Kinder und Hunde: Kuscheln mit Risikofaktor

13. September 2016
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Wenn die Sprösslinge von Hunden gebissen werden, ist es häufig ausgerechnet der eigene. Das hat mehrere Gründe: Kinder können schwer einschätzen, wann der Vierbeiner Ruhe will. Außerdem neigen Besitzer dazu, ihre eigenen Haustiere zu verharmlosen.

Bissvorfälle bei Kleinkindern passieren meist durch den eigenen Familienhund. Auslöser ist oft eine vom Kind liebevoll gemeinte Geste wie eine Umarmung. Häufig erfolgen die Hundebisse sogar unter Aufsicht von Erwachsenen.

Eine Befragung von Hundehaltern des Instituts für Tiererhaltung und Tierschutz der Vetmeduni Wien ergab, dass beim vertrauten Familienhund eindeutige Gefahrensituationen unterschätzt werden. Dabei gibt es einfache Maßnahmen, durch die sich das Bissrisiko deutlich verringern lässt.

Vorfälle geschehen oft unter Aufsicht

Vor allem der Familienhund wird gerne umarmt oder intensiv gestreichelt. Manchmal wird so die Geduld des vierbeinigen Mitbewohners leider überstrapaziert und er schnappt zu. Halter sollten eigentlich erkennen, wenn sich der Hund bedrängt fühlt und rechtzeitig einschreiten. Trotzdem ereignen sich die Vorfälle häufig direkt vor den Augen der Erwachsenen“, erklärt Studienleiterin Christine Arhant vom Institut für Tierhaltung und Tierschutz der Vetmeduni Wien.

Vertrauen vor Achtsamkeit

Warum das so ist, versuchte die Gruppe mittels Onlinebefragung herauszufinden. Das Ergebnis: 
„Der Großteil der Befragten war sich des generellen Risikos von Bissvorfällen sehr wohl bewusst“, sagt Arhant. Unbekannt war den meisten Teilnehmern lediglich, dass auch kleinere Hunde ein Risiko darstellen. Die Bewertung von Beispielbildern, auf denen eine Kind-Hund Situation dargestellt war, zeigte jedoch, dass die Gefahr durch fremde Hunde deutlich höher eingeschätzt wird, als durch den eigenen Familienhund.

Im Zusammenhang mit fremden Hunden wurde jede abgebildete Situation, auch solche mit geringem Risiko, als gefährlich eingestuft. Beim Familienhund wurden dagegen fast alle Situationen als harmlos und ein Einschreiten als nicht notwendig angesehen. Nur ein gemeinsames Kuscheln von Kind und Hund im Hundebett wurde als mögliche Gefahr eingestuft.

Eigener Hund wird verharmlost

Etwa 50 Prozent der Befragten lassen das Kleinkind sooft und so lange wie es möchte mit dem Hund spielen, auch unbeaufsichtigt.
 „Das gesunde Misstrauen gegenüber fremden Hunden scheint beim eigenen Familienhund nicht gegeben zu sein“, schätzt Arhant ein. „Man vertraut dem eigenen Hund und schließt einen Beißvorfall mit ihm aus.“ Das reduziert nicht nur die Achtsamkeit, sondern Hundehalter setzen damit voraus, dass der eigene Hund toleranter und geduldiger ist als andere.

Einfache Regeln sorgen für Harmonie

Eltern, die mit ihren Kindern wegen Bisswunden zum Arzt kommen,  sollte man dazu raten, dem Haushund Rückzugsorte einzurichten. „Das Bedürfnis nach Ruhe und einem eigenen Bereich sollte auch beim eigenen Hund respektiert werden“, so Arhant.

 

Dass ein Hund auch ein Bedürfnis nach ausreichend Ruhezeit und Abstand vom Kleinkind hat, scheint vielen Befragten nicht bewusst zu sein.

Die Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft bietet auf ihrer Homepage Informationsmaterial zum richtigen Umgang mit dem Familienhund an.

Originalpublikation:

Attitudes of caregivers to supervision of childefamily dog interactions in children up to 6 years – An exploratory study
Christine Arhant et al.; Journal of Veterinary Behaviour, doi: 10.1016/j.jveb.2016.06.007; 2016

32 Wertungen (4.72 ø)

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9 Kommentare:

Dipl.Tzt Ursula Eybel
Dipl.Tzt Ursula Eybel

@ HNO: “Zu beachten ist besondes die Eifersucht des Hundes, die oft zu “blindem” Zubeißen verleitet, was bei kriechenden Kleinkindern zu gefährlichen Gesichtsverletzungen führen kann !”

Gesichtsverletzungen ja! Hunde beissen kriechende Kinder häufig ins Gesicht. Sind auf einer Ebene. Erwachsene werden daher normalerweise in Bein oder Hand gebissen.
Dass Eifersucht zu binden zubeißen verleitet – bitte etwas mehr mit der Ethologie des Hundes beschäftigen.

#9 |
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Studentin der Tiermedizin

Ich plädiere ausserdem für einen verpflichtenden Botaniklehrgang für alle, die Zimmerpflanzen haben wollen.
Dass ein Führerschein längst nicht alle Probleme löst, beweisen die vielen Toten und Verletzten auf unseren Strassen.
Das Problem liegt eher in unserer Gesellschaft, die es geschafft hat, dass Hunde instrumentalisiert werden (als Ersatz für Kinder, soziale Kontakte usw) und genau dieses Denken zu der Erwartungshaltung führt, dass unsere Haustiere unseren Kindern gegenüber genau so empfinden wie wir.
Dazu kommt der seltsame Trend, dass Haustiere mit der richtigen Methode – meist irgendwas mit flüstern – praktisch programmierbar sind. Das hinterlässt Spuren selbst in der Denke der Menschen, die gerade nicht mit dieser einen Methode arbeiten.

Allerdings hab ich den Trend zu Beißvorfällen im eigenen Heim auch schon in der Klinik beobachtet. Gut, dass es erste Zahlen dazu gibt. Dann können wir als Tierärzte vielleicht auch einen kleinen Teil dazu beitragen, die Besitzer zu sensibilisieren und die Familienhunde zu entlasten. Und natürlich, die Kleinsten zu schützen!

#8 |
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S.Röckener
S.Röckener

Ich bin Hebamme und zertifizierte Hundertrainerin, seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit diesem Problem. Ich hatte noch keinen Beißvorfall. Leider können die meisten Hundehalter die Körpersprache ihres Hundes nicht deuten und zusätzlich müssen sich kleine Menschen ja schließlich entfalten. Fatal! Dann wird DER Familienhund gesucht, der sich auch mal UNBEDENKLICH zwicken lässt!!! Unglaubliche Zustände. Ein Wunder, dass nicht noch mehr passiert! Es gibt Länder in denen man eine Lizenz für die Haltung von Hunden benötigt. Dies beinhaltet den Besuch einer Hundeschule und eine gewisse Hundesachkunde u.andere Auflagen. Klappt es nicht, gibt es eine Chance, danach folgen Konsequenzen, die es in sich haben. Eigentlich eine gute Lösung. Ich liebe Kinder und Hunde, bin überzeugt das sie einander sehr gut tun.

#7 |
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Gast
Gast

Ein besuch in einer Hundeschule ist schon eine tolle Idee, aber da auch dort die unterschiedlichsten “Ideolgien” und Theorien vertreten werden ist es schwierig eine gescheite Hundeschule zu finden. Oder gibt es mittlerweile einheitliche Standards? Soweit ich weiss darf sich in Deutschland jeder Hundetrainer nennen, wo bleibt denn da die Sicherheit?

#6 |
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Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

“Beisst Ihr Hund”?
“Ja, wie sollte er sonst fressen können….”
Bitte Hundeführerschein verpflichtend für jeden, der einen Hund halten möchte. Würde nicht nur Menschenleid, sondern auch viel Hundeleid ersparen.

#5 |
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Gast
Gast

Das mit der Sensibilität der Eltern im Umgang mit fremden Hunden stimmt nach meinen Erfahrugnen so nicht:
Ich, selber Halterin von drei Hunden, bin bereits mehr als einmal erschrocken, wie sorglos Eltern ihre (Klein)-Kinder auf meine – für die Kinder fremden – Hunde zu laufen lassen, um die Hunde zu streicheln und zu umarmen.
Dabei sollte jedem Kind die Grundregel im Umgang mit Hunden beigebracht werden: lasse den Hund auf Dich erst mal zu kommen (wenn er es will), strecke dem Hund die Hand zum beschnuppern hin. Mehr ist erstmal nicht erlaubt, schon gar nicht bei fremden Hunden.

#4 |
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Gast
Gast

so ist es!

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Arzt f. HNO, Kopf u. Halschirurg
Arzt f. HNO, Kopf u. Halschirurg

Man kann Hundehaltern, die Kleinkinder und Hunde zusammen halten, was eigentlich nicht sein sollte, nur den Besuch einer Hundeschule anempfehlen. In der Regel muss zuerst der Hundehalter und -führer sich mit der Tierpsychologie vertraut machen und dann Hund und auch Kind mit viel Geduld erziehen. Zu beachten ist besondes die Eifersucht des Hundes, die oft zu “blindem” Zubeißen verleitet, was bei kriechenden Kleinkindern zu gefährlichen Gesichtsverletzungen führen kann !

#2 |
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Wo Alltagswissen fehlt, müssen dann leider für alle Vorgaben gemacht werden, also verpflichtend “Eltern- und Hundeführerschein”.

#1 |
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