Apotheken: Voll im (Medikations-) Plan?

30. September 2016
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Ab 1. Oktober müssen Ärzte einen Medikationsplan ausstellen, wenn Patienten dies wünschen. Kritik der Apotheker: Sie hatten weder Mitspracherecht bei der Entwicklung noch Anspruch auf Vergütung. Dabei zählt es zu ihren Aufgaben, den Plan zu aktualisieren.

Regelmäßig entstehen in Deutschland durch Medikationsfehler unerwünschte Wechsel- und Nebenwirkungen. Das hat jährlich rund 500.000 Notaufnahmen und zur Folge, davon sind 20.000 Todesfälle – so lautet zumindest die Schätzung von Experten, die Dunkelziffer könnte weit höher sein. Durch genaues Dokumentieren sollen Fehler dieser Art zukünftig vermieden werden.

Ab 1. Oktober tritt die neue Regelung des E-Health-Gesetzes in Kraft. Patienten haben ab sofort Anspruch auf einen vom Arzt erstellten Medikationsplan, sobald sie drei oder mehr Arzneimittel gleichzeitig über einen Zeitraum von mindestens 28 Tagen einnehmen.

Teamarbeit steht auf dem Plan

Der Medikationsplan sorgt für mehr Transparenz. Alle, die an der Behandlung beteiligt sind, sollen in naher Zukunft unmittelbaren Zugriff auf benötigte Informationen haben, das betrifft konkret Ärzte, Krankenhäuser, Pflegekräfte, Apotheker und natürlich den Patienten selbst.

Zuständig sind in erster Linie Hausärzte. Sie sind dazu verpflichtet, den Plan für betroffene Patienten auszustellen – nur wenn Versicherte keinen Hausarzt haben, übernimmt ein Vertragsarzt diese Aufgabe. Aktualisiert werden die Daten optimalerweise aber von allen Ärzten sowie von Apothekern, wenn der Patient dies wünscht.

Alles hat seinen Preis

Natürlich bedeutet der Medikationsplan neben Fortschritt auch zusätzliche Arbeit. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung  (KVB) und der GKV-Spitzenverband haben sich deshalb hinsichtlich einer Vergütung geeinigt. Für niedergelassene Ärzte soll es für das Jahr 2017 ein Plus von ca. einer Milliarde Euro geben, davon rund 163 Millionen Euro für das Anlegen und Aktualisieren von Medikationsplänen.

Apotheker äußern Kritik

Was die Entwicklung des Gesetzes angeht, gibt es Kritik seitens der Apotheker: „Ein Medikationsplan ist sinnvoll, ohne begleitende Medikationsanalyse und kontinuierliches Medikationsmanagement allerdings nur ein erster Schritt. Aber es ist ein Konstruktionsfehler und eine Schieflage, dass beim Umgang mit dem Medikationsplan die Fachkompetenz der Apotheker nicht stärker eingebunden wird“, sagt Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK).

Gleiches Entgelt für alle

Laut Kiefer werden Ärzte zu Recht für den Mehraufwand vergütet. Allerdings sollte das auch für die Apotheker gelten, wie er betont: „Beim Medikationsplan und dessen Honorierung besteht dringender Handlungsbedarf – spätestens in der nächsten Legislaturperiode, wenn der elektronische Medikationsplan eingeführt wird. Nur wenn es Ärzten und Apothekern gemeinsam gelingt, den elektronischen Medikationsplan als Werkzeug zur Herstellung von Arzneimitteltherapiesicherheit zu konsolidieren, profitieren die Patienten davon,“ so Kiefer.

Zukunftsprojekte

Weitere Programmpunkte, die im Rahmen des Medikationsplans vorgesehen sind, betreffen den Aufbau einer Datenbank zur Dosierung von Arzneimitteln für Kinder. Auch eine Medikationsplan-App für Sehbehinderte steht auf der Liste. Diese Projekte werden vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in den Jahren 2016 bis 2019 mit knapp 3 Mio. Euro unterstützt.

Vorerst gibt es den Plan nur auf Papier, doch das ist nur eine Übergangslösung. Ab 2018 können alle Daten in digitaler Form erfasst und auf der Gesundheitskarte gespeichert werden, wenn der Patient das will. Auf die Papierversion hat er nach wie vor Anspruch.

10 Wertungen (3.2 ø)

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8 Kommentare:

Inga Groening
Inga Groening

Herr Dr. med Thomas Georg Schätzler,
schade, dass Sie keinen Kommentar zu meinem Vorschlag der schriftlichen Information der Patienten hinterlassen haben. Wenn Sie monieren, dass das Gesundheitssystem fremdbestimmt ist, wäre das ja das erste, um den Patienten mit Informationen zu versorgen.
MfGDr Inga Leo

#8 |
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Frau Dr. Inga Leo-Groening,
ich muss zugeben, dass ich Ihren Kommentar versehentlich einem ähnlich unangemessen argumentierenden Beitrag in der Ärzte Zeitung zugeordnet habe. Entschuldigung! MfG

#7 |
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Inga Groening
Inga Groening

#1,3,4
Warum erhalten dann nicht alle Patienten -wie in Frankreich- in der Arztpraxis die komplette Diagnose und Laborwerte ausgedruckt? Dann hätten die Patienten wirklich alle benötigten Informationen und in der Informationsübertragung ging nichts verloren, denn der Umgang mit den ggf. kopierten Kassenrezepten ist zurzeit ähnlich wie der mit den Umverpackungen. Und dann das Kassenrezept könnte problemlos weiter aus Abrechnungsbeleg dienen. Alternative wäre ja, dass jeder komplett in Vorlage treten müssten, das ist ja bei Kassenpatienten nicht unbedingt möglich.
MFG Dr Inga Leo
PS. Da ich hier zum ersten Mal einen Kommentar bei Doccheck abgegeben habe, kann ich es an andere Stelle nicht ebenso versucht haben. Anderfalls zitieren Sie bitte die Stelle. Ich habe lediglich Ihre Aussage im Interview (#1) gelesen und wortwörtlich zitiert.

#6 |
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Gast
Gast

Der größte Fehler im System ist es mal wieder, dass die Apotheke alles gratis machen soll!
Woran liegt das?
Weil wir keine Lobby haben wie die Ärzte, wir stehen nicht zusammen, kochen alle unser eigenes Süppchen!
Darum, liebe Freunde und Kollegen: Bude zu machen, zum Restaurant umbauen und wenns nicht läuft, an die Herren Rosin oder Rach wenden.
Die Angestellte können kochen und kellern, zum weitaus besseren Tarif als in der Offizin!

#5 |
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Sehr witzig! Mein Korrekturprogramm macht aus “RETAXATIONEN” doch tatsächlich Relaxationen!

#4 |
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#2 Auch wenn Sie es an anderer Stelle ebenso versucht haben: Ich habe nie behauptet, dass die Apotheken Eigeninteresse an Einspar-Rabatten hätten. Es sind die medizin- und versorgungsferne Politik, Ärzte-, Apotheker- und Kassenfunktionäre bzw. der GBA (Gemeinsame Bundesausschuss), die mit geheimen Rabattverträgen, Cent-Fuchsereien und Relaxationen gezielt und systematisch Verwirrung stiften.
Und wenn alle Apotheken korrekt Dosierung und Einnahmeanweisung auf Umverpackungen übertragen: Es bleibt dabei, dass der Patient unmündig gehalten, ihm das Rezept-Original im Gegensatz zu privat Versicherten vorenthalten und Irrtümern bzw. Verwechslungen damit nicht vorgebeugt wird. Und wie oft landen die Medikamenten-Pappschachteln zu Hause im Papiermüll?
Das ist und bleibt ein eklatanter Fehler der überwiegend fremdbestimmten Gesundheitspolitik und des SGB V (5. Sozialgesetzbuch) und hat erst zur Notwendigkeit geführt, einen Medikationsplan in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gesetzlich zu etablieren.
Im Gegensatz zur Privaten Krankenversicherung (PKV), in der die absolute Mehrheit der Bundestagsabgeordneten versichert ist. Die haben das grundlegende Problem, ebenso wie Sie, bis heute noch nicht verstanden!
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

#3 |
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Inga Groening
Inga Groening

Sehr geehrter Herr Dr. Schätzler,
bislang hatte ich den Eindruck, dass Sie ausgewogen argumentieren. Allerdings sind im unten genannten Artikel doch einige Sachverhalte derart verkürzt dargestellt, dass sie dadurch falsch dargestellt werden.
“auf der Jagd nach minimalen Einsparrabatten in den Apotheken…”
Die Apotheker geben die Generika nicht aufgrund von Eigeninteressen ab, sondern weil die Krankenkassen entsprechend Rabattverträge mit den Herstellern abschliessen, zu deren Umsetzung die Apotheker gezwungen werden, weil die Apotheker sonst nicht das Geld für die bereits abgegebenen Medikamente erhalten (Stichwort: Null-Retaxation, in dem Fall erhalten die Apotheker kein Geld, obwohl der Patient das Arzneimittel erhalten hat). Wenn ein Arzt unbedingt möchte, dass sein Patient nur dieses Arzneimittel bekommt, hat er die Möglichkeit, dass “aut-idem”-Kreuz zu setzen.

“.. ein großes Manko ist, dass die Patienten ihr Rezept alternativlos in den Apotheken weggenommen wird…”
Wie Sie sicher wissen, stellt das Kassenrezept den Abrechnungsbeleg dar, denn in diesem Fall bezahlt die Krankenkasse und nicht der Patient den Preis des Arzneimittels (bis auf den Eigenanteil). Ansonsten geht es nur wie bei den Privatpatienten, die komplett in Vorlage treten und sich das Geld anschließend von ihrer Krankenkasse zurückzahlen lassen.
Anweisung auf den Rezepten bzgl. Dosierung etc. werden in der Apotheke auf die Packung übertragen. Diese Information geht dem Patienten daher nicht verloren.

