Pharmazeuten im Social-Media Bann

28. Januar 2011
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Die Veröffentlichung des University of Kentucky College of Pharmacy ist ein Novum: Erstmals nehmen Pharmazeuten die Auswirkungen von Facebook, YouTube und anderen Social Media Diensten auf die Welt der Pharmazie unter die Lupe.

Seit Freitag, den 21. Januar 2011, ist die Internet-Seite Stopp! UniMedGesetz freigeschaltet, auf der Besucher gegen den Entwurf abstimmen können. Unterstützer der Online-Petition registrieren sich mit Namen und E-Mail-Adresse; sobald die Adresse bestätigt ist, wird ihre Stimme gezählt. Wer hinter der digitalen Aktion anonyme Web-Aktivisten vermutet, liegt falsch – Initiator ist der Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD), der nach eigenen Angaben die Interessen von 32 Universitätsklinika an 38 Standorten in Deutschland vertritt und einen Umsatz von jährlich rund 13 Milliarden Euro erwirtschaft. Der VDU jedenfalls ist sich seiner Webaktion sicher: “Der Druck auf die baden-württembergische Landesregierung steigt”.

Die digitale Aktion könnte bundesweit Schule machen – und auch Apotheken in den Bann des Social Net ziehen. Denn nahezu zeitgleich mit der Stuttgarter Aktion erscheint eine Fachpublikation im Fachblatt “American Journal of Pharmaceutical Education“, die verdeutlicht: Wer die Macht des Social Web unterschätzt, kann untergehen. Tatsächlich attestiert die Analyse der Wissenschaftler vom University of Kentucky College of Pharmacy den Social Media Diensten eine enorme Rolle. „Soziale Netzwerke können Pharmazeuten zusammenführen und den Austausch von Informationen erleichtern“, erklären die Autoren Jeff Cain und Joseph Fink.

Meldedienst RxPatrol gleicht Aktenzeichen XY

Wie stark sich Social Media jenseits des Atlantiks etabliert hat, belegt der pharmazeutische Meldedienst RxPatrol. Via Online-Formular können Apotheker Einbrüche, Korruptionsfälle oder andere Delikte melden – samt Täterbeschreibung oder Verdächtigenprofil. Das System agiert dabei als eine digitale Version des Klassikers „Akzenzeichen XY“, nur wesentlich detaillierter und inklusive Datenbank. Neben Diebstählen meldet das System auch Betrugsfälle, Medikamentenfälschungen und alle anderen mit Apotheken in Verbindung stehenden Straftaten. Der Dienst avancierte in den USA zum Liebling – auch der Pharmaindustrie. Allerdings machte erst die Verbreitung der entsprechenden News über Twitter RxPatrol zum wirklich funktionierenden Tool, mittlerweile greift selbst die Polizei auf die geposteten Daten im sozialen Netz zu.

Die Macht der Netzwerke lässt sich daran erkennen, dass selbst die amerikanische Zulassungsbehörde FDA dem Thema eine eigene Konferenz widmete. Bereits im November 2009 tagte die Division of Drug Marketing, Advertising, and Communications (DDMAC), um über neue Regelungen im Umgang der Arzneimittelhersteller mit den sozialen Netzwerken zu prüfen. Das öffentliche Hearing in Washington D.C. gilt heute als Meilenstein. Denn auf der Liste der Speaker standen auch Mary Ann Belliveau und Amy Cowan – die sich für den Health Bereich des kalifornischen Webdominators Google verantwortlich zeichnen. Diskutiert wurden Modelle, wonach schon Suchmaschinenanfragen auf Risiken von Arzneimitteln aufmerksam machen könnten, um die Bewerbung der Medizinprodukte generell zu erleichtern.

Informationen bleiben nie privat

Schon das potenzielle Interesse des Konzerns aus Mountain View an neuen Vermarktungsmodellen zeigt die Problematik, um die es geht. Informationen, die über soziale Netzwerke gepostet werden, bleiben nie privat – auch dann nicht, wenn die Erstveröffentlicher das eigentlich wünschen. Wer beispielsweise auf Diensten wie Facebook oder MySpace seine Erfahrungen mit einem Medikament seinem engsten Freundeskreis schildert, könne keinesfalls steuern, was mit der Message im weiteren Verlauf passiert, erklären Cain und Fink in der aktuellen Publikation des American Journal of Pharmaceutical Education.

Für deutsche Apotheken haben derartige Aspekte direkte Auswirkungen – im globalen Netz bleiben bundesdeutsche Gesetze und Vorschriften rund um Medikamentenwerbung reine Makulatur. Wer nämlich Informationen zu Arzneimitteln sucht, wird diese in den sozialen Netzwerken immer finden – egal, ob deutsche Gesetze das erlauben, oder nicht. Andererseits bietet der Social Media Bereich die Möglichkeit, Informationen rein privat seinem virtuellen Freundeskreis zur Verfügung zu stellen – wohl wissend, dass am Ende die Netzwerke die Botschaft weiterverbreiten.

Anders als in den USA scheinen Zulassungsbehörden hierzulande den digitalen Vorstoß der Netzwerke weitgehend zu ignorieren. Wer auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte die Begriffe „Twitter“, „Facebook“, „Google“ oder einfach nur „Social Media“ eingibt, erhält stets die gleiche Anzahl von Treffern: Null.

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