Schlechte Noten für die Schwarzwaldklinik

29. September 2016
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Weniger Komplikationen, weniger Todesfälle: Spezialisierte Kliniken behandeln ihre Patienten erfolgreicher. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Bertelsmann-Stiftung. Ihre Methodik stößt bei Standesvertretern auf Kritik – zu Recht?

Eine neue Veröffentlichung des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung sorgt für Diskussionen. Forscher gingen im „Faktencheck Gesundheit“ der Frage nach, welchen Effekt mehr Spezialisierung bei Kliniken auf die Versorgungsqualität hat. Im Mittelpunkt ihrer Studie standen planbare Eingriffe wie das Einsetzen von Hüftgelenksendoprothesen, Prostatektomien, Bypass-OPs sowie Herzklappenersatz.

Mehr Routine, weniger Risiko

Dazu einige Zahlen aus der Simulation. Würden bundesweit Endoprothesen nur in Häusern mit 176 oder mehr Eingriffen pro Jahr eingesetzt, ließen sich im gleichen Zeitraum 140 Todesfälle vermeiden. Im Jahr 2014 gab es jedoch 311 Kliniken mit weniger als 50 OPs, heißt es im Report.

Ähnlich kritisch beurteilen Forscher der Bertelsmann-Stiftung die Situation bei Interventionen zur Entfernung der Prostata. Von 414 Kliniken, die diese Operation vornehmen, hatten 43 weniger als fünf Patienten pro Jahr. Mögliche Komplikationen sind Inkontinenz oder Impotenz. Und Patienten, die sich kardiologischen Eingriffen unterziehen, sind in spezialisierten Krankenhäusern ebenfalls besser aufgehoben.

Klinken an der Grenze

Nur was bringt diese Erkenntnis für die Praxis? Verbindliche Mindestmengen könnten die Qualität bei etlichen Eingriffen verbessern. Patienten profitieren von mehr Sicherheit. Im gleichen Atemzug sinken Folgekosten durch Komplikationen.

Mehr Spezialisierung führt zwangsläufig zur Schließung wenig frequentierter Fachabteilungen, wie die Simulation zeigt. Unter der Annahme höherer Mindestmengen verringert sich die Zahl leistungsberechtigter Einheiten bei Prostata-Entfernungen theoretisch von 414 auf 195, bei Herz-Bypässen von 88 auf 71, bei Herzklappen-OPs ohne TAVI (Transkatheter-Aortenklappenimplantation) von 106 auf 72, und bei TAVI von 137 auf 88.

 

Grafik_Faktencheck-Krankenhausstruktur_Simulation-Zahl-der-Kliniken_20160908

 

Trotz dieser Zahlen rechnen Wissenschaftler nicht mit einem bundesweiten Kliniksterben. Sie halten Kooperationen zwischen mehreren Häusern für denkbar, um Patienten möglichst effizient zu behandeln. Experten sehen auch die Grund- oder Notfallversorgung nicht in Gefahr, falls sich Mindestmengen auf planbare Eingriffe beschränken.

Laut IGES-Studie besteht schon heute die Möglichkeit, mehr Spezialisierung umzusetzen. „Allerdings müssten die für einige Operationen bestehenden Mindestmengen eingehalten und kontrolliert sowie die Regelungen auf weitere Krankheitsbilder ausgedehnt werden“, schreiben die Autoren. „Auch sollten beispielsweise die im Krankenhausstrukturgesetz festgeschriebenen Qualitätskriterien für die Krankenhausplanung der Länder verbindlich sein und konsequent umgesetzt werden.“

Patienten auf großer Fahrt

Letztlich spricht viel für die Behandlung in spezialisierten Zentren. Patienten, aber auch Kostenträger, scheuen sich vor längeren Anfahrtswegen. Auch diesem Aspekt sind Wissenschaftler nachgegangen. Ihre Simulation zeigt, dass sich Fahrzeiten im Schnitt um lediglich zwei bis fünf Minuten verlängern. Ein Krankenhaus mit Fachabteilung für Hüftgelenksendoprothetik wäre in elf statt neun Minuten erreichbar. Um anerkannte Kapazitäten für eine Prostatektomie zu erreichen, vergrößert sich die Zeit von 15 auf 20 Minuten. Bei Herz-Bypässen sind es 28 statt 26 Minuten. Für Herzklappen ohne TAVI ergaben Simulationen 28 statt 25 Minuten, und für TAVI 27 statt 23 Minuten.

