So funktioniert das Gehirn bei Schizophrenie

26. Oktober 2016
Teilen

Die Gehirne von Patienten mit Schizophrenie funktionieren anders als die von Menschen ohne die Erkrankung – aber wie? Forscher untersuchten mit Bildgebungsverfahren die Gehirnfunktionen auf Unterschiede und fanden überraschende Erkenntnisse.

Neuere Studien deuten darauf hin, dass der Botenstoff Glutamat bei der Entstehung von Schizophrenie und dem Krankheitsverlauf eine zentrale Rolle spielt. Die neurobiologischen Mechanismen, die der veränderten glutamatergenen Signalübertragung im Gehirn zugrunde liegen, führen zu Veränderungen von Gedanken, Stimmung und Wahrnehmung. Wie sie konkret funktionieren, sind allerdings erst teilweise entschlüsselt.

Gehirnregionen bilden Netzwerke

Nun vermutet das Forscherteam, einen dieser möglichen Mechanismen gefunden zu haben. Dieser könnte erklären, wie die beeinträchtigte Signalübertragung zwischen einzelnen Nervenzellen die Informationsverarbeitung und Zuverlässigkeit des gesamten Hirns beeinflusst.

Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie untersuchten die Wissenschaftler bei Schizophrenen im Vergleich zu Gesunden, wie die Hirnregionen während einer Arbeitsgedächtnisaufgabe miteinander „sprechen“ und so ein Netzwerk bildeten.

Neztwerke im Familienvergleich

Dabei zeigte sich, dass die Gehirne von Schizophrenen weniger stabile Netzwerke ausbildeten. Interessanterweise zeigten die Gehirne von den ebenfalls untersuchten Angehörigen von Schizophrenen, die nicht von der Krankheit betroffen waren, aber im Schnitt die Hälfte der Risikogene für die Erkrankung geerbt hatten, eine mittlere Stabilität zwischen den Gruppen von Gesunden und Erkrankten, was einen wichtigen Hinweis für den Einfluss von Genen auf die Netzwerkstabilität zeigt.

Botenstoff Glutamat im Fokus

„Dies unterstützt unser Verständnis der genetischen Risikoarchitektur von Schizophrenie, hierbei zeigt sich ein deutlicher Fokus auf Gene, die in die glutamaterge Signalübertragung im Gehirn involviert sind“, sagt Heike Tost, Letztautorin der Studie. „Dieser Befund bekräftigt unseren Verdacht, dass die weniger stabilen Netzwerke bei Erkrankten tatsächlich durch die Erkrankung selbst und nicht durch Begleitfaktoren wie zum Beispiel die Medikation verursacht wurden.“

Experimente mit Dextrometorphan

Die Autoren der Studie gingen sogar noch einen Schritt weiter, um ihren Verdacht bezüglich der molekularen Grundlagen der Stabilität von Hirnnetzwerken zu erhärten. In einem weiteren Experiment benutzten sie die funktionelle Bildgebung unter Einfluss eines Wirkstoffes. Gesunde Probanden bearbeiteten dieselbe Arbeitsgedächtnisaufgabe und erhielten einen geprüften und wirksamen Hemmstoff der glutamatergenen Signalübertragung namens Dextrometorphan.

Im Vergleich zu der Placebo Bedingung zeigten auch gesunde Probanden nach der Gabe von Dextrometorphan weniger stabile Netzwerke, was den Hinweis auf einen begründeten Zusammenhang zwischen veränderter Glutamat-Signalübertragung und instabilen Netzwerken liefert.

Hirnfunktionen entschlüsseln

„Diese Studie ist besonders interessant,“ fasst der Studien-Autor Braun zusammen, „da erstmals die molekularen Ursachen für die Netzwerkveränderungen beschrieben werden, die wir bei der Schizophrenie sehen. Wir verstehen zunehmend, dass Schizophrenie eine Erkrankung dynamischer Hirnnetzwerke ist und brauchen dringend weitere Studien, die eine Verbindung herstellen, zwischen der molekularen, zellulären und systemischen Ebene der Hirnfunktion.“ Die gewonnenen Erkenntnisse könnten dabei helfen, neue Therapien zu entwickeln.

Originalpublikation:

Dynamic brain network reconfiguration as a potential schizophrenia genetic risk mechanism modulated by NMDA receptor function
Urs Braun et al.; PNAS, doi:10.1073/pnas.1608819113; 2016

58 Wertungen (3.98 ø)
Medizin, Neurologie, Psychiatrie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

3 Kommentare:

Mit dem Artikel wird mal wieder Kalter Kaffee aufgewärmt.
Siehe:
https://www.schattauer.de/index.php?id=5236&mid=9599

Es gibt nicht die “Schizophrenie”.
Die “Schizophrenie” ist ein Syndrom mit verschieden per Abstimmung definierten Symptomen, nichts anderes als die Diagnose “Bauchweh” die völlig unterschiedliche Ursachen haben können. Von Traumatisierung bis Autoimmunerkrankung

Siehe u.a.

https://www.uke.de/dateien/kliniken/psychiatrie-und-psychotherapie/2016-suse-trauma-zwang-scha%CC%88fer.pdf

Man sollte den Begriffe “Schizophrenie” endlich aufgeben anstatt weiter Forschungsgelder verschwenden die nur denen nutzen, die diese Forschungsgelder kassieren.

Ein guter Artikel hier:
http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/psychiatrie/schizophrenie-die-unverstandene-krankheit-13775766.html

#3 |
  0
#2 |
  1
Nichtmedizinische Berufe

Nachdem man Patienten über Jahrzehnte mit Dopaminantagonisten traktiert hat, steht nun das Glutamat im Fokus. All die Nebenwirkungen und Spätschädigungen – waren die für die Katz?
Zu den Veränderungen im MRT. Es gibt wohl eine Patientengruppe mit einer starken genetischen Komponente, die dann auch Veränderungen in der Bildgebung zeigt. Aber die große Mehrheit unterscheidet sich in nix von ” Normalen”.
Ich selbst habe die Diagnose Schizophrenie und an einer Studie teilgenommen. Mein MRT war während der Lösung von Aufgaben völlig unauffällig. Und nun? Bin ich fehldiagnostiziert worden?
Der Artikel wirft mehr Fragen auf als dass er sie beantwortet.

#1 |
  1
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: