Globale Altenpflege: Oma ist dann mal weg

13. Oktober 2016
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Altenpflege: Familiensache, staatliche Aufgabe oder doch zunehmende Verschiebung in asiatische oder osteuropäische Länder? Der Markt für Pflegemigration in Deutschland wächst. Auffällig viele Männer zieht es dabei nach Thailand, wo Pflege und Prostitution verschmelzen können.

Die Betreuung von alten und pflegebedürftigen Menschen ist in Deutschland ohne Unterstützung aus dem Ausland kaum noch zu leisten: Schätzungen zufolge arbeiten derzeit 100.000 bis 200.000 Pflegearbeiterinnen vor allem aus Osteuropa in deutschen Haushalten, um die Pflegenden bei der Versorgung ihrer Angehörigen zu unterstützen und zu entlasten.

„Tatsächlich dürfte die Zahl aber wesentlich höher liegen, weil ein Großteil der osteuropäischen Pflegearbeiterinnen illegal tätig ist und nicht erfasst wird“, sagt Prof. Dr. Cornelia Schweppe, Professorin für Sozialpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) zur aktuellen Lage.

Altenpflege: Immer noch Familiensache

„Die Beschäftigung migrantischer Pflegekräfte in Privathaushalten ist ein Massenphänomen.“ Demgegenüber scheint die Verlagerung der Betreuung in ausländische und hier insbesondere osteuropäische und asiatische Pflegeeinrichtungen noch in den Kinderschuhen zu stecken.

„Wir sehen in der Forschung, dass sich Alter nicht mehr nur national fassen lässt“, erklärt Schweppe die zunehmende Globalisierung der Altenpflege. Während in Ländern wie den Niederlanden Pflege viel mehr als staatliche Aufgabe verstanden wird, liegt die Altenpflege in Deutschland stärker in den Händen der Familie. Das ist nicht nur Wunsch der Betroffenen und Familienangehörigen, sondern auch Vorgabe der Altenpolitik.

„Um aber die Betreuung im Privathaushalt überhaupt möglich zu machen, wird zunehmend auf Ressourcen anderer Länder zugegriffen“, so Schweppe. Im Falle von Deutschland heißt das, es kommen vor allem Pflegearbeiterinnen aus Osteuropa ins Land, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche die Betreuung übernehmen.

Prostitution und Pflege verschmilzen

Ein anderes Phänomen findet unter dem Schlagwort „Oma-Export“ das Interesse der Öffentlichkeit: Medien berichteten rege über die Pflegemigration in benachbarte osteuropäische Länder und nach Asien. Dort entfaltet sich ein Markt mit Alteneinrichtungen, der sich speziell an deutschsprachige Menschen richtet. Den Untersuchungen der Mainzer Arbeitsgruppe zufolge stößt diese Form der Altenversorgung tatsächlich hierzulande noch auf eine begrenzte Nachfrage.

„Von einem Boom kann in Deutschland bisher keine Rede sein“, so Schweppe mit einem Hinweis darauf, dass die zukünftige Entwicklung schwer abzusehen ist. Beispielsweise verzeichnet Japan, das Land mit der höchsten Altenrate weltweit, Wanderbewegungen von betreuungs- und pflegebedürftigen Menschen nach Malaysia, auf die Philippinen oder nach Thailand.

Während „Pflege“ also in Deutschland noch immer vorwiegend „Pflege in der Familie“ heißt, beobachten die Wissenschaftler zunehmend Migrationsprozesse von Älteren, die in Asien nicht nur klassische Pflegeversorgungsleistungen in Anspruch nehmen, sondern eng mit dem Prostitutionsmilieu verbunden sind.

Transnationale Altenpflege – Noch Zukunftsmusik?

„Wir betrachten in unseren Forschungen die Migrationsprozesse von älteren Menschen und es ist auffallend, wie viele ältere Männer aus Deutschland und der Schweiz nach Thailand ziehen.“

Der Weg ins Prostitutionsmilieu ist dabei keineswegs auf die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen begrenzt. „Angesichts der mangelnden Möglichkeiten im Alter eine Partnerin in Deutschland zu finden, ist das Prostitutionsmilieu für viele mit der Hoffnung auf eine längerfristige Beziehung zu einer Frau verbunden – zuweilen einhergehend mit der Hoffnung, sich von jungen thailändischen Frauen versorgen zu lassen“, so Schweppe. Solche „Altersbedarfe“, so die wissenschaftliche Bezeichnung, finden sich ebenfalls bei älteren Frauen, die zu diesem Zweck nach Kenia reisen.

Das Thema „transnationale Altenpflege“, bzw. „grenzüberschreitende Langzeitpflege“ für alte Menschen wird wohl auch in den kommenden Jahren verstärkt Beachtung finden müssen – auch im Zusammenhang mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien.

42 Wertungen (4.12 ø)

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6 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpfleger

@#4 “Wir haben 4 Jahre lang diverse Polinnen ,die unsere 92-jährige Großmutter gepflegt haben , hier gehabt,- es waren nicht nur schöne Erlebnisse. Einige haben den Barschrank entleert , andere haben Probleme mit ” meins und deins ” und wiederum andere sind über Nacht verschwunden”.
In solchen Fällen empfiehlt es sich, statt Schwarzarbeiterinnen zu fördern, die offiziellen Wege in Anspruch zu nehmen, um Menschen aus anderen Ländern zu engagieren. Da ist man vor unliebsamen Überraschungen gefeit und betrügt auch nicht den Staat.

#6 |
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DM Sigbert Scholz
DM Sigbert Scholz

Pflegetourismus ist eindeutig ein Armutszeugnis für eine “reiche” Gesellschaft.Ein hohes BIP bedeutet eben nicht automatisch emotional und am Mitgefühl reich zu sein. Das ist eben ein sozioemotionales Problem, ein Desaster einer überwiegend materiell ausgerichteten Gesellschaft. Leider ist ein weiteres Drifting in der modernen Industriegesellschaft zu erwarten, vorausgesetzt, wir alle bemühen uns wieder mehr umeinander und besinnen uns auf unsere psychologischen Stärken und üben wieder Zusammenhalt, gehen fürsorglich miteinander um.

#5 |
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[Kommentar wurde von der Redaktion gekürzt]
Man darf in diesem Zusammenhang nicht nur ein Maß von der Qualität der Pflege
setzen . Die Sprachkenntnisse müssen vorhanden sein um mit alte pflegebedürftige Menschen umzugehen ,- nur so kann durch Dialog zwischen Pfleger und Pflegebedürftiger die Symbiose entstehen .
Wir haben 4 Jahre lang diverse Polinnen ,die unsere 92-jährige Großmutter gepflegt haben , hier gehabt,- es waren nicht nur schöne Erlebnisse. Einige haben den Barschrank entleert , andere haben Probleme mit ” meins und deins ” und wiederum andere sind über Nacht verschwunden.

Tolle Aussichten für den Lebensabend !

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich würde auch jederzeit im Alter ins Ausland gehen, aber vorausgesetzt, ich spreche die Sprache. Wenn es eine bewußte Entscheidung, verbunden mit etwas Abenteuerlust ist, why not. In einem Bericht sah ich das Beispiel einer Dame, die früher jahrelang in Indien lebte. Sie kam wunderbar mit dem Leben in einem asiatischen Land, Thailand, klar. Aber es ging weiter mit einer eine dementen Dame in Tschechien , die überhaupt nicht wusste, wo sie war und ständig gefragt hat, wann denn ihr Sohn vorbeikommt – ich fand das traurig und erschütternd, obwohl die tschechischen Pflegerinnen sehr nett waren und gut Deutsch sprachen. Ich halte es heutzutage für eine Einzelfallentscheidung. Andere Länder wie Japan halten es anders, dort gibt es “Pflegetourismus” in alle möglichen Länder, auch europäische wie Spanien.

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Harald Noll
Harald Noll

Kurze Anmerkung: Prostitution ist in Thailand verboten! Wer als geriatrischer Pflegefall hier lebt, wird mit den Einrichtungen sehr zufrieden sein, da das Pflegepersonal nicht mit einer Stopuhr gegängelt wird.
Wer aber Sendungen von RTL 2 wie z. B. Forever young mehr Glauben schenkt,
der ist in Bad Taya oder Pattaya wie es richtig heißt, bestens aufgehoben um ein kleines Vermögen zu machen,- vorausgesetzt man kommt mit einem großen an.

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Gesundheits- und Krankenpfleger

Noch ohne auf die groteske Verschmelzung von Pflege und Prostitution in Südostasien einzugehen, muss festgestellt werden, dass die grenzübergreifende Versorgung alter Menschen mit Pflegeleistungen hoch problematisch ist.
Zunächst besteht hier das Problem, dass die von Ihnen genannten Zahlen mangels valider Statistiken höchst unsicher sind. Eine zuverlässige Planung für die Zukunft wird durch diesen ungeregelten und ungeprüften Markt dramatisch erschwert. Angesichts des skandalträchtigen offiziellen Pflegemarktes ist kaum zu vermuten, dass der Pflegeschwarzmarkt besser wäre. Dazu kommt, dass Menschen im Alter in einer langfristigen Versorgung mehr benötigen, als nur eine methodisch richtige Vorgehensweise bei einzelnen Pflegemaßnahmen. Die Versorgung des alten Menschen ist hochkomplex und erfordert eine hochqualifizierte Ausbildung gerade in den Bereichen, die bisher so herablassend als Grundpflege bezeichnet wurden.
Dazu gehört eine ethisch angemessene Haltung mit ausgeprägten Ansätzen in Beziehungsgestaltung und persönlicher Zuwendung. Einen Menschen bei der Körperpflege zu unterstützen ist ein tiefgreifender Eingriff in die persönliche Integrität, da könnte eine Prägung durch 4 Semester Theologie durchaus eine angemessene Voraussetzung sein.
Mir schiene es zielführend, erst über die hier im Land vorliegenden Schwächen zu diskutieren, bevor wir uns von Problemen in Südostasien ablenken lassen. Hier kann man etwas ändern.
Zum Thema vgl. Hollick, J. I have a Dream (2013) Pflege in Bayern. Ohne ISSN. S. 12 – 15. Kompetenz- und Beratungszentrum Pflege. Pocking.

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