Reproduktion: Drei Eltern für ein Baby

30. September 2016
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Forschern ist es gelungen, per Keimbahntherapie mit Zellkerntransfer eine mitochondriale Erbkrankheit auszuschalten. Sie verwendeten das Erbgut von zwei Frauen und einem Mann. Ethische Fragen bleiben momentan unbeantwortet.

Patienten mit dem Leigh-Syndrom haben derzeit schlechte Karten. Es kommt zu Störungen des mitochondrialen Energiestoffwechsels. Die Krankheit wird autosomal-rezessiv, X-chromosomal-rezessiv oder maternal vererbt. Abhängig von der betroffenen Hirnregion treten unterschiedliche Symptome auf, etwa Entwicklungsverzögerungen, epileptische Anfälle, Atemprobleme oder Schluckbeschwerden. Die Lebenserwartung liegt bei wenigen Jahren.

Aus drei mach eins

Mit dieser Krankheit hatte ein Ehepaar aus Jordanien zu kämpfen. Beide Partner versuchten fast 20 Jahre lang, ein Kind zu zeugen. Mehrere Fehlgeburten folgten. Ein Kind kam lebend zur Welt, starb aber kurz darauf am Leigh-Syndrom. Jetzt zeigte John Zhang vom New Hope Fertility Center, New York, bei ihnen eine umstrittene Lösungsmöglichkeit auf.

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Schädelsonographie bei einem neun Monate alten Kind mit Morbus Leigh. Zu erkennen sind hyperechogenen Läsionen der Basalganglien. Quelle: Kinderradiologie Olgahospital Klinikum Stuttgart

Er arbeitete mit der Technik des Spindel-Transfers, um genetische Informationen aus der reifen Eizelle einer Spenderin in eine entkernte Empfänger-Eizelle zu übertragen. Anschließend befruchtete er die Zelle über eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion. Es entstanden Embryonen, die Zhang in die Gebärmutter seiner Patientin übertrug. Tatsächlich wurde sie schwanger. Ein Junge kam ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen vor fünf Monaten zur Welt.

Prof. Dr. Wrenzycki

Professor Dr. Christine Wrenzycki. © Uni Gießen

„Medizinisch ist es mit Hilfe dieser Technik möglich, Frauen mit einer Mitochondriopathie zu einem gesunden Kind zu verhelfen, da der Spindel-Transfer die Vererbung von Mitochondriopathien mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindern würde“, sagt Professor Dr. Christine Wrenzycki von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie ist unter anderem Professorin für Molekulare Reproduktionsmedizin. Wrenzycki weiter: „Ethisch wird die Beteiligung von drei Elternteilen – zweier Mütter und eines Vaters – kontrovers diskutiert.“

 

 

Aus den Augen – aus dem Sinn?

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Professor Dr. Jochen Taupitz. © Deutscher Ethikrat

Zhangs Technologie ist in vielen Ländern weltweit verboten. Deshalb hat er sein Experiment in Mexiko durchgeführt – mit Unterstützung der Firma Reprogenetics. Zur Veröffentlichung des Fachbeitrags warf Professor Dr. Jochen Taupitz einen Blick auf rechtliche Zusammenhänge. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht, internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Mannheim. „Das deutsche Embryonenschutzgesetz verbietet unter anderem die Verwendung einer menschlichen Keimzelle – also einer Ei- oder Samenzelle – mit künstlich veränderter Erbinformation zur Befruchtung“, sagt Taupitz. Er verweist dabei auf Paragraph 5 Absatz 2 ESchG.

Da es sich um ein Strafgesetz handele, sei es „wörtlich“ zu nehmen. Rechtsexperten sind sich uneinig, ob der isolierte Zellkern einer unbefruchteten Eizelle, der in eine andere Eizellhülle mit nicht defekten Mitochondrien implantiert werden soll, de jure als menschliche Keimzelle zu sehen ist. „Selbst wenn man die dann als Ergebnis entstandene Entität als Keimzelle ansieht, wird darüber gestritten, ob bei dem Verfahren des Mitochondrien-Austausches eine Veränderung der Erbinformation im Sinne des Gesetzes stattfindet, oder ob nicht vielmehr ein (davon abzugrenzender) Austausch von Erbinformation vorgenommen wurde“, ergänzt Taupitz.

„Dünne und zweifelhafte Datenlage“

Professor Dr. Klaus Reinhardt

Professor Dr. Klaus Reinhardt. © TU Dresden

Nicht nur Juristen haben Zweifel. Mahnende Worte kommen auch aus der Forschungslandschaft. „Als Wissenschaftler bin ich etwas erschrocken, dass angesichts der dünnen und zweifelhaften Datenlage solch ein Experiment ausgeführt wurde“, so Professor Dr. Klaus Reinhardt von der Technischen Universität Dresden. Er befürchtet, bei Laien könnten falsche Hoffnungen geweckt werden: „Zurzeit ist es für betroffene Mütter nicht möglich, abzuschätzen, ob ein zukünftiges Kind die mitochondriale Krankheit haben wird oder nicht.“

Reinhardt erinnert sich noch gut an kritische Stimmen vor Einführung der In-vitro-Fertilisation (IVF). „Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für das jetzt benutzte Verfahren keine Risikoabschätzung gibt und bisherige Hinweise an Tiermodellen und menschlichen Zellen zumindest zweideutig sind.“ Vorklinische Studien zur Sicherheit sucht man derzeit vergebens.

