Wen juckt’s? Jeden vierten Dialysepatienten!

14. September 2016
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Wie viele Dialysepatienten tatsächlich vom chronischen Hautjucken geplagt sind, war bisher unbekannt. Eine Studie zeigte nun, dass dies auf ein Viertel der Patienten zutrifft. Obwohl oft eine behandelbare Hauterkrankung zugrunde liegt, wird der Hautarzt zu selten aufgesucht.

Rund ein Drittel der Patienten, die aufgrund von Nierenversagen regelmäßig Hämodialyse erhalten, leiden mindestens einmal unter chronischem Hautjucken. Die länger als sechs Wochen anhaltenden Beschwerden beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen deutlich. Das hat eine deutschlandweite Studie (German Epidemiological Haemodialysis Itch Study/GEHIS) der Abteilung für Klinische Sozialmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg mit 860 Patienten an 25 Dialyse-Zentren ergeben. Die Studie zeigte darüber hinaus, dass nur ein Drittel der Betroffenen eine Therapie zur Linderung der Beschwerden erhielt.

Wie viele sind wirklich betroffen?

Dass Dialysepatienten häufig von quälendem und lang anhaltendem Hautjucken geplagt sind, ist aus der täglichen Praxis gut bekannt. Genaue Zahlen gab es dazu bisher allerdings nicht, der Anteil der betroffenen Patienten wurde bisher weltweit sehr unterschiedlich auf bis zu 80 Prozent geschätzt. Ursache dieser Schwankungen sind unterschiedliche Studientypen, uneinheitliche Umfrageinhalte und fehlende Definitionen, ab welcher Beschwerdedauer Jucken als chronisch bezeichnet wird. Darüber hinaus spielt es eine Rolle, in welchem Land die Untersuchung stattfand: Je besser die Qualität der Dialyse, desto weniger häufig kommt es zu chronischem Jucken.

Die 2012 gestartete GEHIS-Studie lieferte nun konkrete und repräsentativ erhobene Zahlen. Unter chronischem Juckempfinden, das mindestens sechs Wochen andauerte, litten demnach zum Zeitpunkt der Befragung ein Viertel der Patienten. 27 Prozent waren in den vergangenen zwölf Monaten betroffen und 35 Prozent mindestens einmal in der Vergangenheit. Besonders häufig trat das chronische Jucken zusammen mit trockener Haut oder Ekzemen auf oder bei Studienteilnehmern, die jünger als 70 Jahre alt waren.

Nur jeder dritte Patient wird behandelt

177 der Patienten mit aktuell bestehendem Jucken unterzogen sich einer dermatologischen Untersuchung. Bei 38 Prozent war die Haut vom häufigen und intensiven Kratzen verletzt, bei rund 19 Prozent identifizierten die Hautärzte eine Hauterkrankung wie z. B. Ekzem als Ursache. 40 Prozent der Geplagten hatten sich medizinische Hilfe gesucht, nur 32 Prozent – meist Patienten mit schwerem Juckreiz – eine Behandlung erhalten. „Leider gibt es bisher nur lindernde, keine wirklich ursächlichen Therapien – möglicherweise haben deshalb nicht einmal die Hälfte der Betroffenen einen Hautfacharzt aufgesucht“, sagt Studienleiterin Prof. Dr. Elke Weisshaar. „Ein weiterer Grund ist sicherlich, dass Dialysepatienten schon eine hohe Anzahl von Arztbesuchen zu bewältigen haben. Aber die Zahlen zeigen: Bei rund einem Fünftel der Patienten liegt eine behandelbare Hauterkrankung zugrunde.“ Auch bei Patienten ohne ursächliche Hauterkrankung kann beispielsweise eine UV-Lichttherapie, der Einsatz spezieller Cremes sowie die fachgerechte Pflege der trockenen Haut die Beschwerden lindern. Dialysepatienten sollten immer einen Hautarzt aufsuchen, vor allem wenn sich an der Haut Ausschläge etc. zeigen und das Hautjucken nicht durch Hautpflege in den Griff zu bekommen ist, damit eine mögliche Hauterkrankung nicht übersehen wird“, so die Hautärztin.

Chronisches Jucken schlägt auf die Psyche

Darüber hinaus belastet das ständige Jucken auch Psyche und seelische Gesundheit. Mit Hilfe wissenschaftlich überprüfter Fragebögen zu Lebensqualität, Angst, Depression, Schlafqualität und Schmerzen ermittelten die Mediziner, dass chronischer Juckreiz die ohnehin schon durch Nierenversagen und Dialyse massiv eingeschränkte Lebensqualität der Betroffenen noch zusätzlich minderte – vergleichbar mit den Auswirkungen von chronischen Schmerzen.

Patienten mit Hautjucken schätzten ihren allgemeinen Gesundheitszustand ebenso wie ihr emotionales Wohlbefinden schlechter ein als nicht betroffene Dialysepatienten. „Studienteilnehmer mit chronischem Jucken berichteten zudem überdurchschnittlich häufig von Schmerzen und Schlafstörungen. Wie das häufig gleichzeitige Auftreten von Jucken und Schmerzen zusammenhängt, muss allerdings noch geprüft werden“, so Weisshaar. Angesichts der Ergebnisse der GEHIS-Studie sei eine ergänzende psychosoziale Betreuung der Patienten sinnvoll und angebracht.

Originalpublikation:

Health-related quality of life in haemodialysis patients suffering from chronic itch: results from GEHIS (German Epidemiology Haemodialysis Itch Study)
Melanie Weiss et al.; Quality of Life Research, doi: 10.1007/s11136-016-1340-4; 2016

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3 Kommentare:

Johannes Reinders
Johannes Reinders

Wenn man bei allen Juckreizpatienten eine Blutuntersuchung durchführen würde,
könnte man an der Filtrationsrate der Nieren die wahrscheinliche Ursache des
Juckreizes entdecken. Ist logisch, die im Gewebe angereicherten Stoffwechsel-gifte diffundieren durch die Haut. Im Step 1 sollte man sich auf Diabetiker
fokussieren und ein großes Blutbild analysieren.

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Ist bei Dialysepatienten das Ekzem die Ursache für den Juckreiz oder hat sich das Ekzem und die trockene Haut erst durch die Niereninsuffizienz gebildet. Ich denken Ursache und Folge wurden hier verwechselt.

#2 |
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Nichtmedizinische Berufe

Würden wir endlich in Deutschland das System der Organspenden wie jetzt auch in den Niederlanden darauf umstellen, dass man aktiv der Organspende widersprechen muss, hätten wir weit weniger betroffene Dialysepatienten. Aber mit Dialysepatienten lässt sich mehr Geld verdienen.

#1 |
  8


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