Fitnesstracker: Kaufen, anlegen, aufgeben

9. November 2016
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Fitnesstracker könnten gesundes Verhalten wie Abnehmen oder Sport fördern. Die Geräte sind beliebt – doch ohne Anreize lässt der positive Effekt schnell wieder nach, so eine aktuelle Studie. In Zusammenarbeit mit dem Arzt wären die Aussichten besser.

Seine eigene Gesundheit und Fitness digital zu vermessen, ist „in“. Fitnesstracker, die Bewegung, Gewicht, Kalorienverbrauch, Blutdruck oder Herzfrequenz messen, werden laut einer repräsentativen Umfrage von Bitkom bereits von einem Drittel der Deutschen genutzt. Die Daten werden mit Smartphones und Apps, Computeruhren oder digitalen Armbändern aufgezeichnet. Andererseits zeigen Untersuchungen, dass ein Drittel die Tracker bereits sechs Monate nach dem Kauf gar nicht mehr benutzt.

Ob solche Geräte eher ein privater Zeitvertreib für die Nutzer sind oder ob die Daten auch an Ärzte oder Krankenkassen übermittelt werden sollen, ist umstritten. Diese könnten die Daten nutzen, um gesundheitsbewusstes Verhalten gezielt zu fördern – Kritiker fürchten jedoch eine mangelnde Zuverlässigkeit der Messwerte, einen Missbrauch der Daten und unzureichenden Datenschutz.

Eine Frage der Belohnung

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob ein kleines Gerät am Handgelenk ausreicht, um konsequent mehr Sport zu treiben, mehr zu Fuß zu gehen oder die Ernährung dauerhaft umzustellen. Eine aktuelle Studie hat nun untersucht, wie sich Belohnungen beim Tragen von Fitnesstrackern auf das Bewegungsverhalten auswirken.

Die Forscher um Eric Finkelstein vom Duke Global Health Institute in Singapur rekrutierten 800 Vollzeit-Angestellte von 13 Firmen in Singapur, die zwischen 21 und 65 Jahre alt waren. Die Probanden wurden in vier Gruppen aufgeteilt. Die Kontrollgruppe erhielt in den ersten sechs Monaten Informationen über körperliche Aktivität und eine Bezahlung von 4 Singapur-Dollar pro Woche, aber keinen Fitnesstracker. Eine weitere Gruppe erhielt einen Aktivitätstracker (einen an der Taille getragenen Schrittzähler) und 4 Singapur-Dollar pro Woche. Die beiden übrigen Gruppen wurden bei mehr als 50.000 Schritten pro Woche je nach Schrittzahl mit 15 oder 30 Singapur-Dollar belohnt. Dabei konnte eine Gruppe das Geld selbst behalten, in der anderen wurde es für einen wohltätigen Zweck gespendet. In den zweiten sechs Monaten des Studienzeitraums konnten alle Probanden die Fitnesstracker weiter tragen, erhielten aber keine Belohnung mehr.

Zu Beginn der Studie sowie nach sechs und zwölf Monaten maßen Finkelstein und sein Team die Schrittzahl und die mäßig intensive bis intensive körperliche Aktivität (moderate to vigorous physical activity, MVPA) der Probanden. Auch Gewicht, Blutdruck und die kardiorespiratorische Fitness (maximaler Sauerstoffverbrauch in Ruhe) wurden erfasst. Ihre Ergebnisse publizierten die Forscher in der Fachzeitschrift „The Lancet Diabetes & Endocrinology“.

Nur kurzfristiger Effekt

Die Auswirkungen der Fitnesstracker kombiniert mit einer Belohnung waren insgesamt gering: Bei Probanden, die als Belohnung Geld erhielten, nahm die mäßig intensive bis intensive körperliche Aktivität in den ersten sechs Monaten zwar um 13 Minuten pro Woche und die durchschnittliche Schrittzahl um 570 Schritte pro Tag zu. Allerdings war die Aktivität dieser Gruppe nach zwölf Monaten wieder auf das Ausgangsniveau zurückgegangen. In den anderen drei Gruppen blieb die körperliche Aktivität in den ersten sechs Monaten weitgehend gleich, in der Kontrollgruppe nahm sie sogar ab.

