Dicker Zeh auf schiefer Bahn

1. Februar 2011
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Einer der häufigsten Fälle beim Fußchirurgen: Hallux valgus, bekannt als Schiefstellung der Großzehe kleinzeheneinwärts, ist mit starken Schmerzen verbunden. Behandlungsmethoden zielen darauf ab, die Funktionalität wieder herzustellen.

Kein Leiden unserer Tage: Hallux valgus-Deformationen tauchen bereits in der Kunst der Antike auf. Viel deutet auf genetische Faktoren hin – in zwei Drittel aller Fälle finden Fachärzte ein gehäuftes Auftreten in Familien, vor allem bei Frauen. Wahrscheinlich führen die Erbgut-Einflüsse zu Anomalien der Muskeln und Sehnen im Bereich der großen Zehe. Welche Gene aber genau verändert sind, ist noch unbekannt.

Mit einer Metaanalyse von über 78 Veröffentlichungen und knapp 500.000 Patienten gingen Forscher der Universität Queensland, Australien, der Krankheitshäufigkeit nach. Ihr Ergebnis: Bei Personen der Altersgruppe zwischen 18 bis 65 Jahren beträgt die Prävalenz 23 Prozent, bei Menschen über 65 stieg der Wert auf knapp 35 Prozent an. Frauen waren mit 30 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer – hier lag das Risiko lediglich bei 13 Prozent. Aber auch durch das Tragen spitzer, enger Schuhe über Jahre hinweg kommt es nachweislich zum Hallux valgus. In der Folge können weitere Zehen deformiert werden, Hammerzehen entstehen.

Kleine Kinder, große Sorgen

Falsches Schuhwerk ist aber kein reines Erwachsenenproblem: Auch zu kurze Kinderschuhe schädigen die Füße, so ein Studienergebnis der Medizinischen Universität Wien. Dazu untersuchten Ärzte 858 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Rund 70 Prozent trugen zu kleine Straßenschuhe, bei den Hausschuhen waren sogar etwa 90 Prozent zu knapp bemessen. Aus den gemessenen Winkelstellungen der großen Zehen zeigte sich: Je stärker der Schuh drückt, desto stärker ausgeprägt ist auch der Hallux valgus. „Kinder spüren nicht, ob Schuhe zu kurz sind, und zwängen sich brav hinein“, gibt der Orthopäde Dr. Christian Klein, Emco Klinik Bad Dürrnberg bei Salzburg, zu bedenken. Seine Empfehlung an alle Eltern: Füße im Wachstum bräuchten etwa 12 bis 17 mm Spielraum.

Diagnostik auf den ersten Blick

In der Praxis genügt meist schon ein Blick, um einen Hallux valgus zu erkennen. Und die Röntgenuntersuchung bringt Klarheit über das Maß der Erkrankung – relevant sind vor allem die Winkel zwischen dem ersten und zweiten Mittelfußknochen (Intermetatarsalwinkel) sowie das Maß der Fehlstellung (Hallux valgus-Winkel), der ein Abknicken der Großzehe zum ersten Mittelfußknochen hin beschreibt. Auch hier hält die Technik Einzug: Im Vergleich zur manuellen Auswertung von Röntgenbildern liefern computergestützte Verfahren genauere Resultate, so das Ergebnis eines Methodenvergleichs an der britischen Staffordshire University. Der Schweregrad der Deformation entscheidet letztlich darüber, welches therapeutische Verfahren den größten Erfolg verspricht.

Therapieren oder abwarten?

Unbehandelt verschlimmert sich ein Hallux valgus in den meisten Fällen. Doch heißt das unbedingt, sofort die Therapie einzuleiten? Dieser Frage gingen Orthopäden des englischen Arthritis Research UK Primary Care Center nach. Ihr Ergebnis: In etlichen Fällen verringerte sich bei Hallux-Patienten die Lebensqualität, etwa durch Schmerzen, und die Beweglichkeit der Füße wurde schlechter – problematisch in jedem Alter. Das primäre Ziel der Therapie ist neben der Beschwerdefreiheit, die Funktionalität des Fußes wieder herzustellen. Für viele Patienten sind damit aber auch ästhetische Fragen untrennbar verbunden, die ebenfalls zu einem Leidensdruck führen können – Stichwort hervorstehender Ballen versus Schuhmode.

