ADHS: Vernünftiger verordnen

28. Oktober 2016
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Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) galten lange Zeit als Modediagnose in der Pädiatrie. Wie Insight Health jetzt berichtet, hat sich die Zahl ärztlicher Verschreibungen stark verringert. Auffälligkeiten gibt es dennoch.

Wo kommen nur all die ADHS-Patienten her? Auf Basis zahlreicher Studien berichtet Guilherme V. Polanczyk, São Paulo, dass die Lebenszeitprävalenz von ADHS bei sieben Prozent liegt. Er fand keine Belege, dass es in den letzten 15 bis 20 Jahren signifikante Änderungen gab. Warum Ärzte häufiger Methylphenidat und Co. auf ihren Rezeptblock schrieben, lässt sich wissenschaftlich nicht begründen. Insight Health zufolge kehrt sich der Trend jetzt wieder um.

Weniger ist mehr

Der Informationsdienstleister präsentierte Ergebnisse auf Basis von aktuellen GKV-Verordnungsdaten. Zwischen 2013 und 2015 ist die Zahl an ADHS-Patienten mit Pharmakotherapie um 15 Prozent gesunken. Betrachtet wurde die Altersgruppe bis 20. Daten des pharmazeutischen Großhandels spiegeln einen ähnlichen Trend wider. Hier kam es, gemessen an der Tablettenzahl, zu einem Rückgang um fünf Prozent.

In nahezu jedem zweiten Fall verordneten Neurologen die Präparate. Pädiater stellten jedes vierte Rezept aus, während Klinken oder Institute (15 Prozent) unter ferner liefen rangierten.

Regionale Unterschiede

Polanczyk weist in seiner Übersichtsarbeit darauf hin, es gebe bei der Verbreitung von ADHS keine regionalen Besonderheiten. Umso mehr überraschen die aktuellen Daten. Insight Health zufolge verordnen Mediziner in den neuen Bundesländern bei Patienten unter 20 Jahren deutlich seltener Pharmaka zur ADHS-Therapie als in den alten Bundesländern. Über die Gründe lässt sich nichts sagen – spielen Eltern eine Rolle? Die Frage bleibt offen.

Wirkstoffe unter der Lupe

Noch ein Blick auf die Pharmaka. Als Standard gilt nach wie vor Methylphenidat. Rund 88 Prozent aller verordneten Tabletten enthielten im ersten Halbjahr 2016 diesen Wirkstoff. Sollten Patienten Methylphenidat nicht vertragen oder sollte die Wirkung hinter den Erwartungen zurückbleiben, stehen Atomoxetin, Lisdexamfetamin und Dexamfetamin zur Verfügung.

Bei Lisdexamfetamin zeigt sich noch eine Besonderheit. Seit dessen Zulassung im Jahr 2013 wird die Substanz auf Kosten von Methylphenidat immer häufiger aufgeschrieben. Auf Dexamfetamin, das bei therapieresistenten Formen zugelassen ist, entfällt weniger als ein Prozent aller Verordnungen.

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Forschung, Pharmazie

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6 Kommentare:

Gast
Gast

…und das ADHS eben nicht einfach mit dem 18. Lebensjahr verschwindet, sondern bis zum Lebensende besteht, sieht man z.B. am Medicus-Autor Noah Gordon, der erst im Alter von 70 Jahren mit ADHS diagnostiziert wurde:
http://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/803168/medicus-autor-noah-gordon-wird-90-jahre-alt

“Nur wenige Fans der ab 1986 erschienenen „Medicus“-Triloge, die die Medizinerdynastie der Familie Cole im Mittelalter beschreibt, werden von der Tortur wissen, der Gordon sich beim Schreiben unterziehen musste. Wegen einer erst im Alter von 70 Jahren diagnostizierten Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADHS) quälte Gordon sich oft über Stunden, um klare Gedanken zu fassen und zu Papier zu bringen. „Eine Fülle, ein Überangebot schneller Gedanken“ sei ihm dabei durch den Kopf gerauscht, sodass er sich übermäßig stark konzentrieren musste, um gedanklich überhaupt bei einem Thema zu bleiben. “

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Ich habe meine Gedanken zu dieser Nachricht in einem eigenen Blogbeitrag hier zusammengefasst.

