Pflege: Kuscheln mit dem Terminator

8. September 2016
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Die Menschen in Deutschland werden immer älter – der Pflegeaufwand wächst. Die Lösung: Roboter Robear hebt immobile Patienten vom Bett in den Rollstuhl. Zuwendungsroboter Paro, eine niedliche Robbe, schmust mit dementen Patienten.

Service-Roboter oder Pflegeheim? Für Deutschlands Bürger stellt sich diese Frage nicht. Rund 83 Prozent bevorzugen moderne Assistenzsysteme, um länger in den eigenen vier Wänden zu leben. Das geht aus repräsentativen Telefoninterviews des Meinungsforschungsinstituts forsa im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) hervor. Knapp 56 Prozent wünschen sich schon heute einen Roboter als digitale Haushaltshilfe. Und 80 Prozent der Befragten bewerteten Forschungsprojekte in diesem Bereich als „wichtig“ oder „sehr wichtig“. Neben dem Haushalt sehen sie Pflege und Gesundheit als künftige Einsatzmöglichkeiten.

bmbf-pflege

Zögerlicher Einsatz

Mittlerweile haben Roboter den Automobilsektor grundlegend revolutioniert, sind aber im Gesundheitsbereich nur vereinzelt zu finden. Die Expertenkommission Forschung und Innovatione (EFI) fordert deshalb von der Regierung, eine breiter aufgestellte Robotikstrategie zu entwickeln. Entsprechende Pläne seien in anderen Ländern längst vorhanden. „Ein potenzieller Treiber der künftigen Nachfrage nach Servicerobotern könnte die zunehmende Knappheit an Arbeitskräften in alternden Gesellschaften sein“, heißt es im Report. „So erkannte die japanische Regierung bereits in den 1980er Jahren, dass das Land aufgrund von Überalterung einen Mangel an Pflegekräften haben würde.“ Japan und Österreich haben mehrere Projekte auf den Weg gebracht.

Haushalt in HOBBIT-Hand

An der TU Wien entwickeln Ingenieure HOBBIT: ein Assistenzsystem für ältere, gebrechliche Menschen. Roboter erinnern Patienten an die Einnahme von Medikamenten oder an das regelmäßige Trinken, heben Objekte auf oder helfen beim Telefonieren beziehungsweise bei der Recherche im Internet. Gleichzeitig erkennen intelligente Helfer gefährliche Situationen wie Stürze und verständigen Hilfe.

Das klingt wie Zukunftsmusik, ist aber zumindest teilweise schon in der Praxis angekommen. HOBBIT wurde 2015 in 18 Privathaushalten in Österreich, Schweden und Griechenland erfolgreich getestet. „Ziel ist es, dass mit Hilfe solcher Serviceroboter die Seniorinnen und Senioren länger zu Hause selbstständig leben können“, sagt Dr. Tobias Körtner. Er arbeitet als Projektmanager an der Akademie für Altersforschung, Haus der Barmherzigkeit, in Wien.

HOBBIT ist nicht allein auf weiter Flur. Sein Kollege, der Pflegeroboter Henry, hat andere Schwerpunkte. Er informiert und unterhält Senioren. Per Touchscreen können sie Wetterberichte abrufen, Nachrichten lesen oder sich über aktuelle Menüs informieren. Henry hat 3D-Kameras und Laserscanner mit an Bord. Er bewegt sich in einer realen Umgebung autonom, erfasst Hindernisse und warnt Patienten.

Beide Systeme werden über STRANDS (Spatio-Temporal Representations and Activities For Cognitive Control in Long-Term Scenarios) von der Europäischen Union bis Mitte 2017 gefördert. Sie kommen nicht direkt in der Pflege zum Einsatz.

Schwerstarbeit war gestern

Genau hier liegt eine weitere Stärke technischer Assistenzsysteme. Roboter können körperlich belastende Tätigkeiten übernehmen, um deren Gesundheit zu erhalten. AOK-Angaben zufolge liegt der Krankenstand in der Altenpflege bei 6,3 Prozent, verglichen mit nur 4,8 Prozent im bundesweiten Durchschnitt. Besonders häufig leiden Pflegekräfte an Funktionsstörungen des Muskel- und Skelettsystems (24 Prozent), gefolgt von psychischen Erkrankungen (15 Prozent).

