Jungärzte: Morgens Landluft, abends Cityflair

12. Oktober 2016
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Dass es viele Ärzte verstärkt in Ballungszentren anstatt aufs Land zieht, ist schon lange bekannt. Eine neue Studie zeigt jetzt, dass viele Jungärzte durchaus bereit sind, täglich von der Stadt aufs Land zu pendeln. Besteht also Hoffnung für die unterversorgten ländlichen Regionen?

Ein Viertel aller niedergelassenen Ärzte plant, in den kommenden Jahren in den Ruhestand zu gehen. Zugleich steigen Lebenserwartung und der Bedarf an medizinischer Versorgung.

„Allein in Leipzig werden nur 12 Prozent der Absolventen Allgemeinmediziner. Wir würden 30 Prozent benötigen, um dem Bedarf nachzukommen. Wir sind also nicht mehr in der Lage, alle frei werdenden Stellen nach zu besetzen“, sagt Prof. Dr. Hagen Sandholzer, Leiter der Selbstständigen Abteilung für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig.

Wenig verlockende Arbeitsbedingungen

Zudem ziehe es viele junge Ärzte eher in die Stadt als auf das Land. Gründe dafür seien neben einer schlechteren Infrastruktur auf dem Land auch teilweise die Arbeitsbedingungen. Landärzte müssen oft mehr Patienten betreuen als ihre Kollegen in der Stadt. Hinzu kämen lange Anfahrtswege bei Hausbesuchen, erklärt das Bundesministerium für Gesundheit.

Für eine Verbesserung der Ärzteversorgung in ländlichen Regionen sorgt seit dem 1. Januar 2012 das Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Versorgungsstrukturgesetz), das auch abgelegeneren Regionen eine flächendeckende medizinische Versorgung gewährleisten soll.

Verschiedene Reformen, wie ein entspannterer Umgang mit Zweigpraxen, sowie das Wegfallen der Residenzpflicht, die es Ärzten damals nicht erlaubte, ihren Wohnort in weiter Entfernung ihrer Praxis zu wählen, sollte die Arbeit auf dem Land für Ärzte wieder attraktiver machen, so das Ministerium weiter.

Pendeln bis zu 50 Minuten

Eine Befragung unter Medizinstudenten im vierten und fünften Studienjahr an den Universitäten Leipzig und Halle sowie an der Charité Berlin hat nun ergeben, dass Jungärzte bereit wären, zu ihrer Praxis auf dem Land zu pendeln und in der Stadt zu wohnen.

„Bis zu 50 Minuten für eine Strecke täglich würden die jungen Kollegen täglich in Kauf nehmen“, sagt Dr. Thomas Frese von der Selbstständigen Abteilung für Allgemeinmedizin. „Dadurch könnten in Sachsen viele ländliche Gebiete abgedeckt werden. Doch es gibt nach wie vor weiße Flecken auf der Karte, etwa das Vogtland, die Lausitz oder Nordost-Sachsen.“

Originalquellen:

Junge Hausärzte würden aufs Land pendeln
Universität Leipzig; Pressemitteilung; 2016

Landärzte
Bundesministerium für Gesundheit; 2016

12 Wertungen (4.08 ø)

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7 Kommentare:

dipl. med. Rainer Hansen
dipl. med. Rainer Hansen

Nachtrag: Ich bin 10 Jahre lang vom Wohnort in die Praxis gependelt (eine Strecke ca. 35 km – mit Scheinwohnung am Arbeitsplatz) und habe den Bereitschaftsdienst aus der Praxis heraus absolviert.

#7 |
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dipl. med. Rainer Hansen
dipl. med. Rainer Hansen

zu #1: nennen wir es doch einfach Poliklinik oder Landambulatorium (ohne Parteisekretär :-))

Als wir 1989/90 die Genossen aus Amt und Würden verjagt haben, die uns z.B. auch vorschrieben, in welche Länder wir in den Urlaub fahren durften, wurden sie schon kurze Zeit später von “Paten” aus westlichen KV’en ersetzt, die uns dann vorgeschrieben haben, wo wir zu wohnen hätten (max. 10 km von der Praxis entfernt). Obendrein machten sie uns klar, dass wir sowieso viel zu viele wären und damit eigentlich nur lästige Kostenfaktoren. Unsere eigenen “Standesvertreter” nick(t)en nur ab. Von diesen Leuten sitzen noch heute welche im Amt und jammern über den Ärztemangel, den sie mindestens zum Teil selber zu verantworten haben.
Schönen Gruss aus Norwegen!

#6 |
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ist Patienten schwer zu vermitteln, wenn junge Ärzte in hohen Prozentzahlen in den großen Städten bleiben wollen und auch in Kauf nehmen keine Ausbildungsstellen zu erhalten. Zum Arzt sein gehört neben Beruf auch Berufung und wer dies nicht hat (bis auf einigen individuellen spezifischen Ausnahmen) sollte lieber einen anderen Beruf genommen haben. Ein teures Studium und kein Bock mit Patienten zu arbeiten? Hier wäre eine breite Palette von Maßnahmen notwendig: Aufnahmegespräche an der Uni, Verpflichte ein Jahr ärztliche Tätigkeit auf dem Lande wie Herr Müller beschrieben, finanzielle und organisatorische Anreize-Ambulatorium,ständiger Kontakt mit Ausbildungszentrum (größeres Krankenhaus) Teilnahme an den Visiten in diesem Haus, Gemeindeschwester wie früher, die Patienten kennt,sinnvolle Bereitschaftsregelung etc.
Fink , Arzt 12.10.16

#5 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Die Pflichtkassen müssen höhere Fahrtkosten erstatten, eventuell müssen sich die Land-Patienten zusatzversichern !

#4 |
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Das Hauptproblem bleibt ungenannt: eine Kassenpraxis rechnet sich einfach nicht.
Lediglich über Zusatzeinnahmen, wie Privatpatienten oder einen berufstätigen Lebens/Ehepartner kann man ein vernünftiges Einkommen erzielen und da spielt die Stadt halt ihre Trümpfe aus.

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Wie geht es dann mit dem Nacht- und Wochenenddienst? Machen diese die wenigen Ärzte, die auf dem Land wohnen? Sie wird es dann überhaupt nicht mehr geben.

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Dr. med. Walter Müller
Dr. med. Walter Müller

Bei der Lösung dieses Problems, das ja gleichermaßen in Ost und West wie Nord und Süd existiert, könnte eine Allianz aus KV, Ärztekammern und Berufsverbänden mit Modellpraxen Lösungen erproben und gangbar machen.
Der Marburger Bund als Hauptvertretung angestellter Ärzte/innen könnte über seine Mitglieder hier die Initiative ergreifen. In Modellprojekten könnten ältere Haus- und/oder Landärzte mit jüngeren Kollegen gemeinsam arbeiten, da gerade in den Praxen oft Fragen auftauchen, die in einer Klinik nie gestellt würden. Es gäbe einen Wissens- und Erfahrenstransfer, der Jungärzten wie Patienten zugute käme und die älteren Kollegen würden wiederum nicht vom Pharmareferenten sondern vom jungen Kollegen geschult. Wenn dann noch in solchen Modellpraxen rotierend andere Fachrichtungen die Patienten (orthopädisch, gynäkologisch, HNO usw) fachlich mitbetreuen würden, dann wäre das nicht das Paradies auf Erden aber eine interessante Alternative. Gesetze halte ich für die weniger griffige Methode, weil junge Kollegen arbeiten aber nicht schuften wollen und die Kooperation mit anderen suchen und nicht alleine in der Schufterei untergehen wollen.

#1 |
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