Krebs: Ein Erbe, das man nicht ausschlagen kann

31. August 2016
Teilen

Wie unterscheiden sich Ethnien oder Geschlechter beim Krebsrisiko? Und welchen Mehrwert haben Ärzte von entsprechenden Informationen? Diese Fragen beantworten Forscher mit langfristig erhobenen Daten von mehr als 1,3 Mio. Krebsfällen aus der Region Los Angeles.

Für ihren jetzt veröffentlichten Report „Cancer in Los Angeles – Trends by Race/Ethnicity“ haben Wissenschaftler mehr als 1,3 Millionen Krebsfälle von 1976 bis 2012 ausgewertet. In der Region leben unterschiedliche Ethnien – eine wahre Fundgrube für Statistiker, um valide Daten zu analysieren. Sie arbeiten mit dem Los Angeles Cancer Surveillance Program (CSP), einer an der Keck School und am USC Norris Comprehensive Cancer Center angesiedelten Datenbank. Pro Jahr kommen 41.000 neue Aufzeichnungen hinzu.

Nicht nur schwarz oder weiß

Ihr Fazit: Das Risiko maligner Erkrankungen variiert stark mit der Zugehörigkeit zu Bevölkerungsgruppen, mit dem Geschlecht und dem Alter.

uebersicht-cr

Krebsfälle in der Region Los Angeles, 1972 bis 2012. Quelle: University of Southern California

Krebsfälle bei unterschiedlichen Ethnien, jeweils pro 100.000 Einwohner, 1972 bis 2012. Quelle: University of Southern California

Schwarze Männer haben die höchsten, schwarze Frauen die dritthöchsten Gesamtraten an Krebs. Ärzte finden bei ihnen im Schnitt doppelt so häufig maligne Erkrankungen im Vergleich zu asiatischen Bevölkerungsgruppen. Krebs befällt vorrangig die Prostata, die Bauchspeicheldrüse, die Niere, das Knochenmark, die Speiseröhre und der Kehlkopf. Lediglich beim Melanom schneiden schwarze Amerikaner besser ab, was nicht weiter überrascht. Vom Trend gingen maligne Erkrankungen der Prostata, des Ösophagus und des Larynx eher zurück, während Karziniome der Niere an Bedeutung gewannen.

Das höchste Gesamtkrebsrisiko bei Frauen fanden Wissenschaftler unter Hawaiianerinnen beziehungsweise Samoanerinnen. Dazu zählen Brust-, Lungen-, und der Gebärmutterkrebs. Männer innerhalb dieser Ethnie müssen mit dem zweithöchsten Risiko leben, verglichen mit anderen Gruppen. Endometriumkarzinome zeigen zahlenmäßig die stärkste Entwicklung nach oben.

Weiße Nicht-Latinos rangieren hinsichtlich ihres Gesamtrisikos auf Rang drei (Männer) beziehungsweise zwei (Frauen). Im Fokus stehen bei ihnen Melanome, Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphome, Leukämien, Tumoren der Harnblase, der Eierstöcke, des Gehirns und der Hoden. Melanome werden häufiger, während Ovarialkarzinome seltener auftreten.

An vierter Position folgen vietnamesische Frauen und Männer. Onkologen finden bei ihnen besonders häufig Leber- und Zervixkarzinome. Unter allen vietnamesischen Männern nimmt Lungenkrebs die Spitzenposition ein, dicht gefolgt von Darmkrebs. In nächster Zeit könnte sich die Rangfolge umkehren, erwarten Forscher aufgrund ihrer Zahlen.

Bei weißen Latinos sind vor allem Hodgkin-Lymphome und Nierenkarzinome von Bedeutung, Tendenz steigend. Leberkrebs, Hodenkrebs und Schildrüsenkrebs nehmen zahlenmäßig zu, während Zervix- oder Prostatakarzinome seltener auftreten.

crblack

Krebserkrankungen der Lunge, der Bronchien und der Prostata treten bei schwarzen Männern gehäuft auf. Schwarze Frauen leiden häufiger an Zervixkarzinomen. Quelle: University of Southern California

 

crwhite

Weiße beiderlei Geschlechts erkranken häufiger an Melanomen und Non-Hodgkin-Lymphomen. Quelle: University of Southern California

Brustkrebs – ein Dauerthema der Onkologie

Sowohl bei schwarzen als auch bei weißen Frauen fanden Onkologen in den letzten Jahrzehnten häufiger Mammakarzinome. Als Erklärung führen die Autoren des Reports vor allem Mammographiescreenings an: Häufig handelt es sich um Carcinoma in situ. Latinas haben einen deutlich schlechteren Zugang zu Untersuchungsprogrammen. Bei ihnen ist das Brustkrebsrisiko generell niedriger, was an traditionellen Lebensgewohnheiten liegen könnte. Alkohol oder Hormonsupplementationen ab der Menopause sind bekannte Risikofaktoren. Frauen mit japanischen oder philippinischen Wurzeln passen sich eher amerikanischen Gepflogenheiten stärker an. Das macht sich auch beim Brustkrebsrisiko bemerkbar. Der drastischste Trend nach oben zeigt sich bei Koreanerinnen. Eine Erklärung bleiben die Forscher aber schuldig.

cr-white-women

Krebstrends bei weißen Nicht-Latino-Frauen. Quelle: University of Southern California

 

cr-women-korean

Krebstrends bei Koreanerinnen. Quelle: University of Southern California

Ressourcen sinnvoll einsetzen

Bleibt als Frage: Was bringen diese Zahlen für die Praxis? Im Zeitalter knapper Ressourcen lohnt es sich, Screeningverfahren bei Patienten einzusetzen, die davon am meisten profitieren. Schwarze Männer haben mehr von Tastuntersuchungen oder PSA-Tests als ihre weißen Geschlechtsgenossen. Und bei Koreanern beziehungsweise Japanern sollten Ärzte schneller zum Gastroskop greifen, um Magenkarzinome möglichst früh zu entdecken als bei anderen Ethnien. Menschen mit heller Haut haben mehr von dermatologischen Untersuchungen, Stichwort Melanomrisiko.

In Deutschland haben Versicherte ab einem unterschiedlichen Alter Anspruch auf Tastuntersuchungen der Brust, auf Mammographien, Hautkrebs-Screenings oder Prostata-Tastuntersuchungen. Das Problem ist eher, Versicherte zu motivieren. Andere Maßnahmen wie PSA-Tests sind umstritten. Hier liefert die Veröffentlichung auch keine neuen Impulse. Bleibt als Ausblick: Ärzte sollten Ethnien stärker als bislang berücksichtigen. Deutschland ist durch die Flüchtlingsströme ebenfalls zum Einwanderungsland geworden.

79 Wertungen (3.92 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

11 Kommentare:

Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Leider stehen beinahe ALLE (bisherigen) Kommentare zunächst mal stark unter dem Dünkel der “political correctness”! Was soll dieser “soziologische Reflex”?
Ganz klar: auch die Cofaktoren müssen in Studien eine Rolle spielen! Aber hier lautete doch die intentionelle Fragestellung zunächst mal: Wie wirkt sich der Genotyp auf die Krebshäufigkeit aus? Wollen wir uns diese Fragestellung per se NUR aus Gründen der “political correctness” verbieten lassen? Wie dumm wäre das!
Sollen wir dann in Zukunft auch ignorieren, dass es nun mal ethnienspezifische Phänotypen gibt? Der Umkehrschluss wäre: eine Studie zum Beweis, dass der Genotyp NICHTS mit ethnienspezifischen Phänotypen zu tun haben würde …
Ich hasse Denkverbote!

#11 |
  1
Lucas Ziemer
Lucas Ziemer

Erstmal mag die Statistik recht spannend klingen, doch stelle ich mir nicht nur die Frage, ob weiche/Soziofaktoren eine Rolle spielen, sondern sehe ganz klar die Gefahr, diese Arbeit zu kurz gedacht als “Rassenmedizin” zu lesen. Definitiv wird es eine Rolle spielen, wie auch kurz angedeutet, wie der Zugang zu Vorsorgeprogrammen, die Ernährung der Untersuchten und deren Lebensgewohnheiten und Sozialstatus sind. Gerade bei “Krebserkrankungen der Lunge, der Bronchien und der Prostata bei schwarzen Männern […] [und] Zervixkarzinomen [bei] Schwarze Frauen” ist bekannt, dass Faktoren z.B. Nikotinkonsum einen entscheidenden Einfluss haben.

#10 |
  5
Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

zu #6: Könnten ” Risikoverhaltens – und – Ernährungsgewohnheiten” der Ethnien nicht auch etwas mit den Genen zu tun haben ?

#9 |
  0
Medizinische Dokumentarin

wenn in den letzten Jahrzehnten die Mammakarzinomrate kontinuierlich stark zugenommen hat, so wäre es meiner Ansicht zwingend notwendig gewesen, ab einen bestimmten Zeitpunkt
– den Einnahmebeginn von Antikonzeptiva
– Unterbrechungen der Einnahme
– die Gesamteinnahmedauer von Antikonzeptiva
– und eine womöglich sich in der Menopause anschließende HS abzufragen.
Leider scheint dies keinen, nein, ich meine die Pharmaindustrie, zu interessieren :(

#8 |
  3
Medizinischer Fachhändler

das bestätigt nur wieder, daß in den Ländern in denen viel rotes Fleisch gegesen wird , die Rate sehr hoch liegt.

#7 |
  7

Wenns’s um das individuell ererbte Krebsrisiko geht, lösen die ethnischen Zugehörigkeiten bei weitem zu unscharf auf. Hier geht es doch wohl eher um Risikoverhaltens- und -ernährungsgewohnheiten gesellschaftlicher Subgruppen.

#6 |
  3
Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Frau Unbtied (# 1) gibt den ererbten Unterschieden der einzelnen Ethnien m. E. ein zu geringes Gewicht.

#5 |
  2
Gast
Gast

Wo sind die Ergebnisse der Indischen und Thai Population?

Vielen Dank

#4 |
  0
Dr. med. dent. Dietmar Palloks
Dr. med. dent. Dietmar Palloks

Dr.Dietmar Palloks

Alles sehr interessant aber wo ist die Aussage über die Bevölkerungsdichte der einzelnen Ethnien.

#3 |
  3

Eine hochinteressante Statistik. Auch ich denke, daß hier traditionelle ethnische Lebensweisen, vorallem der Ernährung, eine wichtige Rolle spielen. Sehr große Fallzahlen sind für eine bessere Einschätzung vorauszusetzen.
Auch bei uns in Deutschland ist im sogenannten Krebsatlas der Unterschied zwischen den “Fischköpfen” im Norden und den “Haxenessern” im Süden deutlich geworden.

#2 |
  4
Janina Untiedt
Janina Untiedt

Diese Daten sind als statistische Auswertung sicher so erstmal von Interesse. Mich würde aber viel mehr interessieren, was die Ursachen sein könnten. Ernährung? Gewohnheiten? Im Genom noch vorhandene Schwächen, die durch veränderte Umweltbedingungen wieder “ausgeschaltet/angeschaltet” werden könnten (Epigenetik)? Ein Japaner wird sich vermutlich auch in LA noch anders ernähren als ein aus zb englischen Einwanderern hervorgegangener Amerikaner, denke ich. Nun einfach nach Ethnien verteilt bestimmte Vorsorgeuntersuchungen zu machen, finde ich brutal kurzsichtig gedacht. Vielleicht vorrübergehend, ja. Aber weiterdenken…!!

#1 |
  6


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: