Zahnungspräparate: Giftige Globuli

18. Oktober 2016
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US-amerikanische Aufsichtsbehörden warnen Eltern vor vermeintlich harmlosen Zahnungspräparaten auf homöopathischer Basis. Die Mittelchen enthalten teils große Mengen pharmakologisch relevanter Substanzen und brachten mitunter bedenkliche Nebenwirkungen mit sich.

Die ersten Milchzähne erscheinen meist im Alter von sechs bis zwölf Monaten. Kleine Patienten leiden mehr oder minder stark darunter. Sie schlafen schlecht, sind reizbar, haben Schmerzen und eine erhöhte Körpertemperatur. Kaut der Nachwuchs an Beißringen, lindert das die Beschwerden. Apotheker raten zu Paracetamol oder Ibuprofen als Zäpfchen, sollten die Beschwerden nicht besser werden. Eltern in den USA geben sich damit nicht zufrieden. Wie die Food and Drug Administration (FDA) berichtet, erwerben sie gerne homöopathische Zahnungshilfen.

Homöopathisches Herzklopfen

Völlig überraschend führten einige Präparate zu zentralnervöse Beschwerden wie Krampfanfällen. Das konnten sich weder Ärzte noch Apotheker auf den ersten Blick erklären. Analysen in Labors zeigten, dass Präparate Extrakte der Schwarzen Tollkirsche (Atropa belladonna) in deutlich nachweisbarer Menge enthielten. Hinzu kam, dass Eltern die vermeintlich harmlosen Kügelchen höher dosierten als vorgesehen. FDA-Experten raten, bei Beschwerden umgehend medizinische Hilfe anzunehmen. Von einem Versehen gehen sie nicht aus, da ähnliche Fälle bereits in der Vergangenheit mehrfach vorgekommen sind. Das ergab eine Anfrage von DocCheck bei der FDA.

Und sie wirken doch

Nicht nur in den USA versetzen Hersteller homöopathische Präparate ab und an mit hohen Wirkstoffmengen. Ein Heilpraktiker aus Deutschland, der eigentlich keine Rx-Präparate verschreiben darf, „verordnete“ Patienten ein homöopathisches Beruhigungsmittel. Er schickte sie aber immer in eine bestimmte Apotheke. Der Kollege wusste Bescheid und versetzte alle Globuli mit 0,7 bis 1,5 Prozent Tertrazepam. Patienten waren von der Wirkung begeistert, ohne den wahren Grund zu kennen.

Schließlich flog alles auf, und der Apotheker verlor seine Approbation. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg (OVG) bestätigte eine vorinstanzliche Entscheidung (Az. 8 LA 114/14). Im Mittelpunkt standen Verstöße gegen die Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO), Paragraph 20. Der Apotheker sei seinen Aufklärungs- und Beratungspflichten nicht nachgekommen. Mit üblichen Kennzeichnungspflichten sowie mit der Arzneimittelverschreibungsverordnung nahm er es auch nicht so genau.

61 Wertungen (2.97 ø)

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22 Kommentare:

Gast
Gast

Sch… …ade aber auch – jetzt kann man sich noch nicht einmal mehr darauf verlassen, daß das Zeug NICHT wirkt!

#22 |
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Gast
Gast

Oha, HomöoPatin oder doch eher Homöopathin?

#21 |
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Naturwissenschaftler

Hm, also die Patin für die/den Homöo … ;-)

nimmt sich viel Zeit für den Patienten, das ist heutzutage auf alle Fälle sehr löblich!

