Gesundheitskarte: Viel Trara um die eGK

11. März 2011
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Nachdem das Projekt "elektronische Gesundheitskarte" wiederholt ins Stocken geraten ist, erhöht der Bundesgesundheitsminister jetzt den Druck auf die Krankenversicherer. Apotheker hingegen diskutieren Alternativkonzepte, um speziell bei multimorbiden Patienten Therapierisiken zu verringern.

In den letzten Jahren gelang es zahlreichen Akteuren, der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) immer wieder den Wind aus den Segeln zu nehmen. Bestes Beispiel ist die Testregion Nordrhein: Hier sollten eigentlich schon längst neun Millionen Versicherte mit dem Kärtchen ausgestattet worden sein. Stattdessen kriecht der Stapellauf, auf Neudeutsch Rollout, im Schneckentempo voran: Lediglich 25.000 Stück hatte die regionale AOK ausgegeben, und das bei rund drei Millionen Versicherten.

Und bist du nicht willig…

Jetzt sprach Gesundheitsminister Philipp Rösler ein Machtwort, was durchaus erstaunen mag. Gerade die FDP, einst entschieden gegen das Projekt, bestimmt auf einmal das weitere Marschtempo. Schließlich waren es die Liberalen, die sich noch bei der Formulierung des Koalitionsvertrags für ein Moratorium aussprachen.

Ein rasch formulierter Änderungsantrag zur Gesundheitsreform hat auch Zwangsmaßnahmen den Weg geebnet: Schaffen es die Krankenkassen nicht, bis Ende 2011 mindestens zehn Prozent der Versicherten mit dem verhassten Kunststoff auszustatten, werden sie selbst zur Kasse gebeten. Die Rede ist von Strafzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe. Da Rücklagen in diesem Umfang bei etlichen Institutionen fehlen, müssten diese anderweitig reagieren, sei es durch Personalabbau oder durch eine Kürzung freiwilliger Leistungen.

Apotheken: Glimpflich davongekommen…

Momentan werden Apotheken von der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte wenig merken. Keine Investition in technische Komponenten, keine Schulung von Angestellten, keine noch längeren Schlangen im HV, weil der Abruf digitaler Rezepte vom Zentralrechner doch länger dauert als erwartet. Glück gehabt, äußern sich Kollegen, dass zumindest dieser sprichwörtliche Kelch an den Apotheken vorüber gegangen ist. Dennoch sieht das Konzept der Betreibergesellschaft gematik vor, weitere Komponenten sukzessive freizuschalten. Und dazu werde als eines der ersten Zusatzpakete das elektronische Rezept gehören, vermuten Fachleute.

…oder Chance vertan?

Die Kehrseite der Medaille: Gerade in punkto Arzneimittelsicherheit hätte das umstrittene Stück Plastik schon zur Einführung einen wesentlichen Beitrag leisten können. Zahlreiche aktuelle Studien umreißen das Grundproblem: Ältere Patienten nehmen pro Tag mindestens fünf Arzneistoffe ein. Und über zwei Drittel der gesetzlich Versicherten bekommen ihre Rezepte von mehreren Ärzten. Diese wiederum sind meist nicht über Verordnungen der Kollegen informiert. Das hat Folgen: Bis zu sieben Prozent der Krankenhauseinweisungen führt die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände auf Arzneimittelneben- oder -wechselwirkungen zurück. Bei geriatrischen Patienten gehen Apotheker sogar von etwa 30 Prozent aus.

Alternativen gesucht

Nachdem die eGK jedoch weiter im Schneckentempo durch deutsche Lande kriecht, entwickeln sich Alternativkonzepte. Experten bringen beispielsweise die Hausapotheke wieder ins Spiel: „Ärzte und Apotheker können hier zusammenarbeiten, um die Arzneimitteltherapie sicherer zu machen. Eine Voraussetzung ist, dass Patienten möglichst alles aus einer Apotheke beziehen, einschließlich der Selbstmedikation“, so Dr. Andreas Kiefer, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts (DAPI).