Freundliche Grüße
Dr. Inga Leo

#2 |
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Vergleiche dazu mein Interview aus hausärztlicher Sicht in der heutigen Ärzte Zeitung -online und -print:
“Einen selbsterklärenden Medikationsplan gibt es nicht” –

“Der Medikationsplan wirkt sich an vielen Stellen in den Praxisabläufen aus. Im Interview erläutert Allgemeinarzt und häufiger Schreiber von Leserbriefen Thomas Schätzler, was sich in seiner Praxis ändert und wie die Motivation, Medikationspläne zur erstellen, sich entwickelt.

Ärzte Zeitung: Bei welchen Patienten sehen Sie Bedarf für einen Medikationsplan und stellen diesen dann auch auf?

Thomas Schätzler: In meiner innerstädtischen hausärztlichen Praxis hat der Rentner-Anteil mit Multimorbidität und Mehrfachmedikation seit der Praxisgründung 1992 erheblich zugenommen.

Für alle interaktions- und kommunikationseingeschränkten Patientinnen und Patienten ist meines Erachtens ein alters- und anzahlunabhängiger Medikationsplan erforderlich. Bei Betreuung und Unterstützung durch Dritte sogar regelmäßig.

Circa 60 bis 70 Prozent meiner etwa 1000 Patienten pro Quartal brauchen dringend einen Medikationsplan: Entweder wegen biopsychosozialer Einschränkungen, wegen zu hoher oder unübersichtlicher Anzahl der unterschiedlichen Medikationen oder auch aufgrund ihrer spezifischen Erkrankungen mit besonderem Einnahme-Regime, zum Beispiel bei Parkinson, Schilddrüsenerkrankungen oder Typ-1- und Typ-2-Diabetes.

Ab drei Medikamenten kann es schon kritisch werden, wenn noch Selbstmedikation hinzukommt.

Wie hoch ist der Aufwand für die Erstellung eines Medikationsplans?

Schätzler: Einen sich selbst erklärenden Medikationsplan gibt es nicht. Fünf Minuten pro Patient pro Quartal sind das Minimum für Erläuterungen sowie Hinweise auf mögliche Interaktionen und Nebenwirkungen.

Das sind 20 Minuten pro Jahr, wobei sich der Aufwand durch ständig wechselnde Namen, Logos, Verpackungen und Generika-Produktwechsel auf der Jagd nach minimalen Einspar-Rabatten in den Apotheken doch spürbar verschärft.

Wie häufig erstellen Sie einen solchen Medikationsplan? Hilft Ihnen dabei die EDV?

Schätzler: Mindestens in 60 Prozent aller Patienten, die eine Medikamentenverordnung erhalten. Seit 1992 manuell, seit 1995 mit EDV-Unterstützung.

Ein großes Manko ist, dass den Patienten ihr Kassenrezept alternativlos in den Apotheken weggenommen wird, obwohl es essenzieller Bestandteil der Arzt-Patienten-Kommunikation ist.

Meine Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe konterkariert die Übersichtlichkeit der Medikation noch dadurch, dass beispielsweise in Zeiten der international anerkannten “Single-pill”-Hochdrucktherapie zur Verbesserung von Compliance und Adhärenz aus rein taktisch-ökonomischen und nicht-medizinischen Gründen nur noch Einzelsubstanzen in der Hochdrucktherapie verordnet werden sollen.

Damit verdreifachen sich Einnahme-Fehler und -Risiken bei Dreier-Kombinationen.

Wie reagieren Ihre Patienten darauf? Hilft der Plan nach Ihren Erfahrungen, die Compliance zu verbessern?

Schätzler: Die Resonanz der Patienten ist sehr positiv. Oft beklagen sie sich, dass Privatpatienten mit gleicher Medikation in der Apotheke das Rezept zurückerhalten.

Wesentlich bei der Compliance ist, dass auf jedem Rezept, das meine Praxis verlässt, eine exakte Dosierungsempfehlung und Anwendungsempfehlung steht (Dokumentationspflicht).

Ein Medikationsplan erhöht die Arzneimittelsicherheit, insbesondere wenn eine intelligente, zielführend-indikationsgerechte Medikation darauf steht.

Das ist keineswegs selbstverständlich: Auf dem von der Initiative Arzneimittelsicherheit veröffentlichten Modell-Medikationsplan findet sich ein unterdosiertes Antibiotikum und 3×2 (!) Sekretolytikum täglich.

Motiviert die neue Leistung im EBM Sie, mehr Energie in Medikationspläne zu stecken?

Schätzler: Einen Praxisumsatz von 94 Cent bis einem Euro im Quartal seitens der Kassenärztlichen Bundesvereinigung anzubieten, ist indiskutabel, demotivierend und verantwortungslos.

Da muss nachgebessert und der individuelle hausärztliche Mehraufwand abgebildet werden.”

(Die Fragen stellte Hauke Gerlof)
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/special-arzt-patient/article/920301/interview-selbsterklaerenden-medikationsplan-gibt-nicht.html

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