Immer schön beweglich bleiben

Früher der Usus, ist die Entfernung von Teilen des Großzehen-Grundgelenks nach Keller-Brandes mittlerweile nur noch in seltenen Fällen nötig. Speziell die veränderte Biomechanik nach dem Eingriff wirkt sich bei jüngeren, körperlich aktiven Patienten nachteilig aus. Alternativ versteifen Orthopäden bei der Lapidus-Arthrodese das Gelenk zwischen Mittelfußknochen und Fußwurzel.

Moderne Verfahren hingegen setzen auf die Wiederherstellung der Funktionalitäten. In leichten Fällen reicht bereits die Abtragung des Knochenwulsts mit anschließender Korrektur der Weichteile nach McBride aus. Bei fast allen anderen Methoden durchtrennen Chirurgen den ersten Mittelfußknochen und fixieren diesen nach der Korrektur mit Schrauben, Drähten bzw. Platten. Einen Fortschritt stellen dabei Nägel aus langsam resorbierbaren Kunststoffen, etwa auf Basis von Polydioxanon, dar. Mehrere Studien geben dem Material sowohl unter medizinischen als auch unter ökonomischen Aspekten gute Noten. Auch eine Korrektur der Sehnen, Bänder bzw. der Gelenkkapsel ist erforderlich. Der Behandlungserfolg diverser Eingriffe ist nicht vom Alter der Patienten abhängig, so das Resultat einer Untersuchung des Department of Podiatric Surgery in Derbyshire, Großbritannien. Die Ärzte bestimmten zwei Jahre nach der jeweiligen OP das Maß der Beweglichkeit sowie die Patientenzufriedenheit. Sie fanden in den beiden Gruppen unter bzw. über 50 Jahren keinen signifikanten Unterschied.

Zahlreiche Methoden etabliert

In der Literatur werden mittlerweile etliche chirurgische Techniken beschrieben. Eine Operation nach Austin/Chevron etwa hilft bei mittelschweren Fällen. Durch die V-förmige Durchtrennung des Knochens ist eine Umstellung möglich. Hingegen korrigieren Chirurgen beim Eingriff nach Meyer/Scarf den Schaft des ersten Mittelfußknochens mit einem Z-förmigen Schnitt. Speziell für starke Fehlstellungen wurde die Osteotomie nach Myerson/Ludloff mit schräger Durchtrennung des ersten Mittelfußknochens konzipiert.

Wie in allen Bereichen der Chirurgie arbeiten Kollegen auch bei der Hallux valgus-Korrektur an minimal invasiven Methoden. Britische Wissenschaftler verglichen anhand der Literatur die Erfolge und die Effektivität entsprechender Verfahren. Diese böten sich, so die Autoren, vor allem bei Patienten an, bei denen das Risiko einer verzögerten Heilung bestünde. Vor allem das Weichteilgewebe könne sich schneller regenerieren. Allerdings lasse sich aufgrund der geringen Fallzahlen noch keine klare Empfehlungen für Routineeingriffe geben.

Zug um Zug schmerzfrei

Trotz der Erfolge chirurgischer Techniken ist nicht immer der Griff zum Skalpell erforderlich – mittlerweile beklagen Kollegen die oftmals kritiklose Darstellung neuer Operationsverfahren in der Fachliteratur. Denn auch die Orthopädietechnik führt oft zu sehr guten Ergebnissen, wie Prof. Dr. Klaus A. Milachowski zusammen mit Kollegen zeigen konnte.