Um hier gegenzusteuern, haben japanische Forscher vom RIKEN-Forschungsinstitut und von der Sumitomo Riko Company ein innovatives Assistenzsystem entwickelt. Robear („Roboterbär“) hebt immobile Patienten aus dem Bett und setzt sie beispielsweise in ihren Rollstuhl. Aufgrund seiner Rollen kann er Menschen auch über kurze Strecken transportieren. Um präzise Bewegungen zu gewährleisten, haben die Antriebselemente ein niedriges Übersetzungsverhältnis. Außerdem sorgen Drehmoment- und Drucksensoren für Sicherheit. Damit ist es Wissenschaftlern gelungen, das Verletzungsrisiko zu minimieren. Toshihara, Leiter von Robot Sensor System Research bei RIKEN hofft, sein Robear-Roboter könne Pflegekräfte künftig bei ihrer schweren körperlichen Arbeit entlasten.

Kuscheln 4.0

Wissenschaftlern gehen die Ideen aber noch lange nich aus. Der nächste Clou: Zuwendungsroboter wie die Robbe „Paro“ entlasten Pflegekräfte speziell bei Menschen mit Demenz. Das Hightech-Plüschtier ist mit etlichen Sensoren und einem Prozessor ausgestattet, um auf auf Stimmen, Berührung, Licht und Temperatur zu reagieren. Paro schnurrt, fiept, bewegt die Augen, den Kopf oder die Flossen.

Nach ersten Präsentationen mussten sich Entwickler aus Japan der Kritik stellen, menschliche Wärme durch Technik zu ersetzen und Arbeitsplätze wegzurationalisieren. Im Gegenteil: Die Robbe hilft Pflegekräften sogar, mit demenzkranken Patienten zu kommunizieren und einen gewissen Zugang zu finden. Das zeigen erste Studien. Letztlich profitieren beide Seiten vom Hightech-Tier.

33 Wertungen (4.52 ø)

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7 Kommentare:

Altenpflegerin

Guten Abend, da ich selber in der Pflege arbeite finde ich Neuerungen für die Pflege gut. Da dieser Bereich so empfinde ich oft vernachlässigt wird. Was dann individuell angewendet werden kann, liegt dann auch mit an den Zupflegenden
und den noch zu vorhandenen Fähigkeiten. Leider stehen meist die noch fitten Zupflegenden im Vordergrund und weniger die schwerst Zupflegenden. Den selbst lagernde Matratzen für Bettlägrige aus verschiedensten medizinischen Gründen die eine wirkliche Erleichterung für Pflegekräfte und Zupflegende darstellen können gibt es schon auf de Markt sind aber fast gar nicht zu bekommen von den Krankenkassen. So das durch intensive Lagerungspolitik die zeit weise notwendig ist trotz Schmerzmed. und mehr Pflegepersonalaufwand trotzdem noch unangenehm für den zu Pflegenden ist auf Grund des Positionswechsel der für ihn zu schnell erfolgt. oder sich in seiner ruhe durch das lagern gestört fühlt. und dann schon abwehrend bei normalen Kontrollgängen oder anderen Arbeiten reagiern aus angst vor dem Positionswechsel.

#7 |
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Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

Ich finde die Geräte zur Hilfe zu nehmen und einzusetzen wenn Sie nötig sind richtig, aber eine Lebende Person können Sie nicht ersetzen und Geräte können auch mal klemmen oder versagen. Ohne Gemeinschaftliche Hilfe von den Menschen geht es nicht.

#6 |
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Gast
Gast

Ich habe das Gefühl, dass keiner, der hier negativ über Paro kommentiert, richtig gelesen oder das Video gesehen hat. Es wird EXPLIZIT gesagt, dass es nicht darum geht, echte Tiere, menschliche Nähe zu ersetzen, sondern um eine Ergänzung dort, wo echte Tiere ihre Grenzen haben(Bewohner beruhigen, wenn sie ins Bett sollen etc). Aus eigener Erfahrung weiß ich wie es ist mit dementen Patienten umzugehen, die zu der hier viel geforderten menschlichen Nähe oder eben Tieren keinen Zugang mehr bekommen. Gerade in solchen Fällen könnte ein Roboter wie Paro Zugang schaffen – aber das wird sicher nicht passieren, wenn so viele Leute das kategorisch ablehnen, bevor sie sich wirklich damit befassen konnten.

