Hydroxycitrat: Können Nierensteine abschmelzen?

29. August 2016
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Seit 30 Jahren hat sich das Vorgehen zur Prävention von Nierensteinen kaum verändert. Jetzt haben Ingenieure eine Substanz entdeckt, die dazu beiträgt, Nierensteinen effektiv vorzubeugen. Sie hemmt nicht nur das Wachstum der Steine, sondern löst diese sogar auf.

Nierensteine sind kleine, harte Ablagerungen von Kristallen, die sich in der Niere bilden. Sie treten bei bis zu 12 Prozent der Männer und sieben Prozent der Frauen auf – mit steigender Tendenz. Risikofaktoren sind ein hoher Blutdruck, Diabetes und Adipositas. Ist bereits einmal ein Nierenstein aufgetreten, liegt die Wahrscheinlichkeit eines Rezidivs bei 60 Prozent. Zu Komplikationen kann es kommen, wenn die Steine in den Harnleiter wandern und dort zu einer Nierenkolik führen, die mit starken Schmerzen, Blut im Urin und der Gefahr einer Nierenschädigung verbunden ist.

In den letzten 30 Jahren hat sich das Vorgehen zur Vorbeugung von Nierensteinen kaum verändert. Ärzte empfehlen Patienten mit einem erhöhten Risiko meist, viel zu trinken und oxalathaltige Lebensmittel zu meiden. Denn die Mehrzahl der Nierensteine – etwa 65 Prozent –besteht aus Calciumoxalat. Zu den oxalatreichen Lebensmitteln gehören Rhabarber, Okra, Spinat, Rüben und Mandeln, aber auch Schokolade, Kaffee sowie schwarzer Tee.

 

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Bild eines Nierensteins. © University of Houston

Eine weitere Empfehlung lautet, Citrat (CA) in Form von Kaliumcitrat einzunehmen, welches das Kristallwachstum verzögern kann. So zeigt eine aktuelle Review, dass Kaliumcitrat die Neubildung von Nierensteinen verhindern und die Größe der Steine verringern kann. Allerdings werden auch Nebenwirkungen beschrieben – hauptsächlich Störungen des oberen Verdauungstrakts. Etwa 16 Prozent der Patienten brechen die Einnahme wegen Nebenwirkungen ab. Weiterhin muss bei Kaliumcitrat auch das Risiko einer Hyperkaliämie beachtet werden.

Natürliches Fruchtextrakt löst Kristalle auf

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Ingenieur Jeffrey Rimer leitete die Studie. © University of Houston

Nun hat ein Forscherteam einen möglichen alternativen Wirkstoff zu Kaliumcitrat entdeckt. Die Wissenschaftler um Jeffrey Rimer von der Fakultät für chemische und biomolekulare Technologie an der Universität Houston (USA) konnten erstmals zeigen, dass die chemische Verbindung Hydroxycitrat (HCA) das Wachstum von Calciumoxalat-Kristallen effektiv hemmt – und sie unter bestimmten Bedingungen sogar auflöst. Die Entdeckung könnte dazu beitragen, neue Ansätze zur Vorbeugung von Nierensteinen zu entwickeln, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift „Nature“. An der Studie waren auch Mitarbeiter der Firma Litholink beteiligt, die Urintests zur Diagnose von Harnsteinen entwickelt und anbietet.

Hydroxycitrat ist chemisch mit Kaliumcitrat verwandt. Es ist ein natürliches Fruchtextrakt und wird auch als Nahrungsergänzungsmittel angeboten. In ihrer Untersuchung verglichen Rimer und seine Kollegen die beiden Substanzen mithilfe verschiedener Verfahren. Zunächst analysierten sie mithilfe der Atomkraft-Mikroskopie das Wachstum von Calciumoxalat-Kristallen unter realitätsnahen Bedingungen. Mit diesem Verfahren lässt sich das Kristallwachstum in Echtzeit mit einer Auflösung auf nahezu molekularer Ebene beobachten. Bei ihren Analysen beobachteten die Forscher, dass die Kristalle bei bestimmten Konzentrationen von HCA schrumpften. Rimer hielt diese Beobachtung zunächst für einen Messfehler, weil sich Kristalle normalerweise in einer stark übersättigen Lösung nicht auflösen. Doch weitere Tests ergaben, dass das ursprüngliche Ergebnis richtig war.