Er korrigierte leichte bis mittlere Fehlstellungen mit speziellen Orthesen. Dabei verringerten sich die entsprechenden Winkel mit angelegter Schiene um durchschnittlich 15 Grad. Und entgegen gängiger Meinung gelang mit der konservativen Behandlungsmethode auch eine Achskorrektur. Die Autoren betonen, dass die eingesetzte Hallufix®-Schiene damit bei leichten und mittelschweren Formen eine Alternative zur Operation darstelle, die auch einer Arthrose wirkungsvoll Einhalt biete. Wichtigste Voraussetzung sei allerdings eine entsprechende Motivation der Patienten, die Orthese auch anzulegen.

Eine Innovation der Orthopädietechnik ist die computergestützte Messung des Fußdrucks, sprich Pedobarographie. Elektronische Sensoren in einer Platte analysieren das Druckbild des Fußes beim Stehen oder Gehen und liefern auf den PC ein exaktes Abbild der Kräfteverteilung. Aufgrund der digitalen Erfassung und der guten Reproduzierbarkeit dient das Verfahren auch zur Überprüfung des Therapieerfolgs, etwa vor und nach einer OP.

127 Wertungen (3.73 ø)

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10 Kommentare:

Dipl.Psychologe Hermann Lingnau
Dipl.Psychologe Hermann Lingnau

So viele Worte – aber keinerlei Aussage über (v.a Langfristige ) Erfolgsraten der beschriebenen Methoden…das wäre, was mich als Nicht-Operateur am meisten interessiert hätte.

#10 |
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Altenpfleger

Meine Erfahrung als unbehandelter Betroffener (49J) eines Hallux valgus ist, dass ich mit Hilfe einenr Physiotherapeutin (nur durch ein Gespräch) und Internetrecherche ohne OP, Einlagen, Orthesen u.ä. im letzten Jahr eine weitgehende Beschwerdefreiheit erreicht habe. Ich mache Übungen mit den Füßen (u.a. Zehen bewegen, Bleistift aufheben, anspannen verschiedener Fußmuskel…), spüre in meinen Gang und in meinen Stand hinein und versuche die Last meines Körpers gut in meinem Skelett- und Muskelsystem zu verteilen. Und beim Schuhkauf habe ich darauf geachtet, dass meine Füße Platz in den Schuhen haben.
Ok, dass alles mag nicht Jede(r) aber mir hat es etwas gebracht: witgehende Beschwerdefreiheit. Eine optische Korrektur ist allerdings kaum wahrnehmbar.

#9 |
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Grundsätzlich muß doch das Bewgungsschema des betr. Patienten behandelt werden(siehe 1. Beitrag->Spiraldynamik), dann kann man entscheiden, ob eine operative Korrektur noch notwendig ist. Leider wird in der klassischen Medizin immer erst mit dem Messer gedacht, aber wenn man die Ursachen, nämlich eine falsche Laufdynamik, nicht verändert, ist die nächste Op doch schon vorprogrammiert.

#8 |
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Ein sehr interessanter Artikel.Ich bin aber aus eigener Erfahrung der Meinung daß oft zu rasch opoeriert wird.

#7 |
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Beate Gössel
Beate Gössel

Bis zu einem mittelschweren Beschwerdebild des hallux valgus kann zunächst ein konservativer Behandlungsversuch mittels Schiene und zusätzlicher Gymnastik/Spiraldynamik (s.Buch: Chr.Larsen,Gut zu Fuß ein Leben lang) unternommen werden. Diese spezielle Hallux valgus Gymnastik wird mit dem Theraband durchgeführt. Dieses wird um die Großzehe geschlungen(so dass die Großzehe daran nach medial gezogen wird) und dann spiralförmig ventral nach außen um die Wade, hinter der Kniekehle durch und an der Oberschenkel-Innenseite wieder nach vorne. Bei beidseitigem Hallux auf der anderen Seite gegenläufig. Die Theraband-Enden an der Oberschenkelinnenseite werden gefasst und so ca. 20 min herumlaufen. Dies kann einmal oder mehrmals täglich durchgeführt werden. Bei konsequenter Anwendung und zusätzlicher Anwendung der Schiene ist es möglich die Fehlstellung ohne OP zu korrigieren.

