Anaphylaxie: Ab in die Schock-Schule

25. Juni 2013
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Anaphylaxien sind selten aber potenziell lebensbedrohlich. Trotzdem wissen Patienten oft nicht, wie sie im Notfall handeln müssen. Nun sollen spezielle Schulungsprogramme die Betroffenen zu Experten in eigener Sache machen.

Sie kennen ihre Anaphylaxie-Auslöser nicht oder wissen nicht, wie sie den Kontakt mit ihnen vermeiden; sie haben keine Notfallmedikamente oder welche mit abgelaufenem Verfalldatum; sie setzen ihren Adrenalin-Injektor nicht ein oder halten ihn im Ernstfall verkehrt herum und spritzen sich in den Daumen. Nach allem, was man so weiß, sind viele Menschen mit einer Veranlagung zu Anaphylaxien nicht ausreichend auf den Umgang mit ihrer speziellen Disposition vorbereitet. Das Risiko, das sie dadurch eingehen, ist nicht zu unterschätzen.

Bis zu 500 Todesfälle im Jahr

Zwar ereignen sich Anaphylaxien nicht eben häufig, „in Deutschland sind pro Jahr schätzungsweise zwischen 4.000 und 16.000 Menschen betroffen“, sagt Professor Dr. Margitta Worm, Leiterin des Allergie Centrums Charité in Berlin. Allerdings gehen die Hypersensitivitätsreaktionen mit schweren Symptomen einher und können auch fatal enden. „Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes pendelt die Zahl der Todesfälle zwischen 30 und 50 pro Jahr“, sagt Worm. „Es werden aber längst nicht alle Fälle als solche erkannt beziehungsweise gemeldet. Die tatsächliche Inzidenz dürfte daher um den Faktor 10 höher sein.“ Erschwerend kommt hinzu, dass sich Anaphylaxien nicht sicher vermeiden lassen. Das gilt vor allem für Patienten mit Nahrungsmittelallergien. Potente Allergene wie Milch, Hühnerei, Nüsse, Weizen und Soja sind in industriell verarbeiteten Lebensmitteln häufig enthalten, bei offenen Lebensmitteln wie Speiseeis, Back- oder Wurstwaren fehlen oft auch noch entsprechende Deklarationen. Dementsprechend kann es trotz größter Vorsicht immer wieder mal zu einem versehentlichen Auslöserkontakt kommen.

Darauf deuten auch wissenschaftliche Untersuchungen hin. Sie zeigen, dass die meisten Patienten mit einer nahrungsmittelbedingten Anaphylaxie bereits vorher von ihrer Allergie gewusst und das auslösende Nahrungsmittel unwissentlich zu sich genommen haben. Ähnliche Schlüsse lassen auch die Daten des deutschen Anaphylaxieregisters zu. „Die Meldungen zeigen, dass es sich bei jedem dritten Fall von nahrungsmittelbedingter Anaphylaxie um eine wiederholte Reaktion handelt“, sagt Worm, „über alle Auslöser hinweg bei jedem vierten.“

Ängste und Unsicherheit bei den Betroffenen

Ärzte sind also gut geraten, ihre Patienten mit Anaphylaxierisiko zu schulen und auf den Ernstfall vorzubereiten. In der täglichen Praxis fehlt dazu aber meist die Zeit. Daher hat die Arbeitsgemeinschaft Anaphylaxie – Training und Edukation AGATE e.V. ein Schulungsprogramm für Patienten mit Anaphylaxierisiko – im Falle von Kindern auch für die Sorgeberechtigten – entwickelt. Eine Teilnahme wird als sinnvoll angesehen, wenn Patienten einen Adrenalin-Injektor verordnet bekommen haben und ein wesentliches Anaphylaxierisiko besteht. Davon ist laut AGATE auszugehen, wenn Patienten

  • eine Allergie auf potente Allergene wie Erdnuss, Baumnüsse, Fisch und Krustentiere haben,
  • eine nahrungsmittelbedingte Anaphylaxie mit Kreislauf- und Atemwegsbeteiligung erlitten haben,
  • eine Anaphylaxie auf einen Insektenstich erlitten haben und nicht hyposensibilisiert werden oder durch die Hyposensibilisierung nicht ausreichend geschützt sind,
  • eine Überempfindlichkeit auf ein schwer zu meidendes Medikament haben,
  • eine Anaphylaxie ohne erkennbaren Auslöser entwickelt haben,
  • Anaphylaxien in der Vorgeschichte hatten und den verantwortlichen Auslöser nicht sicher meiden können.

Die Schulungen finden an zwei halben Tagen statt und werden von diversen Kliniken angeboten, teils auch von spezialisierten Praxen wie beispielsweise der von Dr. Katja Tischer in Starnberg. Die Kinderärztin und Allergologin hat sich zur Anaphylaxie-Trainerin ausbilden lassen, weil sie den Bedarf für derartige Schulungen nahezu täglich erlebt. „Unserer Erfahrung nach nimmt die Zahl anaphylaktischer Reaktionen gerade bei Säuglingen und Kleinkindern zu“, sagt Tischer. Die Betroffenen selbst und ihre Eltern haben Angst vor einer neuerlichen Anaphylaxie und davor, dann nicht richtig zu reagieren. „Dies gilt natürlich erst recht, wenn die Kinder in fremder Obhut sind“, sagt Tischer.

Signifikante Wissensvorteile durch die Schulung

In den Kursen lernen die Teilnehmer daher, wo sie mit ihren Auslösern überall in Kontakt kommen können und wie sie diesen Kontakt bestmöglich vermeiden, welche Organsysteme bei einer Anaphylaxie betroffen sein können und welche Symptome dabei auftreten. Sie erfahren, wie schnell und wie lange Antihistaminika, Glukokortikoide, Adrenalin und Salbutamol wirken und nach welchem Schema sie eingesetzt werden. Vor allem aber können Teilnehmer nach der Schulung den Adrenalin-Injektor richtig handhaben: Mit einer wirkstoff-und nadelfreien Version üben sie die Anwendung immer wieder und erhalten das Gerät auch mit nach Hause.

Ziel ist es, das Selbstmanagement der Patienten beziehungsweise der Sorgeberechtigten zu verbessern. Und offenbar gelingt das auch. „Im Nachhinein berichten viele Teilnehmer, dass sie mehr Sicherheit in der Interpretation zweifelhafter Situationen und in der akuten Behandlung einer Anaphylaxie gewonnen haben“, sagt Tischer. „Viele profitieren auch von den Erfahrungen anderer Teilnehmer und haben gelernt, den Kontakt mit Auslösern im Alltag besser zu vermeiden und ihr soziales Umfeld auf ihre Situation aufmerksam zu machen.“

Tischers Erfahrungen decken sich auch mit einer Auswertung, die die AGATE selbst vorgenommen hat. Darin wurden der Informationsstand und die praktischen Fähigkeiten einer geschulten Gruppe mit denen einer nicht geschulten Wartegruppe verglichen. Erste Ergebnisse zeigen, dass das Wissen der Patienten durch die Schulung signifikant zunimmt und sie in praxisbezogenen Verhaltenstests signifikant besser abschneiden. Bleibt zu hoffen, dass das Wissen dann auch im Ernstfall umgesetzt werden kann.

Die AGATE Anaphylaxie-Schulung

Informationen zum Lehrplan und zu den Schulungszentren unter www.anaphylaxieschulung.de. Eine Übernahme der Schulungskosten durch die Krankenversicherung muss derzeit noch für jeden Patienten individuell beantragt werden. Die AGATE bietet auch Train-the-Trainer-Seminare an, in denen sich Ärzte, Psychologen, Pädagogen, ärztliche Psychotherapeuten, Ernährungsfachkräfte, Krankenschwester und –pfleger sowie weitere Berufsgruppen mit Erfahrung in der Betreuung von Anaphylaxie-Patienten zum Anaphylaxie-Trainer ausbilden lassen können.

97 Wertungen (4.26 ø)

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7 Kommentare:

Auch mit unserem Sohn hatten wir es schon erlebt, dass wir gerade noch laufend in die Notaufnahme kamen und auf die Wartebank gesetzt wurden, obwohl wir genau sagten, um was es sich handelt! Als mein Sohn dann bewusstlos war, hieß es nur, er würde schlafen! Der diensthabende Arzt verweigerte dann die stationäre Aufnahme, da er keine Quaddeln sah! Zum Glück hatten mit der Zeit das vorher eingenommene Antihistaminikum und das Glukokrtikoid gewirkt…
Schulung der Ärzte ist mindestens genauso wichtig, wir hatten schon öfter mit Rettungsassistenten und Notärzten diskutieren müssen, ob es sich um eine (beginnende) Anaphylaxie handelt.

#7 |
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asd

#6 |
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Heilpraktikerin

…Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes pendelt die Zahl der Todesfälle zwischen 30 und 50 pro Jahr“, sagt Worm. „Es werden aber längst nicht alle Fälle als solche erkannt beziehungsweise gemeldet. Die tatsächliche Inzidenz dürfte daher um den Faktor 10 höher sein.“…

Wenn man also einfach mit 10 multipliziert, dann sind wir bei 300-500 Todesfällen pro Jahr. Da sind wir dann bei ~ 6-10 Opfern pro Woche.

Schulen, üben, trainieren!!

#5 |
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Christa Dirmeier
Christa Dirmeier

Bin ebenfalls selbst eine Betroffene und kann Frau Gohlke nur beipflichten!

#4 |
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# 2
Sehr geehrte Frau Dr. Wegener,
eine der Quellen, die diesem Beitrag zugrundeliegen, attestiert auch den Ärzten nicht unerhebliche Wissensdefizite beim Erkennen und Management von Anaphylaxien (Kastner M et al. Gaps in anaphylaxis management at the level of physicians, patients, and the community: a systematic review of the literature. Allergy 2010; 65: 435–444). Demnach wurde auch versäumt, Patienten mit einem Autoinjektor im Gebrauch zu unterweisen. Des weiteren zieht die Autorin einer Berliner Datenerhebung zu Anaphylaxien im Notarzteinsatz folgendes Fazit:

“Auffällig jedoch ist, dass Volumen, Glukokortikoide und Antihistaminika in nahezu allen Reaktionen zum Einsatz kamen, während das Katecholamin Adrenalin relativ selten eingesetzt wurde. […] Die hier ermittelten Daten deuten daraufhin, dass Adrenalin, das Medikament, das als Therapie der ersten Wahl zur Behandlung des allergischen Schockes gilt, unterrepräsentiert eingesetzt wurde.”

In diesem Sinne äußerten sich auch meine Ansprechpartner während der Recherche.

#3 |
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Wenn es schon so weit gekommen ist, daß ein Patient einen Adrenalin-Injektor verordnet bekommen hat, können Sie sicher sein, daß dieser Patient auch intensiv aufgeklärt wurde und zuvor eine eingehende Diagnostik erfolgt ist – sonst verschreibt man so etwas nicht! Aber Patienten vergessen leider häufig nach einiger Zeit, was sie gelernt und erfahren haben, vor allem, wenn die Situation eher sehr selten ist. Das Klinikpersonal in der Notfallambulanz und jeder niedergelassene Arzt, der im Notfalldienst eingesetzt ist, sollte die Anaphylaxie aus dem “Eff-Eff” erkennen – das ist medizinisches Basiswissen! Dafür brauchen wir nicht noch mehr Zusatzeinrichtungen, das ist Praxisalltag. Und wenn diese Patienten uns schon ihre Informationen geben, sollten wir ZUHÖREN und HANDELN!

#2 |
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Physiotherapeutin

Als Betroffene und durchaus erfahrene Patientin und dazu noch als medizinisches Peronal, kann ich mir nur wünschen, dass auch Klinikpersonal geschult wird. Und dass die Versicherungskarte nicht wichtiger als das Cortison ist… Und man nicht erst diskutieren muss, ob es jetzt eine Anaphylaxie ist oder vielleicht doch etwas anderes… Geht oft schlecht, wenn die Luft knapp wird. Problem ist oft auch, dass man noch laufend in die Klinik kommt, klar sagt, was gleich passieren wird und niemand einem glaubt. Das endet dann mit Adrenalien und intubiert auf der ITS. Nicht witzig. Da hilft auch geschulte Patient leider nichts.

Trotzdem eine gute Idee, die genutzt werden sollte und hoffentlich angenommen wird! Nicht nur von Patienten, auch von Ärzten, Pflege und Kassen.

#1 |
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