Ich sehe die Gefahr, dass mit weniger Pharmakotherapie ein Qualitätsgewinn der Therapie suggeriert wird. Das ist ganz sicher aber nicht der Fall, da wir uns damit weiter von den Leitlinienempfehlungen der Fachgesellschaften entfernen.
Weniger gute Therapie kann nicht richtig sein. http://news.doccheck.com/de/blog/post/4912-adhs-ist-weniger-richtiger-behandlung-besser/

#5 |
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Gast
Gast

Als Beispiele für ethnische und geographische Häufungen stelle ich für Interessierte hier mal ein paar Links rein:

Israel: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24439

Türkei: ADHD prevalence rate (more than double) than the suggested pooled worldwide prevalence: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26002410

Saudi Arabien (ca. 15%): http://english.alarabiya.net/en/life-style/healthy-living/2015/01/03/Saudi-Arabia-15-of-children-have-ADHD-.html

Wir haben die Frage der geographischen und ethnischen Hotspots von ADHS mal ausführlich diskutiert in einem Betroffenen-Forum:
https://adhs-chaoten.net/ads-adhs-presse-medien/43901-adhs-juedische-allgemeine.html

Die dortigen Beiträge von Betroffenen in ADHS-Foren sind dort meistens weit besser, als das, was vermeintliche Fachleute (und ärztliche Fachleute sind im Übrigen nur Psychiater und Neurologen und nicht etwa Augenärzte, HNO-Ärzte oder so was) mitunter in Kommentaren im Internet so von sich geben. Also, wie gesagt, für Interessierte…

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Gast
Gast

Die Lebenszeitprävalenz von ADHS von liegt in Deutschland bei bis zu 10%. Man sollte auch berücksichtigen, dass ADHS nicht einfach mit dem 18. Lebensjahr verschwindet, sondern man wird prinzipiell damit geboren und man stirbt damit. Auch die 50% der Fälle, die gemäß der offiziellen Diagnosekriterien nach ICD-10 nicht ins Erwachsenenalter persisitieren, haben in Wahrheit weiterhin Symptome, die im Erwachsenenalter bei leicher Ausprägung jedoch so weit kompensiert werden können, dass es nicht wesentlich auffällt. Falsch ist auch die gängige Annahme, dass ADHS weltweit annähernd gleich häufig vorkommen würde. Es gibt geographische und ethnische Hotspots wie Griechenland, Japan, Südkorea, Israel und die Sinti und Roma, bei denen ADHS weit häufiger vorkommt als im von Jahrhunderten preußischer Strenge geprägten Deutschland. In Griechenland sollen es z.B. bis zu 40% zumindest subklinische Fälle von ADHS sein (wir kennen doch alle noch Iannis Varoufakis) und die Sinti und Roma kann man als ethnisches Sammelbecken für ADHS-Gene betrachten. Die Zahl der Diagnosen von ADHS wird in den nächsten 20 Jahren weltweit noch dramatisch ansteigen.

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Ärztin

#1 Mich würde es interessieren. Erläutern Sie doch bitte Ihre Erkenntnisse.

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Leider weigert sich die Kollegenschaft standhaft den Zusammenhang zwischen
der Beteiligung des TMJ, der gestörten Okklusion der Patienten und ADHS zu untersuchen. Hierbei hemmt vor allem unsere falsche Vorstellung vom Verlauf des Biss-und Kauaktes. Eine kleine Untersuchung zu den Muskelansätzen, der Zugrichtung der Muskeln würde jeden Beobachter überzeugen: so kann der Bissvorgang nicht verlaufen, wie er gelhrt wird. Wer von falschen Voraussetzungen ausgeht, kann niemals die Ursachen finden.

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