Krebsprävention: Das Übel am Körperfett packen

1. September 2016
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Bei manchen Krebsarten trägt Übergewicht zur Entstehung der Erkrankung bei. Ebenso besteht ein Zusammenhang zwischen einem erhöhten BMI und der Rezidivrate sowie der Überlebensprognose nach der Erkrankung. Ist das Einhalten des Normalgewichts die beste Krebsprävention?

Laut aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts sind fast zwei Drittel der Männer und über die Hälfte der Frauen in Deutschland übergewichtig. Ein Viertel der erwachsenen Männer und Frauen sind sogar adipös. Weltweit steigen die Zahlen übergewichtiger und adipöser Personen. Schon heute sind mehr Menschen über- als untergewichtig. Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck sind oft die Folgen.

Aber Fettleibigkeit stellt auch einen Risikofaktor für viele Krebserkrankungen dar. Professor Dr. Dr. Michael Leitzmann, Direktor des Instituts für Epidemiologie und Präventivmedizin am Universitätsklinikum Regensburg (UKR), war Teil einer Arbeitsgruppe, die im April 2016 von der IARC (International Agency for Research on Cancer) einberufen wurde. Die Gruppe untersuchte, welche Rolle Übergewicht bei der Entwicklung von Krebserkrankungen spielt. Die ersten Ergebnisse wurden nun bekannt gegeben.

Bereits 2002 hatte sich eine Arbeitsgruppe des IARC des Themas angenommen. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass ein erhöhter BMI das Risiko für Dickdarmkrebs, Speiseröhrenkrebs, Nierenkrebs, Brustkrebs und Gebärmutterkörperkrebs steigert. Die neue Arbeitsgruppe überprüfte nun die Ergebnisse in einer Metastudie, wofür über 1.000 epidemiologische Studien und Publikationen verglichen und analysiert wurden, und konnte sie bestätigen.

Zudem identifizierten die Wissenschaftler noch acht weitere Krebsarten, für die ein gesteigertes Risiko bei einem erhöhten Körperfettanteil besteht: Magenkrebs, Leberkrebs, Gallenblasenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, Eierstockkrebs, Schilddrüsenkrebs, Tumoren der Hirnhaut und B-Zell-Lymphome.

„Aus unseren Ergebnissen lässt sich das Einhalten des Normalgewichts bzw. eines normalen Körperfettanteils als eine wichtige Maßnahme zur Krebsprävention begreifen. Zwar konnten wir keinen Zusammenhang für alle Krebsarten feststellen, aber bereits für dreizehn gibt es nun gesicherte Belege“, fasst Professor Leitzmann zusammen.

Keine signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschiede

Neben dem Kernpunkt der Studie, dass ein erhöhter Körperfettanteil mit der Entstehung mancher Krebsarten in Verbindung steht, entdeckten die Wissenschaftler anhand der zur Verfügung stehenden Daten noch weitere Zusammenhänge. So zeigten die Untersuchungen, dass es keine signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschiede bezüglich des Krebsrisikos in Zusammenhang mit Übergewicht bei Männern und Frauen gibt.

Eine weitere Fragestellung während der Analyse war, ob Erwachsene, die bereits als Kind oder Jugendliche einen hohen BMI aufwiesen, ein höheres Risiko haben, im Erwachsenenalter an Krebs zu erkranken. Diese Hypothese konnte anhand der zur Verfügung stehenden Daten für die dreizehn Krebsarten bestätigt werden, für die bereits eine Verbindung mit Übergewicht nachgewiesen werden konnte.

Darüber hinaus untersuchte die Arbeitsgruppe, ob es neben der Erstdiagnose auch einen Zusammenhang zwischen Körperfettanteil und Rezidivrate gibt. So konnte ein Versuchsmodell identifiziert werden, in dem durch einen Gewichtsverlust in Folge einer fettarmen Diät die Rezidivrate bei Brustkrebs gesenkt werden konnte.

Zudem wurde die Überlebensprognose nach einer Krebserkrankung in Zusammenhang mit einem erhöhten BMI untersucht. Die Arbeitsgruppe konnte eine große Anzahl an Hinweisen ausmachen, die auf einen Zusammenhang zwischen erhöhtem BMI zur Zeit der Krebsdiagnose und verringerter Überlebensrate von Patienten mit Brustkrebs hindeuten. Für andere Krebsarten ließen sich keine ausreichenden Hinweise hierauf feststellen.

Hormonell und stoffwechselbedingte Auffälligkeiten

Nachdem ausreichend Bestätigungen dafür vorlagen, dass Übergewicht in Zusammenhang mit der Entwicklung mancher Krebsarten steht, ging die Arbeitsgruppe auch den Wirkmechanismen nach. Die Wissenschaftler identifizierten hierfür, welche zellulären und molekularen Mechanismen, die sich bei der Entstehung einer Krebserkrankung verändern, ursächlich mit Übergewicht und Adipositas in Verbindung stehen könnten.

Fettleibigkeit ist mit erheblichen hormonell und stoffwechselbedingten Auffälligkeiten verbunden. Einige davon – wie der Stoffwechselprozess bei Geschlechtshormonen oder auch Entzündungserscheinungen – scheinen eine große Rolle im Zusammenspiel zwischen Fettleibigkeit und Krebs zu spielen. Einen eher geringen Einfluss hingegen haben Insulin und Insulinproduktion.

„Unsere Ergebnisse besitzen angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung, in der die Anzahl der übergewichtigen Menschen weltweit steigt, hohe Relevanz. Wir konnten zeigen, dass Fettleibigkeit gesundheitliche Risiken bis hin zu einer Krebserkrankung birgt. Eine wichtige Erkenntnis nicht nur für jeden individuell, sondern auch in Bezug auf das Gesundheitssystem insgesamt“, so Professor Leitzmann.