#6 |
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Heinz-Gottfried  Neff
Heinz-Gottfried Neff

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Ergänzender Nachtrag zu meiner Meinung im Beitrag #2
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Selbstverständlich geht es um das zerrissene Ligamentum transversale humeri was auf lange Sicht in Folge gravierende Veränderungen hervorbringt. Es ist die kindliche, sowohl auch jugendliche fallende Schulter … nur braucht der Körper Zeit all seine Bilder zu entwickeln, was dann die späteren Folgen sind.
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#5 |
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Dipl. Verw. Wirt Johannes Schmidt
Dipl. Verw. Wirt Johannes Schmidt

Ein informativer Artikel. Mich konnte Herr Ramin Cordis, OA im St. Willibrord-Spital Emmerich-Rees, mittels einer Scarf-Osteotomie nach mehreren vorherigen Eingriffen in anderen Kliniken endgültig von meinen Schmerzen befreien. Dafür danke ich ihm heute noch.

Johannes Schmidt

#4 |
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Robert Neumann
Robert Neumann

leider wird in diesem Artikel in dem die Hallufix-Schiene
angepriesen wird nicht darauf eingegangen das der Hallux-valgus eine Kombination mit einem Pes-transversoplanus
( Spreizfuß ) ist bzw. dem zugrunde liegt. Der zunehmende Spreizfuß und daraus resultierende Axillare Sehnenabweichung
des Muskulus adductor hallucis zieht den Großzeh immer weiter
in Richtung zweiten Zeh ( Adduktion ) > also sollte bringt es meiner Meinung nach nichts den Hallux valgus zu Therapieren sondern man muss in erster Linie den Spreizfuß Therapieren, aber da hält der Fachmann ja auch schon diverse kostengünstige Schuheinlagen bereit .
So oder so ist ein Hallux-valgus konservativ nicht zu stoppen , allenfalls wird das Fortschreiten verlangsamt.
Bei beginnenden oder leichten Hallux-valgus ist solch eine konservative Behandlung auf jeden fall Ratsam aber bei
mittlerm oder schweren Hallux-valgus absolut uneffektiv und belastet den betroffenen nur noch mehr > hier ist die OP das Mittel der Wahl.

#3 |
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Heinz-Gottfried  Neff
Heinz-Gottfried Neff

Hallux valgus ist primär ein statische Problem und sollte nicht auf Anomalien der Muskeln und Sehnen oder gar der Gene abgewälzt werden. Ein anders Märchen welches weit verbreitet ist der Bezug zum Tragen von engen Schuhen.
Seit mehr als 40 Jahre beobachte ich die Folgen des Ligamentum transversum humeri und hier ist meiner Meinung die Ursache zu suchen. Hallux valgus ist nur eine Folge aus diesem Reizwechsel- und Wechselreizbild. So spiegeln sich in diesem Bild auch die Probleme der Bandscheibe L4-S1 wieder.
Hüft- und Knieoperationen.
Zugrunde liegen die schulwissenschaftlichen Arbeiten der Profs HANSEN und SCHLIACK von 1962.
Geprüft wird mit dem Nadelrad nach WARTENBERG.
Frühzeitig erkannt helfen Statikeinlagen, hierbei erfolgt die Kontrolle ob die Einlagen korrekt gefertigt sind mit dem Nadelrad.

#2 |
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Es wäre interessant, zu erfahren, welche Beziehung zwischen
Hallux valgus und H.rigidus besteht. Letzter tritt zuweilen unabhängig und langer vor dem H.v.auf. Ist auch da eine genetische Ursache bekannt?

#1 |
  3
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