniger Ego, mehr Kontrolle

2. November 2016
Teilen

Es erfordert Selbstkontrolle, dem Impuls zu widerstehen, einer kleinen sofortigen Belohnung eine größere langfristige vorzuziehen. Eine neue Studie zeigt nun: Es ist leichter, vernünftig zu handeln, wenn man die Fähigkeit besitzt, sich in andere Personen hineinzuversetzen.

Neurobiologische Modelle der menschlichen Selbstkontrolle konzentrieren sich auf Mechanismen der Impulskontrolle und der Gefühlsregulation.

Jüngste Forschungsergebnisse an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Universität Zürich zeigen, dass Selbstkontrolle auch durch Mechanismen zur Überwindung von Selbstzentriertheit verstärkt werden kann.

Interesse vs. Vernunft

Sollte ich ein neues Auto kaufen oder mein Geld für den Ruhestand zurücklegen? Solche Situationen erfordern Selbstkontrolle, um der akuten Versuchung widerstehen zu können und sich im Einklang mit seinen zukünftigen Interessen zu entscheiden. Es ist mittlerweile eine gesicherte Erkenntnis, dass durch Mechanismen im präfrontalen Kortex Verlockungen in Schach gehalten werden können.

Perspektivenwechsel

Nun zeigt die Studie des Forscherteams, dass ein zweiter Mechanismus ebenfalls von Bedeutung für die Selbstkontrolle ist: Die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit auf zukünftige Bedürfnisse zu richten.

Die Gruppe untersuchte eine Region des menschlichen Gehirns, die uns erlaubt, die Sicht einer anderen Person während sozialer Interaktionen einzunehmen. Zu ihrer eigenen Überraschung fanden die Wissenschaftler heraus, dass diese Hirnregion auch eine entscheidende Rolle in Situationen spielt, in denen keine andere Person involviert ist.

Finanzielles Experiment

In der Studie trafen Testpersonen zwei Arten von Entscheidungen: Sie wählten zwischen einer kleineren, sofort verfügbaren finanziellen Belohnung oder einer größeren Belohnung in der Zukunft, sowie zwischen einer Belohnung nur für sie selbst, oder einer Belohnung, die zwischen ihnen und einer anderen Person geteilt wurde.

Die Forscher deaktivierten mithilfe nicht-invasiver Hirnstimulation die sogenannte „temporo-parietale Grenze“, eine Region an der hinteren Außenseite des Gehirns. Nach dem Ausfall dieser Hirnregion tendierten die Probanden der Studie zu Entscheidungen, die impulsiver (z.B. die Wahl der sofortigen Belohnung) und selbstsüchtiger (z.B. die Wahl des ausschließlich eigenen Nutzens) waren, und sie konnten schlechter die Perspektive anderer Personen einnehmen.

Fremdes Zukunfts-Ich

Der Zusammenhang zwischen dem Vermögen, Geduld auszuüben und der Fähigkeit, die Perspektive Anderer einzunehmen, wirft ein neues Licht auf die psychologischen und neurobiologischen Gründe der Selbstkontrolle.

„Aus einer neurowissenschaftlichen Sicht bewertet die temporo-parietale Grenze vermutlich das zukünftige Selbst wie eine andere Person“, erklärt Soutschek. „Das bedeutet, dass dieselben Hirnmechanismen, die notwendig sind, um Geduld für eine zukünftige Belohnung aufzubringen, auch die Fähigkeit steuern könnten, Geld und andere Güter mit anderen Menschen zu teilen.“

Diese Erkenntnis eröffnet aus Sicht der Experten neue therapeutische Wege, Defizite bei der Selbstkontrolle, die z.B. Suchterkrankungen oder Adipositas zugrunde liegen, zu behandeln.

Originalpublikation:

Brain stimulation reveals crucial role of overcoming self-centeredness in self-control
Alexander Soutschek et al.; Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.1600992; 2016

25 Wertungen (4.16 ø)
Medizin, Psychiatrie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: