Herzinfarkt-Risiko: Freispruch für X-Chromosom

18. Oktober 2016
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Herzinfarkte verlaufen bei Männern und Frauen unterschiedlich – Männer sind insgesamt häufiger betroffen. Erstmalig wurde auf dem X-Chromosom nun nach Auslösern einer koronaren Herzerkrankung gesucht. Es zeigte sich: Das Chromosom trägt keine Verantwortung für die Unterschiede.

Das Konsortium CARDIoGRAMplusC4D hat erstmalig das menschliche X-Chromosom nach genetischen Faktoren untersucht, die einen Einfluss auf die koronare Herzkrankheit und den Herzinfarkt haben könnten.

Prof. Inke R. König und Dr. Christina Loley vom Institut für Medizinische Biometrie und Statistik an der Universität zu Lübeck sowie Prof. Jeanette Erdmann vom Institut für Integrative und Experimentelle Genomik an der Universität zu Lübeck leiteten die Studie, die 100.000 Personen umfasste. Dabei waren mehr als 80 Wissenschaftler aus 14 verschiedenen Ländern beteiligt.

X-Chromosom blieb unbeachtet

Männer tragen jeweils ein X- und ein Y-Chromosom, Frauen hingegen zwei X-Chromosomen. Im Gegensatz zum Y-Chromosom, welches nur sehr wenige Gene trägt, liegen auf dem X-Chromosom rund 2.000 Gene. „Genomweite Assoziationsstudien (GWAS) haben in den vergangenen 10 Jahren wesentlich zum Verständnis der Genetik der koronaren Herzkrankheit und des Herzinfarktes beigetragen. In diesen Studien wurde das X-Chromosom jedoch immer ausgelassen“, sagt Erdmann.

Dies ist vor allem methodisch bedingt: Für Analysen des X-Chromosoms müssen Männer und Frauen getrennt behandelt werden und es sind spezielle an das X-Chromosom angepasste Auswertungen notwendig. Für ihre aktuelle Studie haben die Forscher nun eine neue Auswertepipeline für die Analyse des X-Chromosoms entwickelt und diese dann an einen weltweiten Datensatz von Herzinfarktpatienten und gesunden Kontrollpersonen angewendet.

Überraschenderweise konnten die Wissenschaftler des Konsortiums keine Genregion auf dem X-Chromosom identifizieren, die mit dem Erkrankungsrisiko in Zusammenhang steht.

Herzinfarkt-Risiko: Geschlechterspezifisch?

„Das Ergebnis dieser Studie hat uns alle erstaunt, denn seit vielen Jahren ist bekannt, dass kardiovaskuläre Erkrankungen bei Männern und Frauen unterschiedlich früh und unterschiedlich schwer auftreten. Für diese Unterschiede hat man auch die Geschlechtschromosomen verantwortlich gemacht“, erklärt Erdmann.

Die Studie lege daher nahe, dass andere Faktoren wie etwa Hormone, Ernährung oder Lifestyle für die Unterschiede verantwortlich sein müssen.

König ergänzt: „Aufgrund der einmaligen Größe unserer Studie können wir ziemlich sicher ausschließen, dass wir relevante Zusammenhänge übersehen haben. Darum werden wir jetzt verstärkt nach anderen Faktoren suchen, die die Unterschiede zwischen Frauen und Männern beim Herzinfarkt erklären können. Dies ist ein wichtiger Schritt, um geschlechtsspezifische Vorsorge oder sogar Therapiestrategien entwickeln zu können.“

Originalpublikation:

No Association of Coronary Artery Disease with X-Chromosomal Variants in Comprehensive International Meta-Analysis
Christina Loley et al.; Scientific Reports, doi: 10.1038/srep35278; 2016

5 Wertungen (2.2 ø)

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3 Kommentare:

Mitarbeiter von DocCheck

Lieber Dr. med. Thomas Georg Schätzler,

vielen Dank für den Hinweis.
Wir haben den Anleser entsprechend angepasst.

Viele Grüße
Die DocCheck News Redaktion

#3 |
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Gast
Gast

Joachim Bedynek
Staatsex. Chemie, biolog. Anthropologie

Die Studie zeigt eine erschreckende Missachtung der Genetik. Blutgerinnungsfähigkeit, Farbsehen u. eine Reihe anderer Krankheiten gehen eindeutig auf das zweite X der Frau zurück ! Nur die Gonosomen unterscheiden sich bei Mann und Frau; denn in jeder Zelle der Frau ist wirkt nur eines der beiden X-Chromosomen. Trägt eines der X ein unvorteilhaftes Gen, so hat die Frau noch 50% ihrer Zellen mit dem guten Gen ! Beim Mann geht das nicht.
Die unterschiedlichen Geschlechtshormone – und letztlich auch die daraus resultierenden unterschiedlichen Verhaltensweisen – gehen natürlich auf die unterschiedlichen Geschlechtschromosomen zurück.

#2 |
  7

Bitte Geschlechtshormone nicht mit Geschlechtschromosomen verwechseln!
Das Autorenteam schließt seinen Abstract (in der Originalarbeit fehlen die abschließenden Schlussfolgerungen als “conclusion” gänzlich) mit folgenden Worten: “Although we analyzed the largest-to-date sample, currently available methods were not able to detect any associations of X-chromosomal variants with CAD” [coronary artery disease].
Dass bisher “Geschlechts-h o r m o n e mit als Auslöser für die unterschiedlichen Ausprägungen eines Herzinfarkts bei Frauen und Männern” galten, wie hier im Anleser für das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung, Berlin, behauptet wird, hat damit herzlich wenig zu tun. Die Sexualhormone werden nicht von den Chromosomen selbst gebildet, sondern vom mehr oder weniger weiblich/männlich ausgebildeten Hormonstoffwechsel. Dafür wurden gar keine Genloci gesucht, sondern nur die am Y-Chromosom für das CAD-Risiko von XY. Sie befinden sich eben nicht am XX-Chromosomensatz.
Der Satz im Fließtext: “Die Studie lege daher nahe, dass andere Faktoren wie etwa Hormone, Ernährung oder Lifestyle für die Unterschiede verantwortlich sein müssen”, stimmt dann wiederum.
Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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