 

Grafik_Faktencheck-Krankenhausstruktur_Simulation-Fahrzeiten_20160908

 

Bleibt als Kritik, dass sich der Anteil an Patienten mit Fahrzeiten von mehr als 60 Minuten stark erhöhen würde. Bei Prostata-Entfernungen rechnen IGES-Experten mit 0,7 versus aktuell 0,06 Prozent. Bei Herz-Bypässen wären es 6,0 versus 3,4 Prozent, bei Herzklappen ohne TAVI 6,0 versus 3,2 Prozent, und bei TAVI 5,5 versus 1,7 Prozent. Diese Zahlen gelten in erster Linie für Patienten aus ländlichen Regionen. In Ballungszentren erreichen sie spezialisierte Einrichtungen schon heute ohne nennenswert längere Wege.

„Daten für die Schlussfolgerung nicht geeignet“

Nach Veröffentlichung der Studienergebnisse meldete sich umgehend Georg Baum zu Wort. Er ist Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). „Es gibt keine Daten, die die Schlussfolgerung der Studie beispielsweise bei Hüftoperationen stützen würden, da es keine Informationen über die gesundheitliche Gesamtsituation der Patienten gibt“, erklärt Baum. „Die Daten der Qualitätsberichte sind für eine solche Schlussfolgerung nicht geeignet.“ Hier fehle fehlt jegliche Risikoadjustierung. Außerdem seien Grenzwerte „beliebig und ohne evidenzbasierte Grundlage“ gezogen worden.

Freiwillig zertifizieren

Offizielle Stellungnahmen aus Berlin gibt es bislang nicht. Die Bundesregierung wird sich bis zur Wahl 2017 kaum mit dem unangenehmen Thema auseinandersetzen. Kliniken haben aber schon heute die Möglichkeit, sich auf freiwilliger Basis zertifizieren zu lassen. Beispielsweise zertifiziert die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) Häuser als Referenz-, Kompetenz- und Exzellenzzentren. Sie legt für unterschiedliche Eingriffe Mindestfallzahlen fest.

50 Wertungen (4.06 ø)

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13 Kommentare:

Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

Da jeder Bereich umfassend ist , hat es seine Berechtigung .-

#13 |
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Gästin
Gästin

Kann Herrn Dr. Fischer und Herrn Friedrichs nur zustimmen. Abgesehen davon wird in diesen spezialisierten Fachzentren die Indikation (zumindest bei Patienten die ein sehr geringes Risiko mitbringen) oft sehr großzügig gestellt. Was nützt mir eine perfekte, komplikationslose Hüft-TEP wenn ich hinterher erfahren muss dass der Eingriff vorschnell erfolgte und man im Vorfeld noch weitere konservative Optionen hätte ausschöpfen können?

#12 |
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Es ist einfach nicht möglich, aus den Qualitätsberichten gültige Schlussfolgerungen zu ziehen ! Die Ursache liegt darin, dass die Nachbehandlung nicht für einen aussagekräftigen Zeitraum durch die operierende Klinik erfolgt. Der Patient wird DRG- optimiert baldmöglichst entlassen und Komplikationen müssen in ambulanten Bereich gemanagt werden. Somit wird in den Qualitätsberichten vor allem spezialisierter Kliniken ein blander Verlauf vermerkt, da der Patient mit seiner während der Reha aufgetretenen Lungenembolie ja nicht mehr in die operierende orthopädische Klinik eingeliefert wird.

#11 |
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Patienten mit einen auch nur mäßig erhöhtem Operationsrisiko werden von etablierten hochspezialisierten regelmäßig abgelehnt, offenkundig will man eine gute Statistik generieren. Um die Behandlungsqualität und Leistungsfähigkeit einer Klinik zu beurteilen, müssen zwingend auch diese abgelehnten Patienten, die dann letztlich mangels Alternative im Krankenhaus vor Ort erfolgreich operiert wurden, in die Statistik einbezogen werden. Es ergäbe sich ein völlig anderes Bild.

#10 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

hat schon jemand nachgeforscht,wem Klinikgruppen gehören ?

