Angiogenesehemmer: Die fetten Jahre sind vorbei

20. Juni 2013
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Krebszellen müssen durch Blutgefäße versorgt werden, damit ein Tumor wachsen kann. Das Fettgewebe übergewichtiger Mäuse scheint in ähnlicher Weise auf Blutgefäße angewiesen zu sein. Diese Erkenntnis könnte Ausgangspunkt für eine Medikation gegen Übergewicht sein.

Vor mehr als einem Jahrzehnt entdeckte Judah Folkman an der Harvard Medical School, dass das Fettgewebe in Mäusen über Angiogenesehemmer beeinflusst werden kann. Im Jahr 2002 veröffentlichte Folkman seine einzige Publikation zu diesem Thema. Eigentlich beschäftigte sich der Wissenschaftler mit dem Wachstum von Blutgefäßen in TumorenFettgewebe interessierte ihn nicht besonders. Vielleicht knüpfte Folkman aus diesem Grund nie an seine Entdeckung an, bevor er im Jahr 2008 verstarb.

Ein Krebsmedikament gegen Fettzellen

Wissenschaftler des Medical Centers der University of Mississippi versuchen nun Folkmans Entdeckungen mit ihren Erkenntnissen zu vereinen. Dr. Jian-Wei Gu, Leiter der Studie, interessiert sich eigentlich dafür, welche Rolle Fettgewebe bei Krebs spielt. Inspiriert durch Folkmans Publikation testete er mit seinen Kollegen, ob ein bereits zugelassenes Krebsmedikament auch Fettzellen zum Schmilzen bringen kann.

Dr. Gu erklärt, was ihn antreibt: “In den USA sind momentan nur drei Medikamente gegen Übergewicht zugelassen. Zu allem Übel sind diese Arzneimittel nicht besonders wirksam und haben jede Menge unerwünschte Nebenwirkungen. Momentan haben wir faktisch kein gutes Medikament, das zu einem signifikanten Gewichtsverlust führt und keine anderen Probleme verursacht.“ In ihren Versuchen verabreichten Gu und seine Kollegen fettleibigen Mäusen das Krebsmedikament Sunitinib, welches das Wachstum von Blutgefäßen unterbindet. Sunitinib wird zur Behandlung von Nierenkrebs und Tumoren im Magen-Darm-Trakt eingesetzt. Der Wirkstoff kappt die Blutversorgung des Tumors und hindert ihn so am Weiterwachsen.

Postmenopausale Fettleibigkeit und gesteigerte Angiogenese

Gu und seine Kollegen testeten Sunitinib an Mäusen mit postmenopausalem Übergewicht. „Wir konnten bereits in früheren Arbeiten zeigen, dass postmenopausale Fettleibigkeit mit einer gesteigerten Angiogenese im Fettgewebe einhergeht“, so Gu. Den Versuchstieren waren die Eierstöcke entfernt worden, um sie vorzeitig in die Menopause zu führen. Anschließend wurden sie vier Wochen lang fettreich ernährt, um extremes Übergewicht zu erzeugen. Die Mäuse erhielten dann täglich Sunitinib über einen Zeitraum von zwei Wochen. Das Medikament wurde entweder oral oder durch abdominale Injektionen verabreicht. Als Kontrolltiere dienten dieselben postmenopausalen, fettleibigen Tiere, denen aber kein Wirkstoff verabreicht wurde.

70 Prozent weniger Fettmasse

Nach der Behandlung mit Sunitinib hatten die Mäuse im Schnitt 70 Prozent ihrer Fettmasse verloren. „Ihre Muskelmasse blieb davon allerdings unbeeinträchtigt“, so Prof. Gu. Ob der Wirkstoff dabei oral oder über abdominale Injektionen verabreicht worden war, spielte für den Fettmasseverlust keine nennenswerte Rolle. Und es kam noch besser: Sunitinib schien auch den Appetit der Mäuse zu drosseln. Als die Behandlung beendet war, fraßen die Tiere, die den Wirkstoff erhalten hatten, weniger als ihre Artgenossen. „Das ist möglicherweise eine Begleiterscheinung des Fettverlustes und der veränderten Hormone, die im Gehirn die Nahrungsaufnahme steuern“, erklärt Gu die Versuchsergebnisse.

Trotz Zulassung weitere Tests erforderlich

Obwohl das Medikament bereits für andere Anwendungen beim Menschen zugelassen ist, müssen zunächst noch weitere Tests an Mäusen erfolgen, um den Fettverlust beim Menschen zu untersuchen. „Angiogeneseproteine erfüllen im Körper vielfältige Aufgaben“, so Prof. Gu. Sunitinib könnte zu unerwünschten Nebenwirkungen führen, die im Mausmodell bisher noch nicht zu Tage getreten seien. Die Forscher planen außerdem, das Medikament auch an anderen Tiermodellen für Übergewicht zu testen.

Adipositas in Deutschland

Das statistische Jahrbuch 2012 des statistischen Bundesamtes verzeichnete im Jahr 2009, dass 41 Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland übergewichtig sind, also einen BMI über 25 haben. 14 Prozent der Männer sind mit einem BMI über 30 sogar stark übergewichtig. Bei den Frauen sieht es mit 27 Prozent Übergewichtigen und 13 Prozent Adipösen nur wenig besser aus. Oft fällt den Betroffenen eine Umstellung ihres Ess- und Bewegungsverhaltens schwer. Die Ursache dafür sollte gefunden und behoben werden, um langfristige Therapieerfolge zu erzielen. Die pharmakologische Unterstützung zum Gewichtsverlust ist in Deutschland noch beschränkter als in den USA. Als einziges hier zugelassenes Medikament gibt es in Deutschland den Wirkstoff Orlistat, seit 2010 auch in der rezeptfreien Version zu kaufen. Die Wirkung beruht auf einer Störung der Fettresorption des Gegessenen – d. h., der Fettanteil wird in Form von Fettdurchfällen ausgeschieden. Die Wirkung bleibt weitgehend auf die Mahlzeit nach der Medikamenteneinnahme beschränkt. Nachteil: Mit der fehlenden Fettaufnahme werden auch fettlösliche Vitamine mit dem Stuhl ausgeschieden. Wäre ein Angiogenesehemmer also eine willkommene pharmakologische Alternative für Deutschland?

94 Wertungen (3.83 ø)

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9 Kommentare:

Dr. med Karen Awiszus
Dr. med Karen Awiszus

Auch hier kein Wort über die bekannten Nebenwirkungen von Sunitinib…

#9 |
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Dr. Sandra Single
Dr. Sandra Single

Wieso hacken alle sofort auf der Pharma Industrie herum. In dem Artikel wurden nur Wissenschaftler zitiert, die aus Drang nach Erkenntnis handeln. Irgendwann kommtdie Pharma Industrie natürlich ins Spiel. Aber bisher noch nicht, daher bitte sachliche Kommentare. Und die Pharma Industrie ist schlau genug, um erst einmal zu evaluieren, ob mit diesem Sicherheitsprofil es überhaupt Sinn macht, einen dreistelligen Millionenbetrag in klin. Studien zu investieren. Ich kenne soviel Menschen, die auf die Pharma Industrie herumhacken, um dann bei einer ersten ernsthaften Erkrankung dankbar jedes Mittelchen schlucken. Viele Grüsse !!

#8 |
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Ärztin

Die Lebenserwartung von Übergewichtigen (> BMI 25) und Adipösen (> BMI 30) ist höher als dien der “Normal” und “Ideal” gewichtigen (< BMI 25). Erst ab BMI 40+ sinkt die Lebenserwartung der Adipösen auf die der Normalgewichtigen.
Das ist mit Studien belegt.
Sollen sich Übergewichtige auf Kosten ihrer Lebenserwartung zu kranken aber schlanken Menschen machen nur um gesellschaftliche Erwartungen bezüglich des Schönheitsideals zu erfüllen?
Das darf nicht wahr sein! Welches kranke Hirn denkt sich solche "Therapieansätze" aus?
Der Pharmaindustrie sind die neuen BMI-Studien wohlbekannt. Diese Studie wirf ein Schlaglicht auf die wahren Motivationen der Pharmaindustrie. Durch diese Srudie wird offensichtlich, dass die Pharmaindustrie für Profit über Leichen geht! -Was bei anderen häufig verordneten Medikamenten leider nciht so offensichtlich ist.

#7 |
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Mike Mudat
Mike Mudat

Die Pharmaindusrie versucht wirklich alles, um noch mehr Geld zu verdienen.

#6 |
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Dr. med. Christa Giese
Dr. med. Christa Giese

und was ist mit Nebenwrkungen????
Eine Tablette einwerfen ist bequemer als lifestyle-Änderung! Aber was ist letztenendes gesünder?

#5 |
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Alexandra Schütz
Alexandra Schütz

Unfassbar!!!Damit adipöse Menschen nichts an ihren Essgewohnheiten ändern müssen, werden solche Dinge getestet.
Wissenschaftler sollten sich auf wichtigere Dinge konzentrieren.
Sunitinib zum Abnehmen.
Ich arbeite in der Onkologie und Sunitib-Patienten haben genug Nebenwirkungen.
Adipositas kann man auch gesünder “bekämpfen”, wenn Mann/Frau will.
Ich bin erschütttert.

#4 |
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Dr. med. Stefan Engeli
Dr. med. Stefan Engeli

Die Idee der Angiogenesehemmung ist nicht neu und hat in den letzten 10 Jahren auch im Tierexperiment zu keinem überzeugenden Erfolg bei Adipositas geführt. Vergessen wir nicht, dass Sunitinib ein Medikament für schwerkranke Patienten ist. Hier können mit Einschränkung auch schwerwiegende unerwünschte Wirkungen akzeptiert werden. Aber die dauerhafte Therapie mit einer Substanz mit diesem Spektrum an unerwünschten Wirkungen (Blutbildänderungen, Hypertonie etc.) kann wohl kaum zu einer sinnvollen Therapie adipöser Menschen werden.

#3 |
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Heilpraktikerin

Da fehlen mir die Worte…..immer hinein mit mehr Chemie!
mich wundert was der Körper so alles aushält !

#2 |
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Mir fehlen hier wichtige Informationen. Wie war die Dosierung gegenüber der bei den bereits etablierten Indikationen? Falls diese nicht wesentlich höher war, stellt sich die Folgefrage, ob dort ein signifikanter Einfluss auf die Fettmasse vorhanden ist. Wie sind dort die Nebenwirkungen im Vergleich zu Lipasehemmern und Appetitzüglern?

#1 |
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