Alzheimer: Das Ende der Plaquerei

23. September 2016
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Thrombozyten fördern die Bildung von kapillaren Plaques in den Blutgefäßen. Im Tiermodell konnten Forscher nun zeigen, dass eine medikamentöse Deaktivierung der Thrombozyten die Anzahl der Plaques deutlich reduziert.

Die Zahl der Alzheimer-Patienten in Deutschland nimmt immer weiter zu. Doch wirksame Therapien zur Behandlung des Demenzleidens fehlen bislang. Als Hauptauslöser der Krankheit gelten die senilen Plaques, die aus Ansammlungen eines Peptids namens Amyloid-beta bestehen. Die Eiweißablagerungen finden sich in großen Mengen im Gehirngewebe der Betroffenen. Aber nicht nur dort, denn auch in den Blutgefäßen des Gehirns können die Plaques entstehen. „Bei rund 60-75 Prozent der Patienten über 80 Jahren treten die vaskulären Plaques auf und es entwickelt sich eine zerebrale Amyloid-Angiopathie“, sagt Margitta Elvers, Leiterin der Arbeitsgruppe Molekulare Hämostaseologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Noch ist jedoch nicht wirklich klar, warum es auch in den Blutgefäßen zu diesen Ablagerungen kommt, die zu einer Verschlechterung der Durchblutung führen und so den Niedergang weiterer Neuronen vorantreiben können.

Amyloid-beta aktiviert Thrombozyten

In früheren Untersuchungen gelang Elvers und ihrer Arbeitsgruppe der Nachweis, dass einzelne Amyloid-beta-Moleküle Blutplättchen aktivieren und sich mit diesen verbinden. „Unsere Arbeiten deuten darauf hin, dass die Aggregate aus Amyloid-beta und Thrombozyten weitere Thrombozyten anlocken“, erklärt Elvers, die schon seit vielen Jahren die Ursachen der Blutgerinnung erforscht. „Das hat zur Folge, dass die Blutgefäße sich immer mehr verschließen und das umliegende Gewebe nicht mehr richtig durchblutet wird.“ Diese Vorgänge scheinen allerdings reversibel zu sein: Wie die Düsseldorfer Wissenschaftler um Elvers in einer neuen Studie zeigen, unterdrückt ein Medikament, das die Blutgerinnung hemmt, die Bildung der Plaques in den Hirngefäßen von transgenen Alzheimer-Mäusen. Diese Forschungsergebnisse könnten von großer Bedeutung für die Behandlung von Alzheimer-Patienten sein und wurden in einem Artikel in der Fachzeitschrift Science Signaling veröffentlicht.

In ihrer aktuellen Studie analysierten Elvers und ihr Team zuerst, welcher molekulare Mechanismus der Aggregatbildung zugrunde liegt. In einer Reihe von unterschiedlichen Experimenten brachten die Forscher humane Thrombozyten und Amyloid-beta im Reagenzglas zusammen und ließen diese bis zu zehn Tage miteinander wechselwirken: Amyloid-beta dockt dabei an ein spezielles Protein an, das in der Oberfläche der Thrombozyten steckt. Es gehört zur Klasse der Integrine, die Zellen mit anderen Zellen verbinden und für die Signalübermittlung zwischen Zellen und deren Umgebung wichtig sind.

Durch die Anlagerung von Amyloid-beta werden die Thrombozyten aktiviert, die dann das Protein Clusterin und das Nukleotid ADP ausschütten. Diese beiden Botenstoffe sorgen dafür, dass sich einzelne Amyloid-beta-Moleküle zu größeren Einheiten zusammenlagern und weitere Blutplättchen anziehen. „Das ist ein sich selbstverstärkender Prozess, der dazu führt, dass immer mehr Thrombozyten aktiviert werden“, erklärt Elvers. Als sie und ihr Team dagegen den Integrin-Rezeptor mit dem synthetischen Hemmstoff Tirofiban blockierten, lagerten sich deutlich weniger Amyloid-beta-Moleküle an die Thrombozyten an und der Prozess der Aggregat-Bildung wurde wirkungsvoll unterbunden.

Clopidogrel hemmt Aggregation von Amyloid-beta

Dann wollten die Forscher herausfinden, ob sich die Blutplättchen auch im lebenden Organismus auf ähnliche Weise deaktivieren lassen. Für diese Experimente verwendeten Elvers und ihre Mitarbeiter genetisch veränderte Mäuse, bei denen bereits im Alter von sechs Monaten die ersten Amyloid-beta-Plaques im Neocortex entstehen und im Alter von zwölf Monaten die Blutgefäße im Gehirn erste Anzeichen einer zerebralen Amyloid-Angiopathie aufweisen.

Die Forscher behandelten die Tiere, sobald diese 13 Monate alt waren, über einen Zeitraum von drei Monaten mit Clopidogrel. Das Medikament hemmt die ADP-vermittelte Aggregation von Thrombozyten und wird hauptsächlich zur Therapie und Vorbeugung von Herzinfarkten eingesetzt. Im Vergleich zu unbehandelten Mäusen fanden sich in den Blutgefäßen der Mäuse, die Clopidogrel erhalten hatten, signifikant weniger Amyloid-beta-Ablagerungen. Auch der Blutplasma-Spiegel des Botenstoffs Clusterin erniedrigte sich durch die Behandlung mit Clopidogrel.

Noch wissen Elvers und ihr Team nicht genau, wie stark das Medikament die Plaques im übrigen Gehirngewebe beeinflusst und ob es auch die kognitiven Einschränkungen der Alzheimer-Mäuse verringert. Deswegen rät die Biologin zur Vorsicht bei der Interpretation der Studie: „Inwieweit sich die Ergebnisse auf Alzheimer-Patienten übertragen lassen und eine antithrombotische Therapie die Demenz aufhalten könnte, ist noch völlig offen“, sagt Elvers. „Bei Alzheimer-Patienten mit prothrombotischen Veränderungen ist nicht klar, ob diese direkt mit der Alzheimer-Demenz zusammenhängen oder durch andere Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Diabetes verursacht werden, an denen die älteren Patienten fast immer auch leiden.“

Zusammen mit der Abteilung Gerontopsychiatrie des Universitätsklinikums Düsseldorf untersuchen Elvers und ihr Team zurzeit bei Alzheimer-Patienten, wie sich prothrombotische Veränderungen auf den weiteren Krankheitsverlauf auswirken.

Antithrombotische Therapie erhöht Risiko von Hirnblutungen

Auch, so Elvers, bestehe beim Einsatz von Clopidogrel als Nebenwirkung ein erhöhtes Risiko von Hirnblutungen, so dass sich das Medikament für einen dauerhaften Einsatz bei Alzheimer-Patienten vermutlich nicht besonders gut eigne. Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte ihrer Ansicht nach die Entwicklung von Antikörpern sein, die spezifisch nur aktives Integrin in den Thrombozyten blockieren und wahrscheinlich weniger unerwünschte Blutungen auslösen.

Andere Experten äußern sich ebenfalls skeptisch: „Es ist eine methodisch gut gemachte Studie, aber man sollte keine vorschnellen Schlussfolgerungen daraus ziehen. Die beobachteten Effekte lassen sich nur mit den Amyloid-beta-Plaques der Blutgefäße in Zusammenhang bringen“, sagt Andreas Traschütz von der Abteilung für klinische Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Bonn. „Ob eine antithrombotische Therapie jedoch auch einen Einfluss auf die Plaques im Gehirngewebe hat, lässt sich aus der Studie nicht ableiten“.

Traschütz gibt auch zu bedenken, dass die im Reagenzglas beobachteten Effekte zwar eine Erklärung dafür sein könnten, warum Clopidogrel in den Alzheimer-Mäusen die Entwicklung der zerebralen Amyloid-Angiopathie aufhalte, aber letztendlich fehle der direkte experimentelle Nachweis im lebenden Organismus, dass tatsächlich die spezifische Wechselwirkung von Amyloid-Beta und Thrombozyten der entscheidende Faktor sei.

Trotz allen offenen Fragen, so Traschütz, wiesen aber immer mehr Studien darauf hin, dass Risikofakoren für Gefäßkrankheiten das Auftreten der Alzheimer-Demenz begünstigen und Faktoren, die sich günstig auf die Blutgefäße auswirkten, dagegen das Risiko für die Alzheimer-Demenz senkten.

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Forschung, Medizin, Neurologie

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5 Kommentare:

Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

Aus der Naturheilkunde sind Olivenöl , Bärlauch , Brennesseltee auch bekannt wie o. a. Knoblauch auch Wein und vielleicht auch verträglicher nur muß man beständig das 1 oder andere zu sich nehmen weil eine beständige Therapie wirkungsvoller ist-

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BI Bernd Rathgeber
BI Bernd Rathgeber

Frage: Kann man aus diesem Artikel nicht auch folgern, dass generell laienhaft ausgedrückt ein flüssigeres Blut wie es auch durch Acetylsalicylsäure oder durch natürlichere Wirkstoffe, wie Ginko Biloba oder Knoblauch erreicht wird, verhindert dass sich Plaques in den Blutgefäßen ablagern ?

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Elfi Lehmann
Elfi Lehmann

Als Gast-Leserin finde ich ihren Fach-Beitrag über die Demenz-und Alzheimerforschung sehr interessant. Ich bin 85 Jahre und bekomme seit 2 Hinterwandinfarkten im Jahre 2000 Clopidogrel verordnet. Ich vertrage Asperin
und ASS nicht. Ich habe nun die Hoffnung, dass ich vielleicht, ohne die geringste Ahnung zu haben, etwas gegen einen eventuellen Gedächtnisverlust getan habe.

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Wäre das ein Erfolg ,wenn den Betroffenen und ihren Familien geholfen werden könnte.Ganz ehrlich ,fast jeder Mensch hat doch große Angst vor dieser schlimmen Erkrankung und nicht zuletzt im Interesse der eigenen Kinder ,sie diesen Abbau miterleben müssen .

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Gast
Gast

Guter empirischer und aufschlussreicher Kommentar. Derzeit auch zusammenhängend in der Eli Lilly Studie – wirksam in Szene gesetzt.
Prima Beitrag. Uli Fach Doz Gerontopsychiatrie

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