Auch bei diesem Konstrukt steht die Erfassung der Medikamente an der Schnittstelle von Praxis und Apotheke im Vordergrund. „Dafür brauchen wir eine gemeinsame Datenbank“, so ABDA-Chef Heinz-Günter Wolf. In dieses digitale Verzeichnis sollten dann nicht nur Daten über Rx-Arzneimittel, sondern auch über Präparate aus der Selbstmedikation. Immerhin führten OTCs in 20 Prozent der Fälle zu Interaktionen mit ärztlich verordneten Wirkstoffen.

Genau diese Komponenten wären aber auch beim gematik-Projekt vorgesehen gewesen. Solange es die zentrale Erfassungsmöglichkeit nicht gibt, müssten Patienten eben immer zu den gleichen Ärzten gehen und ihre Präparate in der gleichen Apotheke inklusive Beratung abholen. Und das ist nicht einmal unwahrscheinlich: „83 Prozent der chronisch Kranken haben inzwischen eine Stammapotheke“, so Wolf. Bei den Medizinern sei der Anteil der „Stammärzte“ sogar noch höher.

eGK Marke Eigenbau

Im kleinen Stil haben etliche Apotheken das Konzept eigener Gesundheitskarten schon längst umgesetzt. Kundenkarten, mittlerweile Gang und Gäbe, erfassen genau diese Informationen. Kürzlich präsentierte das Centrum für Reisemedizin (CRM) zudem eine Speicherkarte mit Notfalldaten und integrierter Schnittstelle zum Internet. Zahlreiche Apotheken empfehlen das Produkt bereits jetzt Weltenbummlern mit chronischen Erkrankungen und dementsprechend komplexer Medikation, um im Notfall auch in fernen Ländern alle Informationen parat zu haben.

Vorteile hätte die eGK aber auch nicht nur Patienten bieten können, sondern auch Approbierten und PTA, vor allem zur Vermeidung von Rezeptfälschungen. Durch die Fachpresse geistern immer wieder Warnungen, die von gestohlenen Rezeptblöcken bis hin zum „Nachbau“ von Vordrucken am heimischen Computer reichen. Mit entsprechend verschlüsselte Rezeptdateien wäre diesen Betrügern ein für alle Mal das Handwerk gelegt worden.

Die Industrie gerät an ihre Grenzen

Parallel dazu geht die Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarten in kleinen Schritten weiter. Doch allein die technischen Rahmenbedingungen sind fraglich: Reichen die Ressourcen, um in den nächsten Monaten mindestens sieben Millionen der umstrittenen Plastikteile zu pressen? Können ausreichend viele Kartenleser für Kliniken und Praxen produziert und auch installiert werden? Nach Ansicht vieler Kassen ist das unwahrscheinlich. Die Folge: Versicherte hätten im schlimmsten Fall zwei Karten, und es drohe Chaos in den Praxen, so Doris Pfeiffer, Chefin des Kassen-Spitzenverbandes. Vor allem sieht Pfeifer aber technische Probleme bei neuen Funktionen. „Das heißt, die Kassen müssen eine eGK ausgeben, von der sie bereits heute wissen, dass sie diese austauschen müssen, sobald die nutzbringenden Online-Anwendungen starten.“

Mehrwert fraglich

Doch was kann die eGK tatsächlich von Beginn an leisten? Aus Sicht von Apothekern und Ärzten ist der Funktionsumfang mager. Zunächst beginnt man lediglich mit den Versichertendaten, gegebenenfalls ergänzt durch simple Speichermöglichkeiten für Notfallinformationen. Das elektronische Rezept sowie weitere medizinische Anwendungen würden „zunächst zurückgestellt, bis praxistaugliche und sichere Lösungen vorgelegt werden“, betont das Bundesgesundheitsministerium in einem Pressetext. Die Telematikinfrastruktur sei aber so konzipiert, dass neue Anwendungen je nach Bedarf zugeschaltet werden könnten. Und mit der Onlineanbindung rechnen Experten frühestens in 2012. Dann kommen Apotheken vielleicht erneut ins Spiel.