„Zu Beginn der Studie haben wir zwar leichte Verbesserungen beobachtet – aber sobald die finanziellen Anreize wegfielen, schnitten die Probanden schlechter ab als wenn gar keine Belohnungen angeboten wurden“, erläutert Finkelstein. Dagegen hatte sich die mäßig intensive bis intensive körperliche Aktivität der Gruppe, die den Tracker ohne finanzielle Anreize getragen hatte, am Studienende um durchschnittlich 16 Minuten pro Woche erhöht.

Allerdings führten die Aktivitätstracker in keiner Gruppe zu einer Verbesserung der Gesundheitswerte – weder nach sechs noch nach zwölf Monaten. „Wir haben keine Hinweise gefunden, dass die Geräte den Blutdruck oder die kardiorespiratorische Fitness verbessern oder zu einer Gewichtsabnahme führen – egal ob mit oder ohne finanziellen Anreiz“, berichtet Finkelstein. „Außerdem hörten 90 Prozent der Teilnehmer ohne zusätzliche Anreize auf, die Tracker zu tragen.“ Dies stimme auch damit überein, wie Fitnesstracker im echten Leben genutzt werden, so die Forscher. „Die Leute tragen die Geräte eine Weile. Aber mit der Zeit nutzt sich der Neuheitseffekt ab“, erläutert Robert Sloan von der Kagoshima University in Japan, einer der Ko-Autoren der Studie.

Sich selbst vermessen reicht nicht

Sind Fitnesstracker also für viele nur ein Spielzeug, das kurzfristig Begeisterung auslöst und dann wieder in der Schublade verschwindet? Wie müssten die Geräte eingesetzt werden, damit sie auch langfristig die Aktivität erhöhen und so zu einem gesünderen Lebensstil beitragen können? Und wie können Ärzte und medizisches Fachpersonal diesen Effekt unterstützen?

„Man muss sich klar machen, dass Fitnesstracker zunächst ein reines Messinstrument sind – das allein bewirkt erst einmal gar nichts“, sagt Jochen Meyer, Leiter des Bereichs Gesundheit am OFFIS – Institut für Informatik, das eng mit der Universität Oldenburg zusammenarbeitet. „Wichtig ist, das die Geräte in Interventionmaßnahmen eingebunden werden, und dass diese Maßnahmen so gestaltet sind, dass sie einen möglichst großen Effekt haben.“

Wie solche Maßnahmen im Detail aussehen müssten, sei bisher noch nicht ganz klar. Allerdings gebe es dafür auch kein pauschales Rezept, betont Meyer. „Jeder Mensch ist anders – deshalb ist es wichtig, das Vorgehen auf den Einzelnen abzustimmen“, sagt der Forscher. „Dem einen macht es Spaß, viel zu Fuß zu gehen, jemand anderes radelt vielleicht lieber oder geht schwimmen. Manche Menschen brauchen viel Ermunterung, viel persönliche Anleitung oder viel Feedback, anderere nicht. Viel positive Verstärkung ist dabei wichtig – aber auch Belohnungen sind nicht bei jedem wirksam.“

Anreize richtig gestalten

Wenn Belohnungen eingesetzt werden, müssten diese möglicherweise anders gestaltet sein, folgert Finkelstein aus seiner Untersuchung. „Die Ergebnissen legen nahe, dass die Art des finanziellen Anreizes eine wichtige Rolle spielt“, so der Mediziner. Außerdem müssten die Anreize vermutlich längere Zeit vorhanden sein, damit sich das neue Verhalten stabilisieren könne und messbare Verbesserungen der Gesundheit auftreten könnten.

