Medizinalhanf: Ein bisschen Gras muss sein

7. Oktober 2016
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Erstmals hat das BfArM einem Schmerzpatienten erlaubt, selbst Cannabis anzubauen. Die Genehmigung ist befristet, bis Hermann Gröhes „Hanfgesetz“ gelten wird. Damit setzen Behörden eine höchstrichterliche Anweisung um.

Klare Worte aus Leipzig: Bereits im April forderte das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), einem MS-Patienten die Möglichkeit zu geben, Medizinalhanf anzubauen (BVerwG 3 C 10.14). Nach Paragraph 3 Absatz 2 des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) kann das BfArM eine Erlaubnis zum Anbau von Cannabis ausnahmsweise erteilen. Nur waren Behördenvertreter dazu nicht bereit. Legale Alternativen konnte sich der Kläger nicht leisten. Und seine Krankenkasse weigerte sich standhaft, die Kosten zu übernehmen.

Befristet begrüntes Fensterbrett

In einem Schreiben gibt das BfArM jetzt klein bei. Beamte erteilen dem Kläger eine Ausnahmeerlaubnis, um zeitlich befristet Cannabis für die Selbstttherapie anzubauen. Dass seine Wohnung ausreichend gesichert ist, stellte zuvor schon das BVerwG fest. Zweifel hinsichtlich eines möglichen Missbrauchs ließen sich ebenfalls nicht finden.

Die Sondergenehmigung erlischt, sobald Medizinalhanf zu Lasten gesetzlicher Krankenkassen verschrieben werden darf. „Eine medizinische Versorgung mit eigenangebautem Cannabis im Wege einer Ausnahmeerlaubnis nach dem BtMG ist dann nicht (länger) notwendig und geboten, wenn Cannabis als Medizinal-Cannabis in pharmazeutischer Qualität aus kontrolliertem Anbau verschreibungs-  sowie erstattungsfähig ist und in diesem Rahmen aufgrund einer ärztlichen Erstverschreibung erstmals in einer Apotheke bezogen werden kann und von der gesetzlichen Krankenversicherung des Erlaubnisinhabers erstattet wird“, schreibt das BfArM.

Gröhe unter Druck

Zum Hintergrund: Das Leipziger Urteil führte kurzfristig zu 130 Anträgen auf Eigenanbau. Mittlerweile ebbte die Welle zwar ab. Das Grundproblem blieb. In jedem Einzelfall hätten Patienten und BfArM-Juristen bis zur obersten Instanz geklagt und Recht oft Erfolg gehabt.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) – er war von Cannabis als Arzneimittel anfangs nicht begeistert – brachte schließlich ein Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften auf den Weg. Er verpflichtet GKVen über Änderungen im V. Sozialgesetzbuch, entsprechende Medikamente zu erstatten. Eine bundesweit aktive „Hanfagentur“ soll ermitteln, wie hoch der Bedarf ist, Produzenten an Land ziehen und Cannabis an pharmazeutische Hersteller beziehungsweise Großhändler verteilen. Gleichzeitig verpflichtet er Ärzte, Daten zur Verordnung anonymisiert weiterzugeben.

Eigentlich sollten die gesetzlichen Änderungen Anfang 2017 greifen. Das BfArM erlauft aufgrund „nötiger Anpassungen“, Medizinalhanf bis 30. Juni 2017 anzubauen. Sollte es wider Erwarten zu Verzögerungen kommen, kann der MS-Patient mit längeren Fristen rechnen.

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3 Kommentare:

Heilpraktikerin

Sehr geehrter Dr. Schätzler,

ich bin Heilpraktikerin und habe einen Patienten der Metastasen eines Nierenkarzinoms in der Lunge hat. Beide Lungenflügel sind voll. Er bekommt jetzt seit April diesen Jahres Chemotherapie per Tabletten und es geht ihm immer schlechter. Am Anfang konnte ich es gut mit regelmäßigen Infusionen und naturheilkundlichen Präparaten abfangen aber mittlerweile wirkt kaum noch etwas was ihm etwas Linderung bringt.
Der Arzt hat ihm jetzt mitgeteilt das er diese Chemo noch 3 Jahre durchziehen soll(wenn er es so lange schafft). Ich sehe diese 3 Jahre kritisch da auch die Blutwerte immer schlechter werden. Er hat auch nur eine Niere und die macht auch langsam schlapp.
Jedenfalls würde er auch gerne Cannabisprodukte einnehmen da sich dadurch die Nebenwirkungen stark bessern sollen. (vor der Chemo ging es ihm richtig gut-war ein Zufallsbefund).
Jetzt meine Frage. Kann das jeder Hausarzt verschreiben? Und was ist nötig um eine Erlaubnis zu bekommen?
Sie scheinen sich ja gut damit auszukennen. Vielleicht haben Sie ja einen Tipp für mich.

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Besonders unlogisch bleiben wesentliche, lebenspraktische Hürden: Wie soll jemand, der schwer krank, Teilhabe-gemindert, Mobilitäts-, Belastungs- und Schmerz-eingeschränkt ist, die relativ komplizierte und aufwändige Cannabis-Logistik bewerkstelligen? Oder ist er dann gar nicht mehr so schwer krank? Was ist, wenn der Cannabis-Eigenanbau nur minderwertige Erntequalität bringt, unsachgemäß weiterverarbeitet oder unwirksam wird? Wenn der Patient bettlägerig seinen “Stoff” gar nicht mehr erreichen und ernten kann?
Das haben die Richterinnen und Richter am Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) in Leipzig wohl gar nicht ernsthaft bedacht. Völlig unverständlich bleibt, warum die Spitzenjuristen nicht die GKV-Kassen bzw. den Spitzenverband Bund der Gesetzlichen Krankenkassen (SpiBu) dazu verdonnert haben, ein ordnungsgemäßes Betäubungsmittelrezept (BTM) zuzulassen und indikationsgemäß die Kosten zu übernehmen.
Das Rezepturarzneimittel kann folgendermaßen ausgestellt werden:
BTM-Rezeptur für Dronabinoltropfen in Neutralöl 2,5 %:
– Dronabinol 0,25 g
– Neutralöl ad 10,00 g NRF 11,4 (Oleum neutrale Miglyol 812)
Dosierung einschleichend beginnend mit 2 x 3 Tropfen (2 x 2,5 mg) tgl.
Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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Der Eiertanz um medizinischen Hanf ist unlogisch und unwürdig.

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