Drogencheck in der Disco-Apotheke

4. Februar 2011
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In Zürich und Bern werden Partydrogen in der Disco analysiert. Weil der Konsum von Drogen kaum zu unterbinden ist, sollen die Raver zumindest vor gepanschten Präparaten geschützt werden.

„Wenn raus kommt, was da rein kommt, dann komm ich rein und nie wieder raus“. Was den deutschen Metzger bei der Wurstproduktion manchmal das Gewissen belasten könnte, das sollten auch die Produzenten der illegalen Modedroge Ecstasy bedenken. Denn die kleinen bunten Pillen und Pulver die jedem Techno-Weekend erst den richtigen Drive geben, sind oft ein abenteuerlicher Cocktail aus unbekannten Ingredienzien, die die Gesundheit ernsthaft gefährden. Nach dem Motto „Feiern, bis der Chemiker kommt“ werfen in der Schweizer Party-Hauptstadt Zürich und auch im eher beschaulichen Bern viele Disco-Besucher die Ecstasy-Pillen ein, die in der Szene auch unter Namen wie XTC, „Adam“, „Cadillac“ und „Love“ gehandelt werden. Die Eidgenossen können von einem mobilen Labor des Kantonsapothekeramts Bern die Zusammensetzung der Tabletten testen lassen. 45 Minuten nach der Ankunft am Einsatzort ist das Labor einsatzbereit, im Normalbetrieb werden stündlich sechs Proben analysiert.

Wenn schon Drogen, dann sichere

Die Initiatoren der Projektgruppen “Streetwork” in Zürich und „Rave it safe“ in Bern machen mit ihren nächtlichen Aktionen keine Jagd auf Dealer und Konsumenten, sondern bieten dem Party-Volk wichtige Tipps zum Drogenkonsum. Gemäß ihrem Wahlspruch „Wenn schon Drogen, dann sichere“ analysieren sie die Zusammensetzungen. „Mit dem Test ist eine niederschwellige Beratung der Klienten über ein strukuriertes Interview mittels Fragebogen durch erfahrene Sozialarbeiter verbunden, die mit uns eng zusammen arbeiten“ sagt Dr. Hans-Jörg Helmlin, Laborleiter des Berner Kantonsapothekeramts. „Viele Raver trennen sich auch vor Ort von ihrem Pillenvorrat, wenn wir ihnen die Untersuchungsergebnisse mitteilen“. Seit 1998 wurden über 1.800 Analysen bei mehr als 100 Events durchgeführt. Für den Test wird etwa ein Viertel der Tablette benötigt. In als Ecstasy verkauften Pillen wird vielfach nicht der erwartete Wirkstoff MDMA (3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin) sondern andere Stoffe wie m-CPP (meta-Chlorphenylpiperazin), MDEA, MDA, 2-CB, Methylamphetamin sowie p-Fluoramphetamin und weitere Chemikalien detektiert. In die Tabletten werden in den illegalen Labors oft Brands gepresst, z. B. Vögel, Herzen, Delphine oder auch Mercedes-Sterne. Diese Embleme sollen dem Käufer die Sicherheit eines Markenartikels vortäuschen. Da sie aber leicht kopiert werden können, bieten sie keinen verlässlichen Hinweis auf die Wirkung oder die Inhaltsstoffe. Über 50 verschiedene Substanzen fanden die Tester bei Ihren Drogenanalysen.

Aggressionen und Halluzinationen

Vor allem die Menge des eigentlichen Wirkstoffs MDMA schwankt sehr stark. Rund 80 mg sind die Regel, aber auch Pillen mit weniger als 20 bis über 170 mg sind auf dem Markt, wie die Berner Tester festgestellt haben. Viele Dosen enthalten zusätzliche Stoffe. Zu den besonderen Risiken zählt die häufige Unkenntnis der Konsumenten über Reinheitsgehalt und Zusammensetzung der jeweiligen Pillen und Pulver, so dass Intensität und Dauer der Wirkung wie auch die möglichen Nebenwirkungen nur schwer abzuschätzen sind. Infolge von Amphetaminkonsum kann es zu unvermittelt ausbrechenden Aggressionen und Gewalttätigkeiten, zu Verfolgungswahn und – eher selten – zu Halluzinationen kommen, warnt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V..

Osteuropäische Drogenlabore

„Zunächst wurden die Ecstasy-Pillen vorwiegend in den Niederlanden produziert, inzwischen wird der größte Teil des europäischen Marktes von osteuropäischen Drogenlabors beliefert. Dort wird zwar am weitaus günstigsten produziert, auf der anderen Seite aber extrem unsauber gearbeitet und viel gepanscht“ warnt der Wiener Elias Ott, Herausgeber der Drogen-Infopage „Thema-drogen.net“. Während Dr. Helmlin in Bern festgestellt hat, dass eine Ecstasy-Pille in Berner Clubs zwischen 15 und 20 Franken kostet, sind die Preise in Köln deutlich niedriger. Die Experten der Drogenhilfe Köln gGmbH sprechen von einem Preis zwischen 4 und 10 Euro.

Wenig Interesse an Drogen-Prävention?

Das mobile High Tech-Labor, das auf vier Roll-Racks montiert ist, mit zwei über W-LAN gesteuerten Analysegeräten (HPLC-DAD), Waagen sowie Dokumentations- und Probeaufbereitungsstation mit Ultraschallextraktor kostet rund 250 000 Schweizer Franken. „Die Komponenten werden aber auch im Normalbetrieb des Kantonsapothekeramts genutzt“, sagt Hans-Jörg Helmlin. Die eidgenössischen Test-Pioniere haben ihre Eigenentwicklung schon bei internationalen Fachkongressen wie der Club Health Conference vorgestellt. Teilnehmer waren Sozialarbeiter, Behörden und Clubbetreiber aus ganz Europa. „Wir hoffen, dass einige unsere Idee übernehmen werden“, fügt Dr. Helmlin hinzu.

Er argwöhnt aber, dass es in Deutschland und auch in der Westschweiz wenig Interesse an seiner Drogen-Präventionsaktivität gebe. „Das können politische Gründe sein mit Focus auf Repression, denn Ecstasy ist in der Schweiz wie in Deutschland und vielen anderen Staaten als Betäubungsmittel gesetzlich verboten. Wir bekämpfen den Konsum nicht, sondern machen ihn sicherer.“ Wenn Raver gepanschte Drogen konsumieren, riskieren sie ernsthafte gesundheitliche Schäden wie „Austrocknung, die bis zum Nierenversagen führen kann. Des weitern kann es zu einer erhöhten Pulstätigkeit, Blutdruckabfall und Versteifung der Muskeln kommen.“

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Pharmazie

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