Siesta im OP

16. März 2011
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Im Ausland ist alles besser, könnte man meinen, wenn man sieht, wieviele junge Mediziner auswandern. Wir stellen Euch vor, was in Spaniens Krankenhäusern besser läuft - und was fehlt.

Neun Uhr morgens in einem spanischen Krankenhaus. Ich stehe in “Quirófano I” (OP-Saal I) und niemand ist da. Kein Arzt, kein Pfleger weit und breit. Ich gehe zurück auf den Flur und sehe, dass gerade die ersten Patienten für den OP-Trakt vom Bettentransport gebracht werden. Jetzt kommt auch der erste Anästhesist angeschlurft und blättert gähnend, noch mit einer Tasse Kaffee in der Hand, in der Akte seines ersten Patienten. Mehr Ärzte stoßen dazu und es wird sich zunächst lang und breit über die Ereignisse des Bereitschaftsdienstes ausgetauscht. Später, so gegen zehn Uhr, während in Deutschland schon der nächste Patient die ersten Züge Gas inhaliert, wird der erste Schnitt gesetzt.

Zahlen und Fakten

Das spanische Gesundheitssystem ist träge und gemütlich, entbehrt aber dennoch nicht einer gewissen Effektivität und ist im Vergleich zum deutschen deutlich günstiger. Laut OECD werden in Spanien durchschnittlich nur 2.902$ pro Kopf für das Gesundheitssystem ausgegeben. In Deutschland liegt der Wert bei 3.060$ pro Kopf1. Die Gesundheitsausgaben machen damit in Spanien 9% und in Deutschland 10,5% des Bruttoinlandsproduktes aus. Trotzdem haben Spanier mit 78 Jahren und Spanierinnen mit 84 Jahren eine knapp zwei Jahre höhere Lebenserwartung als die Deutschen2,3, und sind durchaus zufrieden mit ihrer medizinischen Versorgung.

Lange Wartezeiten im “Centro de Salud”

Anders als bei uns, gibt es in Spanien praktisch keine niedergelassenen Allgemeinärzte. Die medizinische Grundversorgung wird von sogenannten Centros de Salud aus organisiert. Dabei handelt es sich um Gesundheitszentren in denen Ärzte verschiedener Facharztrichtungen anzutreffen sind und die entweder behandeln oder an einen Facharzt oder ein Krankenhaus weiter überweisen. Bei Unfällen oder akuten Krankheitsfällen geht man in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Da die Wartezeiten in den Centros de Salud allerdings relativ lang sind, gehen viele auch bei fehlender Schwere der Erkrankung in die Notaufnahme, was dort zu Überlastungen führt.

Die Patienten sind trotz allem mit ihrer Versorgung weitgehend zufrieden. Das kann zum einen an der spanischen Mentalität liegen, die langes Warten eher toleriert, aber auch daran, dass die Versorgung subjektiv kostenfrei ist. Während in Deutschland knapp über 10% der Bürger privat versichert sind, funktioniert das spanische Gesundheitssystem fast ausschließlich staatlich. Die Finanzierung wird über die Lohnsteuer realisiert und es müssen noch nicht einmal Gebühren für eine gesetzliche Krankenversicherung bezahlt werden. Geht ein Patient zum Arzt, wird er also “gefühlt” kostenlos behandelt. Hinzu kommt, dass auch die Kosten für Medikamente deutlich günstiger sind. Die Behandlungsqualität leidet bei all dem nur unwesentlich. Die Wartezeiten, zum Beispiel bei elektiven Eingriffen, sind allerdings enorm.

Arbeitsbedingungen oder “Medicina de España”

Wer den deutschen Krankenhausalltag kennt, wird den spanischen lieben. Alles ist viel entspannter, die Hierarchien sind flacher und der Umgangston freundschaftlicher. Die Arbeitszeiten beginnen später und enden früher, Arbeitszeiten werden eingehalten. Es werden zwar weniger Patienten pro Tag behandelt, dafür hat man auch Zeit für sie. Mit der Ressource Mensch wird in Spanien scheinbar sorgsamer umgegangen. Dafür verdient man aber auch deutlich weniger. Auffallend ist auch der hohe Frauenanteil in chirurgischen Fächern einschließlich der Führungspositionen. Familie und Beruf sind ganz offensichtlich kombinierbar. Auch Dank der niedrigeren Arbeitsschutzbedingungen kann man durchaus während der OP an Unterhaltungen zwischen der hochschwangeren Chirurgin und der ebenfalls schwangeren Anästhesistin teilhaben.

Qualität und Hygiene

Zurück in “Quirófano I”, 10 Uhr. Der Patient ist jetzt relaxiert und intubiert. Die ersten Chirurgen betreten den Saal. Nach einem kurzen „Hola, ¿qué tal?“ wird die Arbeit langsam begonnen. Der medizinische Standard ist dabei, mit Abzügen bei der Hygiene, durchaus mit dem deutschen vergleichbar. Dass sich ein Chirurg noch bevor er an den Tisch tritt wieder unsteril macht, ist keine Seltenheit. Andauernd kommt und geht jemand und es wird ungeniert über die Schulter des Operateurs geschaut. Krankenhauskeime haben Konjunktur in Spanien, nicht zuletzt auch durch den relativ entspannten Umgang mit Antibiotika, die bis vor kurzem noch auch ohne Rezept in der Apotheke erhältlich waren.

Fazit

Was alles in allem zunächst sonderbar klingt, kann vielleicht trotzdem Inspiration für unseren Arbeitsalltag sein. Wenn wir den hygienischen Standard und die deutsche Genauigkeit mit der spanischen Entspanntheit kombinieren könnten, würde das den deutschen Krankenhausalltag vielleicht humaner werden lassen. Wir verdienen zur Zeit um Einiges besser, aber ist das den Stress, den wir dafür aushalten müssen, wirklich wert? Vielleicht würde es uns auch einmal gut tun, uns etwas zurück zu lehnen und es wie die Spanier zu machen. Nämlich zu arbeiten um zu leben und nicht zu leben um zu arbeiten.

Quellen

1OECD Health Data 2010 – Country Notes and press releases
2 WHO: Spanien
3 WHO: Deutschland

16 Wertungen (4.5 ø)
Allgemein

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1 Kommentar:

Stefan Schneider
Stefan Schneider

Ich habe während Famulaturen und PJ die gleichen Erfahrungen in Spanien gemacht. Der Umgang ist kollegialer, die Hierarchien flacher. Morgens gehen sogar die Chirurgen zusammen einen Kaffee trinken bevor es im OP losgeht. Der Druck ist bei weitem nicht so hoch wie bei uns. Ein weiterer Punkt: Das Verhältnis der Patienten und Ihrer Angehörigen zu den Ärzten ist anders, es gibt mehr Dankbarkeit für die geleistete Behandlung und Hilfe. Dazu unterstützen die Familien ihre Angehörigen in der Klinik mehr.
Für mich ist nach der Facharztausbildung Arbeiten in Spanien eine Option. Leider geht es vorher nur mit zusätzlichem Examen und nicht unbedingt im Wunschfach.

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