Hand aufs Heartphone

2. September 2016
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Ärzte legen Patienten mit kardialen Erkrankungen buchstäblich ans Herz, ihre Vitalparameter regelmäßig zu überwachen. Nur halten sich viele Menschen nicht an diese Empfehlung. Mediziner setzen deshalb auf smarte Technologien als Alternative.

Smartphones und Smartwatches sind längst im Versorgungsalltag angekommen. Forscher der Buffalo University wollten es wissen: Welchen Beitrag leisten Apps beim kardiologischen Screening?

Sie nahmen 32 Patienten mit kardialen Arrhythmien in ihre Studie auf. Das Team um Anne B. Curtis verglich Aufzeichnungen per tragbarem Event-Rekorder mit Daten, die über eine App erfasst wurden. Im klassischen Fall drücken Patienten einen Knopf, damit Beschwerden registriert werden. Beim Kardia-System für Smartphones oder Smartwatches berühren sie außen angebrachte Elektroden mit der linken beziehungsweise rechten Hand:

 

Dabei fand Anne B. Curtis überraschende Resultate. Mit smarten Technologien gelang es, 91 Prozent aller Ereignisse korrekt aufzuzeichnen – bei der klassischen Technik waren es 88 Prozent. Auch bei der Adhärenz schnitt die App (94 Prozent) gegenüber dem Standard-Procedere (58 Prozent) deutlich besser ab. Monitore würden in der Öffentlichkeit nur ungern getragen, gibt Curtis zu bedenken. Das sei bei Smartphone-Anwendungen nicht der Fall. Gleichzeitig werden Daten über drahtlose Verbindungen auf einen Server zu Auswertung hochgeladen. Größere Studien gibt es noch nicht, aber der Trend ist klar.

Kommt das Volks-EKG?

Das ungarische Start-up-Unternehmen mobilecg geht noch einen Schritt weiter. CTO Róbert Csordás kritisiert, kommerzielle EKG-Geräte hätten einen „unverhältnismäßig hohen Preis“ und seien umständlich in der Anwendung. Er stört sich außerdem an der „unredlichen Vertriebspraxis“ mancher Konzerne. Deshalb entwickelt Csordás zusammen mit Kollegen ein Zwölfkanal-EKG komplett als Open-Source-Version. Mittlerweile wurden einige Eckpunkte zur Hardware veröffentlicht. Mittelfristig plant er Services zum Austausch sowie zur Analyse von Daten.

 

Jetzt sucht mobilecg weitere Sponsoren. Um sie von den Möglichkeiten offener Technologien zu überzeugen, arbeiten Entwickler parallel an electroCARDiograph. Der Prototyp zeigt, was Mikrochips heute alles leisten. Über die bekannte Ableitung nach Einthoven wird ein EKG-Signal ausgegeben. Róbert Csordás gibt für sein Tool rund 29 US-Dollar als Preis an. Es handele sich nicht um ein Gerät für diagnostische Zwecke, schreibt der CTO. Für ihn ist die smarte Karte aber eine Machbarkeitsstudie.

 

Ärzte und Patienten innig verbunden

Kein Einzelfall: Biotronic setzt ebenfalls auf Technologien, um kardiovaskuläre Daten smarter auszuwerten. Der Konzern entwickelt unter anderem implantierbare Kardioverter-Defibrillatoren (ICDs) und Herzschrittmacher. In den USA hat das Unternehmen jetzt CardioMessenger Smart vorgestellt: ein schlankes Kästchen, kaum größer als handelsübliche Smartphones. Ärzte können über Biotronik Home Monitoring® Implantatpatienten zu jedem Zeitpunkt fernbetreuen. Das geht so: Implantate senden automatisch medizinische und technische Informationen an den CardioMessenger. Über das Mobilfunknetz gelangen Informationen schließlich an das Home Monitoring Service Center zu Analyse. Ärzte greifen per Webanwendung darauf zu.

CardioMessenger Smart

CardioMessenger Smart © Biotronik

Ziel ist es, unvorhersehbare und unbemerkt auftretenden Ereignisse früh aufzuspüren, um rechtzeitig klinische Interventionen einzuleiten. Im Rahmen der herstellerfinanzierten IN-TIME-Studie konnte belegt werden, dass Home Monitoring die Mortalität von Herzinsuffizienzpatienten um mehr als 50 Prozent senkt. Laut der ebenfalls von Biotronik unterstützten COMPAS-Studie verringerten sich Hospitalisierungsraten aufgrund von Vorhofflimmern und Schlaganfällen um 66 Prozent. Dieser Erfolg stellt sich nur ein, falls Patienten mitspielen. Kleine, handliche Lösungen wie CardioMessenger Smart sollen einen Beitrag zur besseren Adhärenz leisten.

Bitte recht freundlich

Alle vorgestellten Tools haben einen zentralen Nachteil. Entweder handelt es sich um eigenständige Geräte oder um separate Komponenten für Smartphones. Deshalb setzen Forscher auf „On-Board“-Technologien. Ihnen ist es gelungen, mit handelsüblichen Geräten Photoplethysmographien durchzuführen, um Vorhofflimmern zu diagnostizieren. Das geht so:

 

Die App Cardiio misst per Smartphone-Kamera nahezu unsichtbare Veränderungen der Gesichtsfarbe und zieht daraus Rückschlüsse auf unseren Herzrhythmus. Was abenteuerlich klingt, funktioniert in der Praxis erstaunlich gut. Gemessen am Goldstandard, einem Zwölfkanal-EKG mit ärztlicher Auswertung, schnitt das Smartphone-Verfahren gut ab. Niedrigschwellige Gadgets leisten in Zukunft ohne Zweifel einen wichtigen Beitrag zur Versorgung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

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Kardiologie, Medizin

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