Die ausführlichen Ergebnisse der Arbeitsgruppe werden aktuell in einem Handbuch zusammengetragen, das gegen Ende dieses Jahres erscheinen soll.

Originalpublikation:

Body Fatness and Cancer – Viewpint of the IARC Working Group
Béatrice Lauby-Secretan et. al; The New England Journal of Medicine, doi: 10.1056/NEJMsr1606602; 2016

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6 Kommentare:

Dipl.oec-troph.J.Ritschel
Dipl.oec-troph.J.Ritschel

Dass wir viele Möglichkeiten von „falscher“ Ernährung in unserem Luxus habensteht außer Zweifel. Was ist aber richtig, was falsch bei der Ernährung? Was ist gesund, was ungesund? Alles das kann man erlernen, wenn man will. Es geht ganz einfach da los mit zu viel an Kalorieninput (und zu wenig an deren Verbrauch= z.B alltäglicher Bewegung). Maßnahmen zur Vermeidung von Übergewicht und/oder Adipositas sind hinlänglich bekannt; das muss aber rechtzeitig erfolgen. Wenn ich plötzlich 150 kg auf die Waage schleppe, darf ich nicht erstaunt sein: „Huch, von heute auf morgen plötzlich so so schwer geworden?“ Fachleute, Fachgesellschaften werden überhört oder nicht wahrgenommen- „Eingriff in die freie Persönlichkeitsentfaltung!“ Was für ein Aufschrei gab es, als eine Partei zum Überdenken des zu massiv gewordenen Fleischkonums(mit allen auch ökologisch/ökonomisch bedingenden Folgen!) Stellung bezog. Es war tatsächlich gut gemeint und als Hinterfragen des persönlichen Ernährungsverhaltens gedacht. Wenn wir dann –bedingt durch Fehlernährung/ Vegan/Weizenlos/Milchfrei/Glutenfrei/Allergenfrei/Hirnlos etc… Krank sind, dann soll es die Allgemeinheit (wir sind ja Krankenversichert) richten. Wie wäre es mit Eigenverantwortung? Leben ist in allen Bereichen ein Fließgleichgewicht. Wenn zu viel reingeht und zu wenig raus, dann fließt es eben woanders hin oder das System ersäuft. Eigentlich sind die Enährungsempfehlungen für die Umsetzung keine große Kunst. Ernährung scheint mir oft sogar viel zu einfach- aber das scheint der mündige Verbraucher gar nicht wissen wollen. Ob Huhn oder Ei zu erst da waren, völlig egal. Schön, dass es beides gibt!

#6 |
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Gast
Gast

Mal eine ganz laienhafte Zwischenfrage an die versierten Statistiker unter uns: Wenn die Häufigkeit der Krebserkrankungen in der Bevölkerung stetig zunimmt und die Häufigkeit der Adipositas in der Bevölkerung stetig zunimmt, ist es dann quasi nicht auch statistisch vorgegeben dass der Anteil der adipösen Personen mit Krebserkrankung zunimmt?
Woher wissen wir, dass tatsächlich das Übergewicht zur Krebserkrankung führt? Könnten die beiden Merkmale nicht einfach die gleichen Ursachen haben?
z.B. Bewegungsmangel?
Bewegungsmangel verursacht nicht nur Übergewicht, sondern auch Obstipation, und die kann bekanntlich die Entstehung von Colonkarzinomen begünstigen. Hat also wirklich ein adipöser Patient mit Bewegungsmangel ein höheres Risiko für ein Colonkarzinom als ein Normalgewichtiger mit Bewegungsmangel?

#5 |
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Mitarbeiterin Industrie

Die Frage ist m.E. nicht so einfach zu beantworten, da viele Faktoren eine Rolle spielen. Ein möglicher Denkansatz wäre auch, inwieweit im Hinblick auf die Dosis der Schadstoffe eine erhöhte Nahrungszufuhr und/oder die Nahrungsauswahl (wie z.B. fetthaltige LM und der Zusammenhang mit Weichmachern) dazu führen, dass Übergewicht mit einem höheren Krebsrisiko einhergeht. Auch hier ist, wie bei allen Ergebnissen statistischer Analysen, immer genau Ursache(n)/Wirkung zu prüfen.

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franz laudenbach
franz laudenbach

Nicht erwähnt, wie üblich: Sogenannte ‘blutdrucksenkende Medikamente’
Nicht erwähnt, wie üblich: Grunderkrankung; Schlafapnoe Syndrom (OSAS/ZSA).
Unbehandelte Schlafapnoe in Kombination mit sogenannten ‘blutdrucksenkenden Medikamenten forciert so ziemlich alle Volkskrankheiten wie Bluthochdruck usw. . Ebenso Krebs!
Wollen Sie mehr wissen: flc@live.de;

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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

die Hauptursache für Fettleibigkeit dürfte wohl der hohe Zuckerkonsum sein u. es ist erfreulich , daß immer deutlicher erkannt wird , welche Probleme auf der hormonellen Seite entstehen .
Die sollte inbes. auch bei Tumorbehandlungen Berücksichtigung finden in der ordentlichen Einstellung des Hormonhaushaltes bei Frauen u. MÄNNERN sich niederschlagen.

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Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

Dazu gleich ein sommerlicher Sättigungstrick: Zucchini apfelstiftefein (also nicht matschig-fein) raffeln für einen gemischten Salat. Sobald Zucchini mit im Salat sind, wirkt ein (grüner) Salat deutlich sättigender. Ein typischer Salat erzeugt auch bei großen Portionen oft hinterher einen Heißhunger auf Süßes- bedingt durch die langsam verstoffwechselten Vollwertkohlenhydrate (und die Ballaststoffe). Guten Appetit!

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