#9 |
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Armen Hambardzumyan
Armen Hambardzumyan

Absurd! Was wollen Sie noch kontrollieren?
Vielleicht auch die Zahl der Ärzte, die operieren, zu begrenzen? Z.B. nur ein bestimmter Arzt wird operieren, dann HAT er viel Erfahrung, und alle anderen können nach Hause gehen.
Das Bestreben alles Kontrollieren ist eigentlich nicht gesung.
MfG
Armen Hambardzumyan

#8 |
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Mutig, Herr Obergfell. Natürlich wäre es einfacher, mit dem Mainstream zu schwimmen. Diese Entscheidung muss ein jeder treffen.

#7 |
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Gast
Gast

https://faktencheck-gesundheit.de/fileadmin/files/Projekte/Faktencheck_Gesundheit/FC_Krankenhausstruktur_Studie_final.pdf
Das zu lesen, ist abendfüllend, aber Konkretes zu den Todesfällen habe ich bislang noch nicht entdeckt. Vielleicht kann mir jemand auf die Sprünge helfen

#6 |
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In diesem Artikel steht nichts von Chemotherapie Herr Obergfell. Sie müssen das auch nicht in Anspruch nehmen. Bis auf Zwangseinweisungen in die Psychiatrie sind alle medizinischen Behandlungen freiwillig und nur mit dem Einverständnis des Patienten durchführbar

#5 |
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“In Ballungszentren erreichen sie spezialisierte Einrichtungen schon heute ohne nennenswert längere Wege.”
Diese Äußerung ist ebenfalls unglaubwürdig. Fahren Sie einmal durch eine Großstadt. Das dauert noch länger als auf dem Land. Die Stadt heißt Großstadt weil die Fläche groß ist. Die Straßen sind verstopft und auch ein KTW muss an der Ampel halten. Die Straßenbahn hält an jeder Haltestelle an und selbst die U-Bahn ist zwar schnell, aber Sie müssen trotzdem zur Station gehen und von der Station in die Klinik. Unser Landkreis der eine Fläche von 2.116,32 km²umfasst, hat noch 4 Kliniken für 312 Tausend Einwohner. Alle diese 4 machen keine Bypässe oder Herzklappenoperationen. Dazu muss man bis zu 60 km in die Großstadt fahren

#4 |
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Klaus Jürgen Obergfell
Klaus Jürgen Obergfell

Hallo, ich bin 71 Jahre, ich denke Unfallchirurgie geht in Ordnung, aber alles
andere wie Chemotherapie und Impfen muß man vergessen, in den Impfstoffen
sind Dioxin, Quecksilver, Formaldehyd, das sind alles hochgiftige Substanzen,
und die Politiker schauen zu, dadurch werden Mädchen unfruchtbar, außerdem
noch Chemtrails, das sieht ganz nach Bevölkerungs-Reduzierung aus, und die
Öffentlichen Medien schweigen dazu, um die Bevölkerung im Griff zu halten,
was sind den das für Psychophaten, muß man sich fragen.

#3 |
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Warum schreibt man nicht darüber, dass es ein Skandal ist wenn ältere Mitbürger nicht auf Krankenkassenkosten zum niedergelassenen Facharzt in die Kreisstadt gebracht werden? Weil die Experten alle privat versichert sind wahrscheinlich.
Wenn eine durchschnittliche Fahrtzeit nur 9 Minuten beträgt, frage ich mich wo die Daten erhoben wurden. Bei uns benötigt man in die nächstgelegene Klinik mit Hüft- TEP mindestens 30 Minuten, die Zeit für die Parkplatzsuche nicht mitberechnet. Also brauchen wohl einige in der Studie nur 0,3 Minuten in die Klinik oder was? Was sind 140 Tote weniger gegen 20 000 Tote durch Influenza, die angeblich auftreten? Hier haben sich wieder einige Leute wichtig gemacht, die keinerlei Ahnung von der Realität der Allgemeinbevölkerung haben.

#2 |
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Klaus Fischer, Chemiker
Klaus Fischer, Chemiker

Es zeigt sich doch immer wieder, Verbandsobere wissen viel zu wenig zu ihrem Arbeitsgebiet, um glaubwürdige Argumente pro und Kontra abzugeben oder wenigsten ihr Warum so und nicht so mit Gründen anzugeben. Auf mehr oder weniger politische Aussagen kann man im naturwissenschaftlich-technischen Bereich verzichten, es sei denn es geht tatsächlich um Politik.
Klaus Fischer

#1 |
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