Arzneimitteltrends: Neu ist nicht gleich besser

23. September 2016
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Neu, aber nicht innovativ – so bewertet die Techniker Krankenkasse (TK) etliche Arzneimittel im kürzlich veröffentlichten „Innovationsreport“. Ärzte verordnen die Präparate trotzdem. Bei Senioren sind sie weitaus vorsichtiger.

Zum vierten Mal veröffentlichen die TK und die Universität Bremen ihren Innovationsreport. Forscher haben 23 neue, vermeintlich innovative Arzneimittel drei Jahre nach deren Markteinführung kritisch unter die Lupe genommen. Ihre Ergebnisse sind vernichtend.

Nur eine Empfehlung

Lediglich eines der untersuchten Präparate, nämlich Pertuzumab, erhielt eine „grüne Ampel“, sprich eine Empfehlung, bei der Nutzenbewertung. Neun Präparate, sprich Afatinib, Dabrafenib, Elvitegravir, Enzalutamid, Fidaxomicin, Lipegfilgrastim, Lomitapid, Ocriplasmin und Vismodegib wurden mit „gelb“ bewertet. Weitere 13 Pharmaka fielen mit der „roten Ampel“ komplett durch. In diese Kategorie gehören Bosutinib, Clevidipin, Colestilan, Dihydroartemisinin/ Piperaquintetraphosphat, Ingenolmebutat, Linaclotid, Lisdexamfetamin, Lixisenatid, Nepafenac, Pomalidomid, Ponatinib, Regorafenib und Teriflunomid.

Theorie trifft Praxis

TK-Landkarte

Verordnungshäufigkeit der untersuchten neuen Pharmaka in Promille. Quelle: TK

Trotz dieser vernichtenden Kritik finden sich mehr als die Hälfte aller 23 Präparate in medizinischen Leitlinien. Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) werden nicht immer berücksichtigt. Das hat weitreichende Folgen: Ärzte schreiben Arzneistoffe mit „roter Ampel“ regelmäßig auf ihren Rezeptblock – mit regionalen Unterschieden. Kollegen aus dem Saarland, aus Hessen und aus Nordrhein-Westfahlen verordnen vergleichsweise vorbildlich. In Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Berlin oder Hamburg erhalten GKV-Versicherte häufiger schlecht bewertete Medikamente.

Das im Jahr 2014 am häufigsten ausgeschriebene neue Arzneimittel war Lisdexamfetamin. Es kommt bei Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS) zum Einsatz, falls Methylphenidat nicht ausreichend wirkt. „Dieses Mittel wird allerdings als Arzneimittel ohne Zusatznutzen bewertet, die relativ häufige Anwendung ist daher schwer nachvollziehbar“, heißt es im Report.

Die Verordnung von Präparaten mit „roter Ampel“ bleibt nicht ohne Folgen. Für alle 23 Präparate hat die TK im vergangenen Jahr 76 Millionen Euro für ihre Mitglieder ausgegeben. Neun dieser Präparate (40 Prozent) kommen aus dem onkologischen Bereich – und verursachten 65 Prozent aller Ausgaben durch Neuzulassungen.

Professor Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, sieht bei onkologischen Indikationen „vorsichtig optimistisch in die Zukunft“. Allerdings seien die Kosten, er spricht von bis zu 100.000 Euro pro Jahr und Patient, meist nicht am Nutzen orientiert. Hochpreiser kommen mehr und mehr bei Kombinationstherapien zum Einsatz. Entsprechende Kosten würden weder durch das AMNOG noch durch die Umsatzschwelle aufgefangen. Ihren Innovationsreport sieht die TK deshalb als „Gegengewicht zu den Verkaufsveranstaltungen der Pharmavertreter in den Arztpraxen oder auf Fortbildungen“.

Rote Karte für das Ampelschema

Wenig überraschend kritisiert Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) das „simple Ampelschema“. Der vfa selbst bewertet jedes neue Krebsmedikament als „weiteren Baustein für einen abgestimmten Therapieplan“. Für manche Patienten handele es sich um einen sinnvollen Teil einer Kombinationstherapie, für andere sei es ein Reservemittel, und für weitere komme ein Medikament aufgrund genetischer Besonderheiten nicht infrage. „Es bleibt zu hoffen, dass Ärzte künftig nicht unter dem Vorwand der Arzneimittelinformation dazu gedrängt werden, untaugliche Orientierungssysteme wie die Ampel zum Maßstab ihrer Therapieentscheidungen zu machen“, so Fischer.

Mit Bedacht verordnet

Dass sich Mediziner ihrer Verantwortung bewusst sind, zeigen sie speziell bei der Therapie von Senioren. Zu diesem Resultat kommen Experten am Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO). Einer aktuellen Auswertung zufolge erhalten AOK-Versicherte ab 65 Jahren immer seltener Wirkstoffe, die laut Priscus-Liste zu vermeiden sind. Der Anteil verringerte sich von 29,1 Prozent (2006) über 22,7 Prozent (2012) auf nunmehr 18,7 Prozent (2015).

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Anteil der Versicherten, die mindestens ein riskantes Medikament laut der Priscus-Liste bekommen hatten. Quelle: WIdO/AOK

Gleichzeitig gewinnt das Thema Polymedikation immer stärker an Relevanz. Erhielten im Jahr 2006 noch 49 Prozent aller AOK-Versicherten fünf oder mehr Arzneistoffe, waren es in 2015 bereits 55 Prozent. Alle Versicherten haben ab Oktober Anspruch auf gedruckte Medikationslisten – bereits ab drei Medikamenten in Dauertherapie.

„So wie der Medikationsplan im Gesetz angelegt ist, kann er nur als Etikettenschwindel bezeichnet werden“, sagte Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer, im letzten Jahr. Apotheker wünschen sich nicht nur, OTCs stärker zu berücksichtigen. Sie fordern vielmehr, die gesamte Medikation auf Wechselwirkungen und andere Risiken zu analysieren.

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