Schizophrenie: Brüderlich geteilt

26. Oktober 2016
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Genetische Faktoren spielen bei psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie eine wichtige Rolle. Eine groß angelegte Studie hat nun das Erkrankungsrisiko bei Geschwistern der Betroffenen untersucht. Fazit: Ärzte sollten sich das erhöhte Risiko stärker bewusst machen.

Das Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln, ist hoch: Eine aktuelle Studie schätzt, dass pro Jahr 38 Prozent der Bevölkerung in der Europäischen Union von einer psychischen Erkrankung betroffen sind – das sind 164,8 Millionen Menschen. Die häufigsten Erkrankungen sind dabei Angststörungen, Schlafstörungen, Depressionen, somatoforme Störungen und Alkohol- bzw. Drogenabhängigkeit. Die vergleichsweise hohe Zahl hängt auch damit zusammen, dass in der Studie erstmals Erkrankungen in der Kindheit und Jugend sowie im höheren Lebensalter berücksichtigt wurden.

Um den Einfluss genetischer Faktoren bei diesen Erkrankungen abzuschätzen, wird häufig das Erkrankungsrisiko bei direkten Verwandten untersucht – insbesondere bei Eltern und Kindern oder bei ein- und zweieiigen Zwillingen. Aber auch bei Geschwistern von Patienten mit schweren psychischen Störungen ist das Erkrankungsrisiko erhöht. So haben Verwandte von schizophrenen Patienten ein erhöhtes Risiko für die Erkrankung selbst, als auch für mit der Schizophrenie verwandte Störungen.

Allerdings gibt es bisher kaum umfassende Untersuchungen, die die Höhe des Erkrankungsrisikos bei Geschwistern abschätzen. Nun hat ein Forscherteam zum ersten Mal alle Patienten eines Landes, die wegen einer schweren psychischen Störung in Behandlung waren, in eine Studie* einbezogen und das Risiko ihrer Geschwister untersucht, ebenfalls irgendeine Form von psychischer Erkrankung zu entwickeln.

Daten von Patienten aus ganz Israel

Das Forscherteam um Mark Weiser vom Sheba Medical Center in Ramat Gan (Israel) untersuchte die Rate psychischer Erkrankungen bei Geschwistern von 6.111 israelischen Patienten, die wegen einer Schizophrenie, einer bipolaren Störung oder einer Depression in einer psychiatrischen Klinik oder Tagesklinik behandelt wurden. Diese verglichen sie mit über 74.900 Kontrollpersonen, die von Alter und Geschlechtsverteilung mit der Untersuchungsgruppe vergleichbar waren. Die Daten der Kontrollgruppe stammten aus dem „Israeli Population Registry“, in dem alle Geburten, Todesfälle, Ehen und Scheidungen im Land erfasst werden.

An der Untersuchung waren auch Forscher vom King’s College London und von der Hospital Clinic in Barcelona beteiligt. Die Ergebnisse präsentierte das Forscherteam auf dem Kongress des European College of Neuropsychopharmacology in Wien.

Erhöhtes Risiko bei Geschwistern mit Schizophrenie und bipolarer Störung

Wenn ein Bruder oder eine Schwester an Schizophrenie litt, hatten die Geschwister im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein 10-fach erhöhtes Risiko, ebenfalls an einer Schizophrenie zu erkranken. Außerdem hatten sie ein 6- bis 8-fach erhöhtes Risiko, eine schizoaffektive Störung zu entwickeln, und ein 7- bis 20-fach erhöhtes Risiko, an einer bipolaren Störung zu erkranken.

Auch wenn ein Patient wegen einer bipolaren Störung behandelt wurde, hatten die Geschwister ein erhöhtes Erkrankungsrisiko: Ihr Risiko, an einer bipolaren Störung, einer Schizophrenie oder anderen psychiatrischen Störung zu erkranken, war vier Mal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Geschwister von Patienten, die wegen einer Depression in Behandlung waren, hatten ebenfalls ein erhöhtes Risiko für Schizophrenie und andere psychiatrische Störungen. Zu den anderen psychischen Störungen, die in der Studie erfasst wurden, gehörten Angststörungen, Anpassungsstörungen, die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Essstörungen, dissoziative Störungen, Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen.