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Das Wachstum von Calciumoxalat-Kristallen (links) wird durch Citrat (CA) und Hydroxycitrat (HCA) beeinflusst. © University of Houston

HCA bindet stärker an Kristalloberfläche als CA

Im nächsten Schritt analysierten die Wissenschaftler die Ursachen für diesen Prozess. Mithilfe der Dichtefunktionaltheorie (DFT) untersuchten sie, wie sich HCA und CA an Calcium und Calciumoxalat-Kristalle binden. Die DFT ist eine sehr genaue computerbasierte Methode, mit der sich Struktur und Eigenschaften von Materialien analysieren lassen. Die Berechnungen zeigten, dass HCA eine stärkere Bindung mit der Kristalloberfläche eingeht als CA und so eine Spannung erzeugt, die offenbar dazuführt, dass sich Calcium- und Oxalat-Ionen lösen. Dieser Prozess führt letztlich zur Auflösung der Kristalle.

Schließlich testeten Rimer und sein Team an sieben gesunden Probanden ohne Nierensteine, ob HCA mit dem Urin wieder ausgeschieden wird – eine Voraussetzung, um es als Medikament einzusetzen. Die Teilnehmer nahmen die Substanz drei Tage lang in einer üblichen Dosis ein. Dabei zeigt sich, dass eine erhebliche Menge HCA mit dem Urin wieder ausgeschieden wird.

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Oben: Das atomkraftmikroskopische Bild eines Calciumoxalat-Kristalls in einer Hydroxycitrat-Lösung zeigt die schichtweise Auflösung im Zeitverlauf. Unten: Die Anlagerung von Hydroxycitrat an die Kristalle erzeugt eine Spannung, die schließlich zur Auflösung der Kristalle führt. © University of Houston

Untersuchungen am Menschen notwendig

„Unsere ersten Ergebnisse sind vielversprechend und bilden die Grundlage, um einen neuen, effektiven Wirkstoff zur Vorbeugung von Nierensteinen zu entwickeln“, sagt Rimer. „Wenn die Auflösung der Kristalle ähnlich wie in unseren Laboruntersuchungen auch beim Menschen funktioniert, hat HCA ein großes Potential, das Auftreten von Nierensteinen und chronischen Nierenstein-Erkrankungen zu reduzieren.“

Da Hydroxycitrat potenter wirkt als Kaliumcitrat, könnte es in Zukunft die bevorzugte Substanz zur Vorbeugung von Nierensteinen sein. Darüber hinaus könnte es für Patienten geeigneter sein, die einen alkalischen Urin haben. Denn Kaliumcitrat erhöht den pH-Wert des Urins, was die Bildung von Calciumphosphat-Steinen – einer anderen Art von Nierensteinen – begünstigt.

Allerdings seien im Moment noch viele Fragen offen, die in weiteren Studien überprüft werden müssten, betont Rimer: So müsse die Wirksamkeit von HCA in klinischen Studien untersucht, eine geeignete Dosis gefunden und die langfristige Sicherheit des Wirkstoffs überprüft werden. Derzeit ist HCA in Kapselform als Appetitzügler erhältlich. Seine genaue Wirkweise ist bisher jedoch nicht wissenschaftlich untersucht.

92 Wertungen (4.68 ø)

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12 Kommentare:

Dipl.oec-troph.J.Ritschel
Dipl.oec-troph.J.Ritschel

Ein hoffnungsvoller Ansatz der Therapie, wenn weitere Studien den Effekt bestätigen. Was ich in dem Beitrag leider gar nicht erwähnt sah ist das Problem, des Zuwenig Trinkens .Ein zu geringes Harnvolumen wird als Hauptrisiko einer Urolithiasis- unabhängig von der Steinart- gesehen. Die erwünschte Harnmindestmenge sollte bei diesen Patienten bei 2-2,5ltr. liegen. Harnalkalisierende Getränke wie Zitrussäfte und HCO3 haltige (mind.1500mg/l) Mineralwässer sind sehr empfehlenswert. Es lohnt sich da tatsächlich über die Ernährung auf den Urin ph Wert Einfluss zu nehmen. Leider haben die Betroffenen oftmals Bedenken bezgl. des erhöhten Toilettenbesuchs, besonders zur Nachtzeit. Durch das Antrainieren eines über den Tag gleichmäßig verteilten Trinkverhaltens, auch bis zum Zubettgehen (!)können somit die Verdünnungseffekte herbeigeführt werden, die das Auskristallisieren stark reduzieren. Vielleicht ja mit dem zitierten Allrounder Ackerschachtelhalm(tee)…Das Zuwenig-Trinken ist ein allgemeines Problem Vieler im Alltag. Möglicherweise wären dann auch weniger Oxalatsteine zu behandeln….

