800 Tonnen Antibiotika: Schwer zu schlucken

17. Oktober 2016
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Jährlich werden deutschlandweit rund 800 Tonnen Antibiotika verordnet. Wie sich die einzelnen Wirkstoffe entwickeln, insbesondere in Bezug auf rückläufige und steigende Resistenzen, kann man im aktuellen Bericht der GERMAP 2015 nachlesen.

Kürzlich erschien GERMAP 2015, der vierte Bericht über die Entwicklung des Antibiotikaverbrauchs und die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Human- und Veterinärmedizin in Deutschland. In der Humanmedizin kommen jährlich 700 bis 800 Tonnen Antibiotika zum Einsatz, 85 Prozent davon im ambulanten Bereich. Im Jahr 2014 gab es laut Wissenschaftlichem Institut der AOK 45 Millionen Verordnungen und 448 Millionen Tagesdosen.

Mehr Beta-Lactam-Antibiotika als je zuvor

Die Verordnungsdichte hat sich kaum verändert, das Volumen hingegen schon, zumindest was Beta-Lactam-Antibiotika betrifft: Die Zahl der Verordnungen hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Der Hauptgrund dafür ist der stark erhöhte Verbrauch von Cefuroxim-Axetil. Außerdem muss man regionale Unterschiede berücksichtigen, denn in den westlichen Bundesländern werden deutlich mehr Beta-Lactam-Antibiotika eingenommen als in den neuen Bundesländern.

Amoxicillin weiterhin auf Platz 1

Wenn man nach der Tagesdosis geht, ist Amoxicillin nach wie vor das Antibiotikum, das am meisten verordnet wird, Cefuroxim-Axetil kommt aber schon an zweiter Stelle. Auch im Krankenhaus waren Beta-Lactame und Fluorchinolone die meistverordneten Antibiotika. Auf Intensivstationen waren die Einnahmen mehr als doppelt so hoch wie auf Normalstationen.

Resistenzen kommen und gehen

Hinsichtlich der Resistenz gab es in den letzten Jahren deutlich erkennbare Veränderungen. Die Häufigkeit der Makrolid-Resistenz bei den Pneumokokken von Patienten mit invasiven Erkrankungen sank: Waren es 2007 noch 16,2 % bei den Erwachsenen und 20,8 % bei den Kindern, reduzierte sich der Anteil im Zeitraum 2013 bis 2014 auf jeweils 10 %.

Bei der multiresistenten Tuberkulose wurde mit 3,4 % der höchste Wert seit 2001 festgestellt. Was die beiden häufigsten Salmonella-Serovaren angeht, ist das Resistenzniveau sehr unterschiedlich: Während 95 % sensibel gegen Antibiotika bei Serovar-Enteritis-Isolaten sind, weisen die meisten Serovar-Typhimurium-Stämme hingegen eine Mehrfachresistenz auf.

Einsparungen erwünscht

Der Bericht macht deutlich: Viele Resistenzen bei bakteriellen Infektionserregern konnten bereits stabilisiert werden. Breitspektrum-Antibiotika werden weiterhin sehr häufig verabreicht, ganz besonders Cephalosporinen und Fluorchinolonen – die rationale Antibiotikaverordnung sollte in diesen Bereichen also weiterhin fortgesetzt werden.

Tiermedizin: ein Viertel weniger Pillen

Ein ähnlicher Trend lässt sich in der Veterinärmedizin beobachten: Während die Abgabemenge seit 2011 von 1.706 Tonnen jährlich auf mittlerweile 1.238 Tonnen gesunken ist – also beachtliche 27 % in vier Jahren –, stieg der Wert bei Fluorchinolonen von 8,2 auf 12,3 Tonnen.

Den vollständigen Bericht finden Sie hier.

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Forschung

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4 Kommentare:

Antibiotika-Verbrauch differenzierter betrachten!
Die Behauptung, bis zu 85 Prozent aller Antibiotika werden in Deutschland von niedergelassenen Vertrags- und Privat-Ärzten verordnet, kann man so nicht stehen lassen. Sie suggeriert ohne jeden infektions-epidemiologischen Nachweis, dass die Kliniken gerade mal 15 Prozent aller Antibiotika in Deutschland verordnen, und missachtet massiv die unterschiedlichen Zeitachsen, auf denen dies geschieht.
Obwohl Krankenhausaufenthalte im Mittel einmal alle 10-15 Jahre im Leben unserer Patientinnen und Patienten biografisch nur sehr kurzen Ausnahmesituationen entsprechen, werden dort intramural pro Patient insgesamt viel mehr Antibiotika-Einsatzes eingesetzt. Hinzu kommen in vielen Fällen die gezielte prästationäre Antibiose von den niedergelassenen Haus-, Fach- und Spezialärzten und die post-stationären Antibiotika-Behandlungen extramural auf Wunsch der Kliniker.
Eine ganz besondere Problematik ist die zunehmend häufigere Arztbrief-Empfehlung der poststationären Weiterführung einer in der Klinik bereits begonnenen Cephalosporin- oder Fluorchinolon-Antibiose auf Grund von DRG-bezogenen vorzeitigen Entlassungen und zu kurzen Verweildauern.
Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin, leitet das Modellprojekt “Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation” (RAI). RAI-Studienautorin und Charité-Hygienikerin Dr. Elisabeth Meyer schreibt: “85 Prozent der Antibiotika in der Humanmedizin werden … von niedergelassenen Ärzten verordnet.” Dies verschweigt besonders augenfällig, dass unsere Patienten in der Regel lebenslang sehr viel häufiger schwere bakterielle Infekte medizinisch-ärztlich indiziert ambulant erfolgreich behandelt lassen müssen, um damit unnötige Krankenhausaufenthalte vermeiden zu können. Die Klinik-Antibiose dagegen geschieht in den wenigen, kurzen Momentaufnahmen des medizinisch-ärztlich-therapeutisch begleiteten Lebenslaufs.
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/mre/article/887539/tun-zeitbombe-antibiotika-resistenz.html
RAI-Studienautorin E. Meyer et al. konstatieren allerdings auch, dass die gesamte humanmedizinische Antibiotika-Verordnungsmenge in Deutschland im unteren Drittel der EU-Staaten liege. Bei der Tiermast o h n e Antibiotika-Indikation (!) und in der Veterinärmedizin gehöre Deutschland jedoch EU-weit zu den Hochverbrauchern. 2013 wurden in Deutschland 1452 Tonnen Antibiotika in der Tiermast eingesetzt, zwei Jahre zuvor noch 1706 Tonnen. Zeitgleich beobachten die RAI-Experten dort einen problematischen Anstieg bei Chinolonen von acht auf zwölf Tonnen. Neun von zehn Masthähnchen und Puten werden antibiotisch behandelt, oft mit mehreren zeitgleich verabreichten Antibiotika, vermutlich auch o h n e veterinär-medizinische Untersuchung und Indikationsstellung.
Man sollte also kein ungenießbares Anti-Antibiotika-Süppchen kochen, um die Ausbreitung von Resistenzen einzudämmen. Politik, Medien, Öffentlichkeit, Wissenschaft und Forschung sollten dabei Antibiotika Anwendungen in Veterinär- und Humanmedizin differenzierter betrachten. Und meine Kolleginnen und Kollegen sollten kein Ciprofloxacin/Cefuroxim bei Atemwegsinfektionen mehr undifferenziert verordnen.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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Peter Beer
Peter Beer

Nur zur Klarstellung eine Pressemeldung vom BVL:

Menge der abgegebenen Antibiotika in der Tiermedizin halbiert

Korrektur der Daten für das Jahr 2015 aufgrund fehlerhafter Angaben eines pharmazeutischen Unternehmers

Aufgrund fehlerhafter Angaben eines pharmazeutischen Unternehmers müssen die vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) am 3. August veröffentlichten Daten zu den in Deutschland 2015 abgegebenen Mengen an Antibiotika in der Tiermedizin an einigen Stellen korrigiert werden. Nach Neuauswertung der Daten ergibt sich folgendes Bild: In Deutschland hat sich die Gesamtmenge der von pharmazeutischen Unternehmen und Großhändlern an Tierärzte abgegebene Menge an Antibiotika zwischen den Jahren 2011 und 2015 von 1.706 auf 805 Tonnen mehr als halbiert (minus 53 Prozent). Von 2014 zu 2015 ging die Gesamtmenge der abgegebenen Antibiotika um 433 Tonnen (35 Prozent) zurück. Die Abgabemengen für Antibiotika mit besonderer Bedeutung für den Menschen sind nicht – wie bei der ersten Auswertung 2016 ermittelt – angestiegen, sondern leicht gesunken.

-Die Hauptabgabemengen bilden, wie in den vergangenen Jahren, Penicilline mit etwa 299 Tonnen (t) und Tetrazykline mit etwa 221 t, gefolgt von Polypeptidantibiotika (Colistin) mit 82 t, Sulfonamiden mit 73 t und Makroliden mit 52 t. Fenicole wurden, wie bereits in den Vorjahren, zu etwa 5 t abgegeben. Von den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) als Wirkstoffe mit besonderer Bedeutung für die Therapie beim Menschen eingestuften Antibiotikaklassen (Highest Priority Critically Important Antimicrobials) wurden im Vergleich zum Vorjahr 2014 ebenfalls geringere Mengen abgegeben (rund 10,6 t Fluorchinolone und 3,6 t Cephalosporine der 3. und 4. Generation). Die Abgabe von Fluorchinolonen hat damit erstmals um 1,8 t (15 %) abgenommen. Die Zunahme im Zeitraum von 5 Jahren beträgt allerdings 2,4 t (29 %). Die Abgabemengen von Cephalosporinen der 3. und 4. Generation gingen von 2014 bis 2015 leicht um 0,1 t (3 %) auf 3,6 t zurück.

In der Tiermedizin nur 10,6t Fluorchinolone. In der Humanmedizin ca. 200 t ?
Hier ist wohl der Begriff Reserveantibiotikum nicht mehr angebracht.

Also, erst mal vor der eigenen Haustür kehren, haben wir gemacht, können wir aber sicher noch besser machen.
Im Zuge der One Health Strategie bringt mit dem Finger auf andere zeigen sehr wenig.
Hier können wir Tiermediziner den Humanmedizinern gerne helfen.

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Gast
Gast

Guten Tag,

laut BVL liegt die Abgabemenge in der Veterinärmedizin auf Basis 2015 bei 805 Tonnen. Das wäre dann ein Rückgang um 51%

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Medizinphysiker

In der Tiermast ist die Menge jährlich doppelt so groß!

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