#20 |
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I. Barth, Ärztin/Homöopatin
I. Barth, Ärztin/Homöopatin

Schwarze Schafe gibt es überall, das wissen wir.
Eine gute,homöopatische Therapie ist von gut ausgebildeten Homöopaten zu erwarten. Während der Ausbildung zum Klassischen Homöopaten lernen wir auch das Potenzieren der Medikamente, deren nicht häufige Wiederholungsgabe in den verschiedensten Verschüttelungen/Potenzen, nach sehr ausfühlicher Anamnese , individuell einzusetzen- dafür brauchen wir viel Zeit für die Patienten, nur dann kann es eine Hilffe für den Patienten sein. Leider nehmen sich nur wenige Kollegen diese Zeit – gibt ja auch nicht viel Geld dafür! Und Schulmedizin und Hömöopathie lassen sich sehr gut miteinander verknüpfen, was ja besonders in der Geburtshilfe schon erfolgreich praktiziert wird. Vielleicht sollte in der Ausbildung zum Mediziner gelehrt werden, es gibt mehrere Weg zur Heilung.

#19 |
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Arthur van Dorp
Arthur van Dorp

Mein Kommentar wurde wegen “werblichen Inhaltes” gekürzt. Das genannte Präparat war nur als Beispiel eines in Europa erhältlichen, hoch dosierten Produktes gedacht, sicher nicht als Werbung für selbiges. Daher die Zusammensetzung des Präparates hier nochmals ohne Präparatname:
Cardiospermum halicacabum D4 / Luffa operculata D6 / Sabadilla (Schoenocaulon officinale) D4 / Galphimia (Thryallis glauca) D4
Diese Konzentration ist erheblich höher als die in Kommentaren angeführten D23 und liegt im Bereich schulmedizinischer Desensibilisierungsprodukte. Problematisch daran ist, dass dies die Patienten nicht erwarten. Häufig leider auch die Fachpersonen nicht.

#18 |
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Naturwissenschaftler

#15: Homöopathie ist keine Naturheilkunde im engeren Sinn, will sich aber immer gerne unter diesem Dach breit einordnen.
– Wissenschaflitche Medizin und Naturheilkunde können sich sehr gut ergänzen. Homöopathie und wissenschaftliche Medizin nicht, erstere ist eine Glaubensbewegung.
– Homöopathen helfen, nicht die Homöopathie. Pfarrer helfen, nicht die Götter.
– Nicht alle Heilpraktiker sind “Homöopathen”, was ein Glück, auch wenn sie leider immer wieder in einen Topf geworfen werden.
– Wer Paracetamol vorbehaltlos bewirbt ist ebenso unglaubwürdig, da haben Sie recht.
– “… was in dem Moment das Beste ist?” – Ja. Vielleicht einfach die Kügelchen weglassen, und den Eltern ein Gelassenheitstraining empfehlen.

#17 |
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Naturwissenschaftler

#4 “Dass ein HP seine Globuli allopathisch pimpt ist schon ein Ding, aber von irgendwas muss der ja auch leben.”
Betrug als Lebensmodell? Und wir sollen das (egal wem gegenüber!) tolerieren?

#16 |
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Anne Schad Heilpraktikerin, Kinderkrankenschwester
Anne Schad Heilpraktikerin, Kinderkrankenschwester

Dass die Globuli mit der fehlenden Rezeptur schädlich sind ist logisch, leider hat sich die Forschung und auch DocCheck hier nicht mit der “normalen” Herstellung auseinandergesetzt und somit ein einseitiges negatives Bild von ” der schlechten Homoöpathie” und den gruseligen Heilpraktikern gegeben!
Aber Paracetamol u. ä. wird als “gutes” Medikament beworben.
Ich wünsche mir dass endlich die Schulmedizin und die Naturheilkunde nebeneinander beworben wird zum Wohle des Patienten. Beides hat seine Berechtigung, beides Vor- und Nachteile. Geht es nicht wirklich darum was in dem Moment das Beste ist?

#15 |
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Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

Schade, dass es nur zu einem Rundumschlag gereicht hat, der wieder mal die bösen Apotheker und Heilpraktiker zum Ziel hat. Wirklich fundierte Information erwartet man vergeblich. Sollte die Zukunft das bringen, was die schöne digitale Welt verspricht, nämlich wilden Einkauf von sehr erklärungsbedürftigen Arzneien nach Selbstdiagnose bei Dr. Google , Arzneimittel in Selbstbedienung im Supermarkt, werden auch bei anderen Produkten auf dem Gesundheitssektor große Probleme auftreten. Und wetten, ganz ohne Zutun von Apothekern und Heilpraktikern.

#14 |
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Arthur van Dorp
Arthur van Dorp

@Robert Wagner.[Kommentar wurde wegen werblichen Inhalts von der Redaktion gekürzt] Man beachte zudem die Einnahmeempfehlung: 7 Kügelchen mehrmals täglich (bis viertestündlich). Da kommt so einiges pro Tag zusammen (auch kostenmässig).

Das ist genau was ich ausdrücken möchte: Auch die Verfechter der Homöopathie wissen nicht, dass manche Produkte viel stärker konzentriert sind als gemeinhin angenommen.

#13 |
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Heilpraktiker

Arthur van Dorp: ein bißchen Naturwissenschaft sollte man schon verstehen, sonst würde man nicht von relevanten Mengen bei einer Verdünnung von D23 und höher schreiben im Vergleich zur Desensibilisierung mit Pollen. Ab D23 ist nachweislich kein Molekül vom Ausgangsstoff mehr enthalten. Im Übrigen ist mir in Europa und in Deutschland erst recht kein Hersteller homöopathischer Arzneien bekannt, der mit krimineller Energie Substanzen heimlich zu irgendwelchen Globuli dazu mixt. Auch ein Apotheker sollte wissen, was er abgeben darf. Schwarze Schafe wird es immer geben und zwar in allen Berufsgruppen statistisch verteilt.

#12 |
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In einer Satiresendung über Unfallopfer mit Todesfolge wurde in 8000 Fällen die Leiter als Täter enttarnt. Da es eine Satire war, kam kein Mensch auf die Idee die Leitern zu verbieten. Wer aber in Wirklichkeit durch einen Leitersturz zu Tode gekommen ist , ist nicht an der Satire gestorben. Die Diskussion über die Zahnungsglobuli reflektiert ein wenig die Satire. Falschanwendung von Arzneimitteln macht negative Ergebnisse, ob bei Leitern, bei Opioden
( ca. 29 000 Tote in den USA im letzten Jahr ) oder bei den Homöopathika – waren es mehr als zehn Fälle? Diskutiert sachlich bitte, und vergeßt nicht die unterschiedlichen hohen Nebenwirkungsraten.

#11 |
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Heilpraktikerin

Sie glauben ja gar nicht wie viele “Normalos” Gifte in D3 oder D6 benutzen, die vom Arzthomöopathen verordnet wurden. Dabei werden die Gaben über den ganzen Tag mehrfach wiederholt, teilweise über Tage hinweg.
Kann bei Aconit und Co eben auch schief gehen.

#10 |
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Christian Becker
Christian Becker

@7 Es gibt keine seriösen Anbieter von Globuli, außer vielleicht denen, die die Rohglobuli vertreiben. Wären sie seriös, würden sie keine Globuli vertreiben.

#9 |
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Adolf Ersfeld
Adolf Ersfeld

Seit ca. 40 Jahren verordne ich bei Zahnungsbeschwerden des Säuglings/Kleinkindes das homöopathische Komplexmittel Escatitona Zahnungstropfen [Kommentar wurde wegen werblichen Inhalts von der Redaktion gekürzt]. Sehr gute Wirkung und bis heute wurde mir keinen einzigen Fall von Unverträglichkeit/Nebenwirkung gemeldet.