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Risiko, an einer bestimmten psychischen Störung zu erkranken, bei Geschwistern von Patienten mit Schizophrenie im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung (nach Alter und Geschlecht gematcht). © Mark Weiser, Sheba Medical Center, Israel

Ergebnisse sind für die klinische Praxis wichtig

„Dies ist eine große, repräsentative Studie, die aussagekräftige Zahlen über das Risiko für psychische Erkrankungen bei Geschwistern liefert, wenn ihr Bruder oder ihre Schwester an bestimmten psychischen Störungen leidet“, sagt Weiser. „Die Zahlen sind ziemlich beeindruckend, mit einem 10-fach erhöhten Risiko für Schizophrenie, wenn ein Geschwister an der Störung erkrankt ist.“

Die Ergebnisse seien auch für die klinische Praxis wichtig, betont Weiser. „Sie regen medizinisches Fachpersonal, das mit psychiatrischen Patienten arbeitet, dazu an, sich das Risiko für psychische Erkrankungen bei Geschwistern von Patienten stärker bewusst zu machen.“ So könnten Ärzte zum Beispiel Frühwarnsymptome bei Verwandten eines Patienten eher erkennen und schneller darauf reagieren.

Weiterhin könnten die Ergebnisse auch für Forscher von Nutzen sein, die sich mit den genetischen Ursachen für psychische Erkrankungen beschäftigen, so Weiser. „Sie deuten darauf hin, dass die gleichen Gene mit einem erhöhten Risiko für verschiedene psychische Erkrankungen assoziiert sind.“

Psychische Störungen sind oft genetisch „verwandt“

Fachleute gehen davon aus, dass die meisten psychischen Erkrankungen durch ein Zusammenwirken von genetischer Vulnerabilität und belastenden Umweltfaktoren entstehen – etwa einem schweren Trauma in der Kindheit oder einer starken Stressbelastung. Dass bei schweren psychischen Störungen ein deutlicher genetischer Einfluss besteht, ist bereits aus früheren Studien bekannt. So liegt das Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken, bei 13 Prozent, wenn ein Elternteil von der Störung betroffen ist – im Vergleich zu einem Prozent in der Allgemeinbevölkerung. Verwandte ersten Grades von bipolaren Patienten haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein zehnfach erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken, sowie ein dreifach erhöhtes Risiko für eine Depression. Und bei Depressionen wird die Erblichkeit auf 35 Prozent geschätzt.

Dabei scheinen die gleichen Risikogene bei unterschiedlichen psychischen Erkrankungen eine Rolle zu spielen: So gibt es deutliche genetische Überlappungen zwischen Schizophrenie, bipolaren Störungen und Depressionen. Neue Untersuchungen zeigen zudem, dass genetische Risikofaktoren sowohl bei der Schizophrenie als auch bei bipolaren Störungen mit anatomischen Abweichungen im Gehirn zusammenzuhängen, die wiederum das Auftreten der Erkrankungen begünstigen könnten.

* auf der aufgerufenen Seite den Abstract-Titel „ Risk of psychiatric disorders in siblings of patients diagnosed with schizophrenia or affective disorders“ eingeben

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Forschung, Medizin, Psychiatrie

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2 Kommentare:

Gast
Gast

Traue keiner Studie, die Du nicht selbst gefälscht hast ;-)
Ich glaube, dass gute Ärzte, die die Familienverhältnisse kennen auch eher auf Frühwarnzeichen einer Psychose aufmerksam werden, wenn eine Psychose in der Familie bekannt ist und schneller intervenieren. Sehr wahrscheinlich reagieren auch Angehörige rechtzeitig, da sie es früher merken als der Arzt und die Krankheit “kennen”.
Da die meisten Forscher von einer erblichen Vordisposition ausgehen, muss auch für eine solche Studie kein Geld mehr ausgegeben werden.
Ich frage mich ernsthaft, welche Erkenntnisse ich aus dem Artikel ziehen soll.
Bitte seien Sie bei der Bewertung meines Kommentars vorsichtig, ich könnte mit einer Wahrscheinlichkeit von 38% psychisch erkrankt sein.

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Gast
Gast

Hier wird unseriös nahegelegt, daß die Genetik ursächlich für psychische Störungen sei. Tatsache ist, daß Kinder meist von genetisch ähnlichen Personen großgezogen werden. Ob damit die Erziehung oder die Genetik, oder die Kombination beider Faktoren für psychische Erkrankungen ursächlich sind, bleibt damit ungeklärt.
Der Leser muss sich fragen, ob die Verbreitung dieses eigentlich sehr bekannten Denkfehlers Ausdruck oberflächlicher Berichterstattung oder Ausdruck bewusster Meinungsmache ist. Letztere könnte einer bevorzugt pharmakologischen Behandlung psychischer Störungen dienen.
Darf man fragen, wie sich “doccheck” finanziert?

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