„Zukünftige Studien sollten auch die Motivation der Probanden messen und untersuchen, wie Interventionen gestaltet werden müssen, damit sie die Motivation und die körperliche Aktivität erhöhen“, schreibt Courtney Monroe von der University of South Carolina in Columbia (USA) in einem Kommentar zur Studie. „Dazu gehört zum Beispiel, wie hoch die Belohnung sein muss oder wie häufig und wie lange die Anreize eingesetzt werden.“

Um ein Verhalten langfristig beizubehalten, seien möglicherweise andere Strategien sinnvoll als wenn es darum gehe, das Verhalten zu verändern, betont Meyer. „Für manche Menschen kann es hilfreich sein, das eigene Verhalten von Zeit zu Zeit zu beobachten – zum Beispiel den Tracker nach einer Pause wieder ein paar Wochen zu tragen und die Daten mit den früheren Meßwerten zu vergleichen. Das kann dazu beitragen, sich mit der eigenen Gesundheit auseinanderzusetzen und sein Verhalten bewusst zu ändern.“

Nur privates Engagement des Arztes

Ob Ärzte Fitnesstracker gezielt empfehlen sollten – dazu gibt es bisher kaum Untersuchungen. „Wenn ein Arzt seinem Patienten rät, körperlich aktiver zu werden, und ihm gleichzeitig ein Werkzeug dazu an die Hand gibt, könnte das ein sehr wirkungsvolle Maßnahme sein“, meint Meyer. „Wichtig ist aber, dass der Arzt die Messdaten immer wieder mit dem Patienten bespricht. Er sollte ihm Rückmeldung geben und konkret erläutern, wie der Patient mehr Bewegung in den Alltag einbauen kann und was er verändern kann, wenn er das gesetzte Ziel noch nicht erreicht hat.“

Das große Problem dabei: Die Zeit dafür steht Hausärzten eigentlich nicht zur Verfügung – sie können eine solche Beratung nur aus privaten Engagement leisten. „Im Grunde müsste es für solche Leistungen eine eigene Abrechnungsziffer geben“, sagt Meyer.

33 Wertungen (3.85 ø)

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6 Kommentare:

Diabetes-Beraterin

Fitness entsteht durch Regelmäßigkeit (alte Benediktinerregel (; ), Zur Visualisierung sind Messdaten jedoch zu einseitig auf physikalisch erfassbare Ereignisse ausgerichtet. Dabei merken auch Nicht-Mathematiker schnell bzw. hoffentlich, dass die Aufzeichnungen und Auswertungen nicht der Realität entsprechenen und man lässt es wieder. Im Ernährungsbereich führt die Fehlerfassung von Menge und Varianten sogar dazu, dass mehr gegessen und dadurch zugenommen (ich darf ja noch….) sowie das eigene Körpergefühl noch mehr als bisher an eine Handyapp abgegeben wird. Ein guter Tracker sollte sowohl die Zeiteinheiten bzw. Mengen als weiche Faktoren wie Ressourcen, Motivation oder Hinterungsgründe als persönliche Faktoren voreinstellen lassen; so könnten Nutzer leichter geeignete Bedingungen erfassen, die sie zu ihren gesundheitlichen Zielen bringen.

#6 |
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Chronisch krank mit 100 % Schwerbehinderung mache ich so viel Sport wie nie zuvor. Vor meiner Krankheit habe ich nie Sport gemacht. Nach vielen Klinikaufenthalten auf der Patienten-Seite habe ich mir geschworen, dass ich etwas tun muss. Und wie ein Schmerz-Tagebuch können Fitness-Tracker helfen eine diagnostische Grundlage zu schaffen und dann bestimmte Features zu steuern. Außerdem macht es Spass und wenn Jemand Technik-affin ist, toll, dann kann man auch noch angeben damit. Die Rolle eine Arztes dabei erschliesst sich mir nicht. Leute, die Fitness-Tracker haben und benutzen, brauchen in der Regel den Arzt weniger. Entweder bei den Menschen macht es klick, was zumeist leider erst bei Erkrankung oder dramatischen Ereignissen der Fall ist, oder man gehört zur Gruppe, die sich sowieso und schon immer gesund und sportlich halten. Und wie eine Beratung speziell zur gesunden Lebensführung mit Fitness-Tracker bitte abrechnen? Die Krankenkassen lachen sich schlapp.