#5 |
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Dr. Ina Weiß
Dr. Ina Weiß

Ein sehr schönes Video über Paro. Ich persönlich mag Tiere im Prinzip, aber echte Tiere sehe ich mir lieber mit Abstand an. Es gibt sicher auch viele andere Menschen, die Paro im Altersheim einem echten Hund oder einer echten Katze vorziehen würden. Man kann ja beide Varianten anbieten. Und weder Paro noch der echte Hund ersetzen die Pflegekraft, darum ging es auch gar nicht.

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich fände es auch sehr gut, wenn ein Roboter beim Heben, Tragen und Bücken Pflegekräfte entlasten könnte und diese sich dann auf die Aufgabe Kontakt und Aktivierung konzentrieren könnten, aber so wird es nicht laufen.
Es werden PflegerInnen entlassen werden ” reicht ja auch eine für 3 Stockwerke, wenn der Roboter alles macht”.
In Privathaushalten wäre die Situation aber anders, da wären Roboterassistenten eine große Entlastung für die Pflegende ( ja, sind meistens Frauen ).
In Japan findet man Roboter aber grundsätzlich “kawaii”. Dystopien mit Robotern sind eher fremd. Zumal sich Frauen wegen ihres Schamgefühles ungern von fremden Menschen ( und gar Männern!) bei der Körperpflege helfen lassen. Außerdem geht man davon aus, dass hochentwickelte Maschinen eine Art Seele besitzen. Alles gute Voraussetzungen, um mit Robotern klar zu kommen. ;)

#3 |
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In Japan ist die Selbstmordrate unter allen Bevölkerungsschichten weltweit am höchsten, wen wundert es, wenn man das liest. Horrorvorstellung. Ich finde es sinnvoll, die Pflegekräfte durch moderne Technologien körperlich zu entlasten, damit sie ihr menschliches Potential besser verwirklichen können. Es wird aber sicherlich darin münden, dass noch mehr Arbeitsstellen abgeschafft werden und höhere Anforderungen an die technische Pflegeausbildung gestellt werden, dass schließlich niemand mehr den Job machen möchte. Meine Urgroßmutter hatte 12 Kinder, hat körperlich schwer in der Landwirtschaft gearbeitet, nie Medikamente genommen und wurde 108 Jahre alt. Sie lebte und starb im Kreis der Familie.
@Herr Haaker, danke für Ihren Beitrag

#2 |
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Dipl.-Inf.Wirt Michael Haaker
Dipl.-Inf.Wirt Michael Haaker

Na ja…einfach mal die Tierheime scannen und nach liebevollen und mit dem Menschen seit über 50.000 Jahren vertrauten HUNDEN suchen die wie wir wissen bei älteren Menschen gut ankommen und tatsächlich leben und nicht ein solches vorgaukeln wäre ja auch zu einfach. Und ist – leider – auch kein “Markt”

Auch ein paar menschliche Arbeitskräfte zur Entlastung der Teams einstellen wäre ja mal ein Gedanke den man angesichts eines Heers von weltweit Arbeitssuchenden mal etwas weiter spinnen könnte.

Aber wir scheinen aktuell dem Digitalisierungswahn zu erliegen, und kritische Stimmen werden schnell als “rückschrittlich”, Zukunft blockierend etc verortet.

Für schweres heben, Räume reinigen etc. sind Roboter sicherlich den einen oder anderen Gedanken wert, nur sollten wir uns so langsam entscheiden in welche Welt wir unsere Kinder entlassen wollen und von wem wir eines Tages gepflegt werden wollen. Einen interessanten Ausblick hat die Schwedische SF Serie “Echte Menschen” schon mal ermöglicht, mehr hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Real_Humans_–_Echte_Menschen

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