Brustkrebs: Chemo bleibt im Schrank

2. September 2016
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In 14 Prozent aller Fälle können Ärzte bei Patientinnen mit frühem Mammakarzinom auf Chemotherapien verzichten. Das zeigen kürzlich veröffentlichte Daten. Ungewiss ist, ob betroffene Frauen diesem Rat auch folgen werden.

„Nur Patientinnen mit frühem Brustkrebs und nachgewiesen niedrigem Rückfallrisiko kann eine Chemotherapie erspart werden“, berichtet die Deutsche Krebsgesellschaft in einem Übersichtsbeitrag. Dies beträfe vor allem Hormonrezeptor-positive, HER2-negative Patientinnen ohne Lymphknotenbefall, bei denen eine rein endokrine Therapie ausreichend ist. „Biomarker- und Gentest können gegebenenfalls zukünftig helfen, diese Patientinnengruppe sicher zu identifizieren”, heißt es weiter.

70 Gene – eine Antwort

Genau hier setzt ein internationales Team um Fatima Cardoso, Lissabon, jetzt an. Für ihre MINDACT-Studie (Microarray in Node-negative and 1 to 3 Positive Lymph Node Disease May Avoid Chemotherapy) rekrutierten sie 6.693 Frauen mit Mammakarzinom. Als Einschlusskriterium definierten sie den Befall von weniger als drei Lymphknoten. Neben klinischen und pathologischen Parametern erfassten Ärzte per MammaPrint-Test die Expression von 70 Genen, um zu entscheiden, ob eine adjuvante Chemotherapie erforderlich ist. Frauen, bei denen sich die Resultate widersprachen, wurden randomisiert in zwei Gruppen mit beziehungsweise ohne Chemo eingeteilt. Als primären Endpunkt zogen Forscher die Fünf-Jahres-Überlebensrate ohne Fernmetastasen heran.

Geringe Unterschiede

Wie Cardoso herausfand, erreichten 94,4 Prozent aller Hochrisiko-Patientinnen, bei denen aufgrund von Gentests keine weiteren Behandlungen stattfanden, dieses Ziel. In der Vergleichsgruppe mit Chemotherapie lag der Erfolg bei 95,9 Prozent. Ohne nachfolgende Behandlung war das rezidivfreie Überleben um 2,8 Prozentpunkte und das Gesamtüberleben um 1,4 Prozent geringer. Es darf nicht vergessen werden, dass Chemotherapien langfristig das Risiko bergen, an Leukämien oder Herzinsuffizienzen zu erkranken. Dazu hat Cardoso aber keine Daten erhoben.

Schonen statt therapieren

Die European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC) erwartet aufgrund der aktuellen Veröffentlichung, dass 14 Prozent aller Frauen mit frühem Mammakarzinom keine adjuvante Therapie benötigen. In einem Editorial bewerten Clifford A. Hudis und Maura Dickler, New York, die Ergebnisse als weiteren Schritt, um Brustkrebs-Therapien präziser zu gestalten. Gleichzeitig befürchten sie, viele Patientinnen würden sich angesichts der geringfügig besseren Chancen doch für die Chemotherapie entscheiden.

27 Wertungen (4.11 ø)
Forschung, Pharmazie

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5 Kommentare:

Manfred Lothar DIETWALD
Manfred Lothar DIETWALD

Zu 3) Aufschub= Beobachtungszeit und Nachdenkphase für Chemotherapie.

#5 |
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Gast
Gast

# 3 : Wie genau ist es mit dem Aufschub ( wovon ? ) gemeint ?

#4 |
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Manfred Lothar Dietwald
Manfred Lothar Dietwald

Bei einer Fortbildung , die allerdings ca. 10 Jahre zurückliegt, erfuhr ich, dass die Nachweisgrenze von Krebs bei etwas unter 500TSD Zellen liegt. Bei mehreren Millionen sei die Behandlung schon wenig erfolgreich, wenn sie nicht abgekapselt vorliegen. Behandlungsfreie Zeiten sind deshalb problematisch. Wenn diese Grenze heute weit niedriger liegt, wäre ein Aufschub erwägenswert.

#3 |
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Johann
Johann

Cardoso et al. lassen ihre Arbeiten von den Industrien finanzieren, deren Produkte sie dann über die wissenschaftliche Fachpresse verbreiten. Bei 14% von “Increasing precision …” (NEJM) zu sprechen, ist wohl eher ein präziser Widerspruch. Zumal eben auch diese 14% keinesfalls “sicher” zu bestimmen sind. Kritische Einordnung dieser seit Jahrzehnten laufenden Forschung mit ihren kaum nachvollziehbaren und kaum greifbaren Ergebnissen fehlen in ihrem Artikel. Auch die Überschrift ist irreführend, allerdings immerhin – sie verschweigen nicht Leukämien und Herzinsuffizienzen, was für Patientinnen bis heute bei Therapieentscheidung im “Kleingedruckten” verschwindet.

#2 |
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Heilpraktikerin

“Es darf nicht vergessen werden, dass Chemotherapien langfristig das Risiko bergen, an Leukämien oder Herzinsuffizienzen zu erkranken. Dazu hat Cardoso aber keine Daten erhoben.”
Das wäre aber mal sehr interessant gewesen.

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