Adolf Ersfeld
Heilpraktiker

#8 |
  13
Gast
Gast

Wenn jemand aus Profitgier das Homöopathische Prinzip der Verdünnung absichtlich fälscht, kann man aber nicht mehr von klassischer Homöopathie sprechen. Deshalb den Artikel so zu schreiben als sei die ganze Homöopathie gefährlich ist irreführend und unseriös. Sie sollten dann wenigstens dazu schreiben wie hoch bei Homöopathischen Potenzen der Wirkstoffnachweis ist und wie ungefährlich klassische Homöopathie sonst ist. So verunglimpfen sie auch seriöse Anbieter z.b. die DHU, Arcana und andere die nachweislich nicht solche Schweinereien machen. Wenn ich ihren Artikel lese, kann man nur zu dem Schluss kommen, traue keinem Homöopathischen Anbieter mehr. Es scheint als wollten sie das!

#7 |
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Chemiker

#1: Wieso finden Sie es übel, wenn schwarze Schafe erwähnt werden?
Skandale sollten aufgedeckt und nicht vertuscht werden.
Macht man ja auch sonst so bei Medizin und Pharmazie. Und das ist ok und muss sein.
Und um in obigem Artikel ein allgemeines Homöopathie-Bashing zu sehen, muss man aber arg viel Phantasie aufwenden…

#6 |
  10
Arthur van Dorp
Arthur van Dorp

@Alexandra Bechara: Viele Leute, Befürworter wie Gegner von Homöopathika, gehen allerdings häufig davon aus, dass keine nachweisbare Wirkstoffmenge enthalten ist. Die einen leiten daraus ab, dass die Mittel nicht wirken können, die anderen, dass die Mittel keine Nebenwirkungen haben können. Es ist viel zu wenig bekannt, dass Globuli gar nicht so selten nicht “hoch potenziert” (sprich stark verdünnt) sind. Dass führt z.B. dazu, das homöopathische Heuschnupfenmittel ähnliche Konzentrationen von Pollen enthalen wie klassische Desensibilisierungsmittel. Entsprechend mit ähnlichem Wirkungs- und Nebenwirkungsverhalten.

#5 |
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Dr. Christian Möws
Dr. Christian Möws

Verstehe diese Aufregung nicht. Es geht um die dem Patienten vermittelte Erwartungshaltung “Sanft-natürlich-ungefährlich” und wirksam. Wenn die versprochene Besserung selbst unter Berücksichtigung der zu befürchtenden Erstverschlechterung ausbleibt, ist die höhere Dosierung ohne Rücksprache vorprogrammiert. Dass ein HP seine Globuli allopathisch pimpt ist schon ein Ding, aber von irgendwas muss der ja auch leben.

#4 |
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Andreas Klauder
Andreas Klauder

Betrug gibt es nur bei Heilpraktikern und Apothekern? Und alle Ärzte sind Engel (äh, ich meine natürlich Halbgötter in weiß)? Da glaubt wohl jemand an den Weihnachtsmann und den Osterhasen…

#3 |
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Dr. med. Peter Respondek
Dr. med. Peter Respondek

Warum Angstmache mit amerikanischen Zahnungskügelchen? Hat das eine Relevanz für mitteleuropäische Leser?
Gottseidank gibt es Betrug nur bei Heilpraktikern und Apothekern und nicht bei Ärzten.

#2 |
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Heilpraktiker

Ein ganz übler Artikel. Hier werden mehrere Dinge mit einander vermischt. Natürlich gibt es homöopathische Komplexmittel in denen auch die Tollkirsche enthalten ist. Zum Teil auch unter der D 23, sodaß eben auch Wirkstoff enthalten ist und eine Wirkung besteht. Die homöopathischen Komplexmittel haben aber eben auch eine Zulassung.

Dann die Brücke zu schlagen zu einem Einzelfall indem ein Heilpraktiker gegen jegliche Gesetze und Verordnungen verstößt, als auch ein Apotheker der sich strafbar macht, ist an Dummheit nicht mehr zu überbieten.

Bitte gehen sie doch seriös mit dieser Thematik um.

#1 |
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