#12 |
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Gast
Gast

Uralyt gibt es seit jahren…

#11 |
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Prof. Günter Wagner
Prof. Günter Wagner

@ Herrn Becker
hätten Sie nicht die Antwort an mich verfasst, bin ich überzeugt, dass veile Leser Ihren Beitrag ernst genommen hätten. Wetten?

#10 |
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Gast
Gast

Ich kannte ebenfalls nur die Rasterkraftmikroskopie, die Atomkraftmikroskopie ist zwar ein Synonym dafür, wie man schnell herausfindet, aber der Name ist meiner Meinung nach recht unglücklich gewählt.
Ist wohl das gleiche wie Dihydrogenmonoxid…

#9 |
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Nichtmedizinische Berufe

@jörg zink: Ja so was!

#8 |
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Christian Becker
Christian Becker

@Prof. Wagner
Och, schalten Sie doch mal Ihren Humor ein!

#7 |
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Medizinischer Fachhändler

Eine Pflanze hilft oft mehr wie viele synt. Medikamente.
In diesem Fall ist es der Ackerschachtelhalm.
Er lässt die Nieren gesunden. Nierengries und Nierensteichnen werden natürlich aufgelöst und dann ausgeschieden.
Zudem hilft er bei collagenen Problemen, für Haut, Haare und Knochen.
Dank seiner Kieselsäure …………….

Schachtelhalmkraut wird darüber hinaus traditionell eingesetzt bei Bartflechte, Blutungen, chronischer Bronchitis, allgemeinen Durchblutungsstörungen, Fisteln, Frostschäden, Geschwüren, Gicht, Haarausfall, Hämorrhoiden, Lungentuberkulose, Lupus vulgaris, zu starker Menstruation, Nagelbettentzündung, Nasenbluten, Rheuma, Schnittwunden, Schweißfüßen, Schwellungen und Weißfluss.

#6 |
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Prof. Günter Wagner
Prof. Günter Wagner

zum Kommentar von Herrn Becker:
Atomkraft-Mikroskopie ist lediglich ein Messverfahren, welches eine Mess-Auflösung (meist kapazitiv) bis hinunter zu einzelnen Atomen anbietet. Es hat nicht das Gerinste mit der Energieversorgung aus Kernkraft zu tun.
Nur so zur Klarstellung……

#5 |
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dr gabriela Förster
dr gabriela Förster

Ich habe Mitte der 80iger Jahre meine Dissertation zu der Thematik verfasst. Tägliche Orangensaftzufuhr hat ebenfalls Signifikanz auf die Alkalisierung und Citratausscheidung.

#4 |
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Dr. med Siegfried Schlett
Dr. med Siegfried Schlett

Liebe Leser,
die Untersuchungen zum Kaliumzitrat sind älter. Es hat eine signifikante Wirkung auf die Alkalisierung und Zitratausscheidung im Urin während Kurz- oder Langzeittherapie mit Veränderungen in der Urinzusammensetzung für zum Teil für einen Zeitraum von 14 Jahren. Außerdem bewirkt die Therapie mit Kaliumzitrat einen signifikanten Rückgang der Steininzidenz, was besonders für Patienten mit rezidivierender Nephrolithiasis von Bedeutung ist. Einfach Kaliumcitrat in Kapsel- oder Pulverform verordnen. Kaliumserumkontrolle erbeten.
Robinson MR et al. Impact of long-term potassium citrate therapy on urinary profiles and recurrent stone formation. J Urol 2009 Mar; 181:1145.

#3 |
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Gast
Gast

in der Leitlinie des Fachbereich Urologie wird bei Calciumoxalat-Steinen als Metaphylaxe die Gabe von Magnesium Citrat empfohlen, es funktioniert wohl sehr gut, Calciumoxalat-Kristalle im Urinsediment sind nach Einnahme von Mg Citrat nicht mehr nachweisbar, auch wenn am Vortag sehr viele vorhanden waren. Wenn man recherchiert fällt auf, dass der genaue Mechanismus unbekannt ist.
G.Schmid, Heilpraktikerin und MTA-Labor

#2 |
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Christian Becker
Christian Becker

Atomkraft-Mikroskopie oder Atom-Kraftmikroskopie? :D
Funktioniert erstere auch, wenn man Strom aus erneuerbaren Quellen bezieht?

Ansonsten sehr interessant.

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