#5 |
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Gast
Gast

Chronisch krank nutze ich die Trackeruhr jetzt im vierten Jahr. Nur um zuverlässige Ergebnisse für die langzeitmessung zu haben weil die Krankheit weiter fortschreiten wird. Ich bin froh drum, konnten die Medikamentendosierungen besser angepasst werden und schon frühzeitig auf die weiteren Ereignisse reagiert werden.
Als reinen Tracker zur Fitnesssteigerung taugen sie eher nur als Spielzeug, jedes gute Fitnessstudio leistet da bessere Arbeit und was den Datenschutz fast aller Apps betrifft, so ist noch vieles im argen, aber mit Geduld findet man auch was, was die Daten nicht weitermeldet und auf anderen Servern zwischenspeichert. Dafür gibt es ja auch keine zwingende Notwendigkeit…..

#4 |
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Irene von Drigalski
Irene von Drigalski

Ein Fitnesstracker verschafft ebensowenig von alleine Fitness wie ein Mountainbike von alleine die Berge rauffährt – wer das erwartet, wird natürlich enttäuscht.
Ich habe schon immer gerne und regelmäßig Sport gemacht (u.a. Mountainbike Fahren :-) ). Seit 1 1/2 nutze ich Jahren einen Fitnesstracker und bin ein großer Fan von diesem kleinen Motivator. Ich habe 8 Kilo abgenommen und fühle mich körperlich sehr fit. Der Tracker macht mir deutlich, dass es neben dem Sport noch mehr Bewegung gibt, die sich im Alltag bietet – er zeigt mir, wie viel das ist, wenn ich es einbaue: Treppe statt Aufzug, einmal die Stunde vom Schreibtisch aufstehen, gehen statt Taxi (ist öfter möglich als man denkt), zur Abeit mit dem Rad statt mit dem Auto, nach einer langen Bahnfahrt noch einmal um den Block…. Die Wirkung ist in der Summe wirklich frappierend. Aber leider, leider: Ich muss es tun, nicht ein Gerät. So wie ich auch ggf. meine Medikamente richtig einnehmen muss, selbst schlafen, selbst atmen.

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Stephan Keinert
Stephan Keinert

Trage seit einem reichlichen Jahr eine AppleWatch, deren “Fitness-Gedöns” mir zum Anfang egal war…, bis ich mal hingesehen habe! Die Infos über Aktivitäten, deren zeitliche Einordnung in den Tagesablauf und der Energieverbrauch bei verschiedenen Aktivitäten lies mich nachdenklich werden! Das Analyse zu nennen, ist wahrscheinlich etwas überzogen, aber es hatte Folgen! Heute laufe ich immer noch täglich mindestens 8-10km, wiege 15kg weniger, brauche unter ärztlicher Aufsicht, keine Blutdruckpillen mehr! Es war sicher kein Spaziergang, und mit 61 Jahren auch sicher ein Glück noch gut zu Fuß zu sein, aber es ist einfach machbar, wenn man sich erreichbare Ziele setzt! Ohne die wird es ganz sicher nix ;-)!

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Niemals würde ich meine Fitnessdaten mit z.B. der Krankenkasse teilen. Das hieße nämlich, dass an den stressigen Tagen, an denen ich meine Schrittzahl nicht erreiche, auch noch so eine Nervensäge als “Motivator” anruft und mir noch mehr Zeit und Seelenfrieden raubt. Und bezahlen müsste ich diese “Dienstleistung” mit meinen Beiträgen natürlich auch.
Ich bleibe lieber in meiner virtuellen Laufgruppe auf Facebook, in der wir uns gegenseitig motivieren und über Lauftraining und allgemeine Sachen im Leben reden können. Das ist bereits die zweite Challange, an der ich teilnehme, die erste war 2015 miles im Jahre 2015, und die 2016 miles für 2016 habe ich vor wenigen Tagen erreicht. Bewegung braucht einen Spaßfaktor und Gleichgesinnte. Bislang habe ich für jedes Posting binnen Stunden konstruktive und individuelle persönliche Kommentare erhalten. Das ist einfach nicht zu toppen.
Beim Arzt habe ich nie einen anderen Rat erhalten als “Geben Sie das Laufen auf”, mindestens für einige Wochen. Aspirin gab es für Knöchelschmerz. Von Mitläufern kamen konstruktive Ratschläge wie Bewegungsanalyse auf dem Laufband, Physiotherapie, Massage, Kinesiotape, Übungen zur Kräftigung zusätzlich zum Lauftraining.

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