3GCREB-Keime: Sagt mal, wo kommt ihr denn her?

23. August 2016
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Um besser zu verstehen, warum multiresistente Erreger in Krankenhäusern so verbreitet sind, testete man in einer Studie nun Patienten zum Zeitpunkt der Klinikaufnahme. Das frappierende Ergebnis: Jeder zehnte Patient war bereits vor Aufnahme mit den Keimen belastet.

„Dass fast jeder zehnte Patient mit multiresistenten Keimen besiedelt ist, wenn er in der Klinik ankommt, war für uns überraschend“, erklärt Dr. Axel Hamprecht von der Uniklinik Köln. Er und Prof. Harald Seifert koordinierten zusammen mit Kollegen der Charité Berlin diese Studie, an der sich sechs deutsche Universitätskliniken beteiligten. Darunter die Unikliniken in Freiburg, Lübeck, München und Tübingen.

Über 4.000 Erwachsene wurden bei Klinikaufnahme anhand von Stuhlproben oder Rektalabstrichen auf multiresistente Enterobakterien untersucht. Besonderes Augenmerk legten die Forscher in ihrer Untersuchung auf eine Gruppe von multiresistenten Bakterien, die häufig in Krankenhäusern Probleme bereiten. Dabei handelt es sich um die 3. Generations-Cephalosporin-resistenten Enterobakterien (3GCREB).

Diese multiresistenten Darmbakterien, die unter anderem gegen Cephalosporine resistent sind, haben sich in den vergangenen Jahren weltweit ausgebreitet. Die neueren Cephalosporine der dritten Generation wirken gegen ein breites Spektrum an Bakterien und gehören zu den am häufigsten eingesetzten Antibiotika. Doch die Bakterien setzen sich zur Wehr und haben im Laufe der Zeit ein Enzym erworben, die Beta-Laktamase, das diese Antibiotika unwirksam macht. Enterobakterien werden durch Schmierinfektion, meistens über Fäkalien oder über Lebensmittel, übertragen.

Keim-Häufigkeit variierte

Von den 4.376 Erwachsenen, die bei Aufnahme in eine der beteiligten Kliniken auf die 3GCREB-Keime untersucht wurden, waren 416 Träger dieser multiresistenten Keime. Diese Häufigkeit war bisher in Deutschland nicht bekannt. Besonders häufig fanden die Wissenschaftler Escherichia coli-Bakterien, welche Beta-Laktamasen produzieren, bekannt unter dem Namen ESBL-Enterobakterien. Die Häufigkeit der multiresistenten Keime war von Klinik zu Klinik unterschiedlich.

Um ursächliche Faktoren für die Besiedelung mit diesen Bakterien aufzudecken, beantworteten die Patienten ergänzend einen Fragenkatalog zu bisherigen Klinikaufenthalten oder Lebensgewohnheiten. „Patienten nach Antibiotika-Einnahme und Reisende außerhalb Europas sind gefährdeter“, nennt Hamprecht zwei wichtige Ergebnisse.

Mehr Hygiene und weniger Antibiotika

Was kann getan werden, um die multiresistenten Keime möglichst frühzeitig aufzuhalten? „Bei so vielen Betroffenen funktioniert die Strategie einer Isolation innerhalb des Krankenhauses nicht mehr“, ist sich Hamprecht sicher. Zudem gebe es bei 3GCREB im Gegensatz zu anderen multiresistenten Bakteriengruppen wie MRSA-Stämme keine etablierten Sanierungsmöglichkeiten.“

Stattdessen empfehlen Hamprecht und Seifert bessere Hygienemaßnahmen in Kliniken und Praxen, einen rationalen Umgang mit Antibiotika sowie insbesondere eine Reduktion nicht gerechtfertigter Antibiotika-Gaben und mehr Schulungen für Ärzte.