Ethisch schiefe Bahnen

Nederland, Utrecht, 2009 Foto: Maartje Geels

Professor Dr. Guido de Wert. © Maartje Geels

John Zhangs Arbeiten stehen nicht im luftleeren Raum, wie Professor Dr. Guido de Wert ausführt. Er arbeitet an der Maastricht University. Seine Schwerpunkte sind Ethik in der Reproduktionsmedizin und Genforschung. „Eine interessante ethische Frage ist, ob die genetische Veränderung der Zellkern-DNA (mit Hilfe der revolutionären Technik des Genome Editing) in bestimmten Fällen ebenfalls ethisch gerechtfertigt sein könnte.“

Nur warum sollten Humangenetiker überhaupt mit dem Genome Editing beginnen, wenn sich per Präimplantationsdiagnostik (PID) die Geburt von Kindern mit schwersten Erbleiden verhindern lässt? „Bei dieser ethischen Abwägung sollten wir zunächst daran denken, dass eine PID nicht in allen Fällen helfen kann“, sagt de Wert. „Allerdings müssen wir uns bewusst sein, dass wir hier schnell auf eine ethisch schiefe Bahn geraten, wenn wir von der Therapie über die Prävention schwerer Erbleiden übergehen zu einer Verbesserung oder zu Designer-Babys.“

25 Wertungen (3.88 ø)

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6 Kommentare:

Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

zu #1):
Die männliche Keimbahn enthält auch die Urgeschlechtszellen! Die sind diploid und enthalten natürlich den vollen Mitochondriensatz.
Außerdem weiß man heute, dass die väterliche mtDNA (der Spermien) gelegentlich auch weiter gegeben wird.

#6 |
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@ 1: Wir erben zwar die mitochondriale DNA von der Mutter, aber das 1% scheint wichtiger als das von Ihnen mathematisch angegebene zu sein. Dieses nur 1% entscheidet über Vieles unseres späteren Lebens.
Ich würde es nicht unterschätzen.
Ethisch halte ich die Sache allerdings für sehr schwierig – vornehm ausgedrückt.

#5 |
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@#1: Sehr geehrte Frau Rüggeberg. Was möchten Sie mit Ihrer Rechnung zum Ausdruck bringen? Wenngleich die maternal veerbte mtDNA nur 37 von insgesamt etwa 20.000 Genen (bzw. 17Tsd BP von insg. ca 3Mia BP) ausmacht, codieren die mitochondialen Gene für einige lebenswichtige Atmungskettenenzyme, ohne die der Energiestoffwechsel nicht funktionieren und somit kein Leben möglich wäre. Was spielt es für eine Rolle, wie groß der DNA-Anteil der “zweiten Mutter” ist? Es geht hier m. E. um Ethik und die Frage: Wann, wenn nicht nach so viel Leid (Fehlgeburten und Kindstod), soll denn die Einsicht über die Machbarkeit siegen?

#4 |
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Bei allem Respekt vor dem Kinderwunsch eines Paares. Nach mehreren Fehlgeburten und einem verstorbenen Kleinkind, sollte man in meinem Empfinden die Natur nicht zu überwinden versuchen und z. B. an eine Adoption denken. Nicht alles was machbar ist, sollte auch praktiziert werden.

#3 |
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Respektable Versuchsanordnung?
Der Elsevier-Verlag formuliert es spektakulär als “Late-breaking abstract” in der Fachzeitschrift “Fertility and Sterility”:

“First live birth using human oocytes reconstituted by spindle nuclear transfer for mitochondrial DNA mutation causing Leigh syndrome” von J. Zhang et al. Allerdings o h n e jeglichen “abstract” zu übermitteln.

Nach mehreren Fehlgeburten und zwei am Leigh-Syndrom verstorbenen Kindern, wurde ein Weg gefunden, das mitochondrial übertragene Leigh-Syndrom auszuschalten, indem der die Haupt-Erbinformationen tragende Nucleus der Eizelle der Ehefrau in das gesunde Mitochondrien-Milieu einer von dieser Erbkrankheit freien Spenderin transplantiert wurde.

Für die vielen im Nucleus der Eizelle begründeten Erkrankungen ist dieses Verfahren nicht anwendbar.

#2 |
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Apothekerin

Das Kind hat nicht 3, sondern 2,01 Eltern, da die mitochondriale DNA weniger als 1% der Gesamt DNA ausmacht. Und es ist KEINE Keimbahntherapie, da es ein Junge gewordenist, in dessen Kleinbahn (Spermien) eben keine Mitochondrien weitergegeben werden.

#1 |
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