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3 Kommentare:

Medizinjournalistin

Was sollte denn mit der Datenverfügbarkeit erreicht werden? Ganz eindeutig doch ein Einsparvolumen. Dafür aber müssten alle Patienten-Daten zusammengetragen werden und für jeden Krankheitsfall verfügbar sein. Doch macht man sich einmal die Mühe und arbeitet sich bis zu den tiefsten Verästelungen und Varianten der elektronischen Datenspeicherung für Patienten vor ergibt sich, dass es gerade an einer umfassenden Dokumentation aller notwendigen Daten fehlt:
Da gibt es die elektronische Gesundheitsakte (EGA) bzw. elektronische Gesundheitskarte (eGK) und im Gegensatz dazu die elektronische Patientenakte (EPA). Es ist verwirrend, welche Chancen und Möglichkeiten hier für eine bessere medizinische Versorgung versprochen werden.
Der wesentliche Unterschied liegt in der Berechtigung, gesundheitsbezogene Daten einer Person zu erheben, zu dokumentieren und zu speichern bzw. später darauf zugreifen zu können.
Bei der EGA bzw. der eGK liegt die alleinige Verfügungsgewalt beim Patienten. Alle Daten können nur mit Einwilligung des Patienten hinterlegt werden. Der Patient entscheidet, wer welche Daten in seiner Akte speichert und ändert und wer welche Informationen einsehen und nutzen darf. D.h. für den Notfall fehlt eine lückenlose Patienten-Prozess-Dokumentation! Dieser Aspekt wird oft ¿einfach unter den Tisch gekehrt¿.
Dagegen wird die EPA wie auch andere aktuelle Patienten-Prozess-Dokumentationen von Ärzten in Klinik und Praxis geführt; dort wird der Behandlungsverlauf dokumentiert.
Praxisrelevant ist dies z.B. im Rahmen des Überleitungsmanagements bzw. des Patienten-Entlassungsmanagements. Dort stellt diese Prozessdokumentation detaillierte Informationen über alle Behandlungsschritte dar. Sowohl im Krankenhaus als auch zukünftig wohl in den Reha-Einrichtungen ist die Prozessdokumentation eine Anforderung der DRG¿s. Der MDK z.B. prüft, ob die DRG-Eingruppierung korrekt war, d.h. ob die obere bzw. untere Grenzverweildauer etc. notwendig war bzw. ob ggf. eine ambulante Behandlung möglich gewesen wäre.
Das Lamento der Medien, der niedergelassenen Ärzteschaft und verschiedener Krankenkassen hinsichtlich einer lückenlosen elektronischen Patienten-Prozess-Dokumentation zielt immer in die gleiche Richtung: Mögliche Verletzung des Datenschutzes, ¿der gläserne Patient¿ usw. Was allzu leicht übersehen wird, sind die Vorschriften des SGB V §§ 301 und 302. Danach werden patientenbezogene medizinische Daten rechtmäßig dokumentiert und an die Krankenkassen bzw. die Rentenversicherungsträger gemeldet. Sie dienen eben gerade jener Nachprüfbarkeit der Sinnhaftigkeit des Behandlungsablaufs durch den MDK, ob das Krankenhaus, die Reha-Einrichtung oder die Tagesklinik die Behandlung zweckmäßig durchgeführt hat. Der gläserne Patient existiert längst und ob man ihm nun über die eGK das ¿gute Gefühl¿ gibt, Herr seiner Daten zu sein, ist allenfalls eine Frage von ¿Opium für das Volk!¿. Zur Transparenz der Kosten und damit auch zu deren Reduzierung, trägt eine vom Patienten zu bestimmende Datenerhebung und ¿verwaltung in keinem Falle bei. Im Gegenteil, man könnte es als reine Geldverschwendung anprangern! Was sich ja auch an der langen Einführung bzw. Nicht-Einführung der elektronischen Gesundheitskarte in Deutschland zeigt.

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Apotheker Wolfgang Frey
Apotheker Wolfgang Frey

Ich hoffe immer noch, daß wir keinen “gläsernen” Patienten bekommen, welchem seine Krankheit letztlich noch vorgerechnet und somit rationalisiert wird.

#2 |
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Apotheker

DAS Problem bleibt das selbe: Die Sicherheit der Daten.
Nicht mal in schweizer Banken klappt das.

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