Originalpublikation:

Colonization with third-generation cephalosporin-resistant Enterobacteriaceae on hospital admission: prevalence and risk factors
Axel Hamprecht et al.; The Journal of Antimicrobial Chemotherapy, doi: 10.1093/jac/dkw216; 2016

18 Wertungen (4.17 ø)

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7 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpfleger

Hygiene und Keimfreiheit interessiert wenig – Lösung trotzdem in Sicht
http://www.anokath.com/news/wir-alle-schleppen-keime-ins-pflegeheim

#7 |
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Wundert sich da wirlich jemand über das Ergebnis? Es bestätigt nur für eine weitere Gruppe von (Problem-)Keimen, die alte (>15 J) Erkenntnis, dass sie ganz häufig mitgebracht werden. Siehe dazu auch: Von Eiff et al., NASAL CARRIAGE AS A SOURCE OF STAPHYLOCOCCUS AUREUS BACTEREMIA, N Engl J Med, Vol. 344, No. 1 January 4, 2001, pp 11-16.
Wir Ärzte dürfen “nur” die Weiterverbreitung nicht zulassen.

#6 |
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Keine Überraschung. Die Keime kommen mit den Menschen in die Klinik. Wie wäre eine gründliche Händedesinfektions- Empfehlung bei/ vor dem Betreten der Klinik für Alle? Das Bewußtsein für das Infektionsrisiko muß bei allen angehoben werden, statt Schuld zuzuweisen. In der Tierzucht wäre ein jährlicher Rückgang der Antibiotika- Anwendung von 5% vorzuschreiben vom Gesetzgeber analog der Spritverbrauchsreduktion die R. Reagan für Automobile gesetzlich verordnete nach der Bleientfernung aus dem Benzin.

#5 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Billiger als Isolierstation in den Niederlanden:
– kein Händeschütteln auf der Station.
– Blutabnahmen bei guten Venen: Punktionsstelle nicht abtasten, da anschl. Desinfektion z.B. bei Hepatitsviren nicht ausreicht – und Tupfer mit unberührter Seite auf die Einstichstelle drücken, nicht wischen und nicht mehr wechseln.
– Türklinken alle 2 – 3 Stunden desifizieren.

#4 |
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Norbert Siebrasse
Norbert Siebrasse

Solange Antibiotika systematisch aus Profitgründen in der Tiermast eingesetzt werden und bei der Krankenhaushygiene aus den gleichen Gründen gespart wird(am Reinigungspersonal wird gespart),ist dieses Ergebnis nicht verwunderlich.Der praktizierte Neoliberalismus braucht viel stärkere Vorgaben…

#3 |
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Gerd Momper
Gerd Momper

Man muss das Übel beim Grund anpacken. Bei der falschen Antibiotikagabe fängt es an. Bei der nicht aufgeklärtheit der Patienten und damit einhergehenden falschen Einnahme der Medikamente geht es weiter.

#2 |
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Reinhold Eysel
Reinhold Eysel

Ist KEINESWEGS überraschend diese Zahl von Infizierten!!!
In niederländischen Kliniken wird GRUNDSÄTZLICH
jeder Patient der aus D. stammt zunächst auf die Isolierstation eingeliefert und auf MRSA usw. getestet. Und erst bei “negativ” auf Normal-Station gebracht.
Da wäre eine solche Zahl problemlos abzugreifen gewesen.
In der Uniklinik Regensburg (und nicht nur dort) wird “ähnlich”,
wenn auch nicht ganz so konsequent-restriktiv vorgegangen.
Darüber hinaus wird nach wie vor die geübte Praxis, die nicht alleinige aber GROSSE Verantwortlichkeit der Tierärzte, Tierzüchter für diese Problematik WEITESTGEHEND “klein geredet”. –
Wie formulierte ein Infektologe mir gegenüber DRASTISCH schon vor vielen Jahren??? “80% der Antibiotika-Verordnungen beim Menschen und 90% der Antibiotika-Gaben in der Tiermedizin sind VORSÄTZLICHE Körperverletzung.
Denn die Ärzte MÜSSTEN es EIGENTLICH besser WISSEN.”

#1 |
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