MS-Therapie: Die Zeit heilt keine Wunden

19. August 2016
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Forscher raten Neurologen, bei Multipler Sklerose möglichst früh zu intervenieren. Das zeigen Langzeitdaten. Gleichzeitig warnen sie vor seltenen Komplikationen bei der Immunsuppression. Ein neuer Marker hilft, Risikopatienten zu identifizieren.

Bei Multipler Sklerose (MS) treten erste Beschwerden oft zwischen dem 15. und 40. Lebensjahr auf. Neurologen beobachten zu Beginn klinisch isolierte Symptome (KIS) wie Seh– und Sensibilitätsstörungen. Die Vorboten einer MS bilden sich anfangs noch zurück, bleiben im späteren Krankheitsverlauf jedoch bestehen.

Besser therapieren als abwarten

Erste Hinweise, möglichst bald mit der Pharmakotherapie zu beginnen, lieferte die industriefinanzierte BENEFIT-Studie: 468 Patienten mit KIS wurden hinsichtlich der weiteren Strategie, also Interferon-Gaben oder Abwarten, randomisiert. In der Gruppe ohne sofortige Arzneistoffgabe vergingen durchschnittlich 1,5 Jahre, bis ebenfalls Therapien erforderlich waren.

Jetzt hat Ludwig Kappos aus Basel neue Daten zum elfjährigen Follow-up veröffentlicht. Er untersuchte 278 aller 468 Studienteilnehmer. Von ihnen gehörten 167 Patienten zur Gruppe mit frühzeitiger Therapie. Weitere 111 Patienten hatten erst später Pharmaka erhalten. Bis heute treten Kappos zufolge signifikante Unterschiede zwischen beiden Gruppen auf. Wer früh Arzneimittel erhalten hatte, erkrankte zu 33 Prozent seltener an einer definitiven Multiplen Sklerose. Weitere Unterschiede zeigten sich bei Krankheitsschüben – diese waren unter frühzeitiger Intervention um 19 Prozent seltener. Bis zum ersten Rückfall verging deutlich mehr Zeit (1.888 versus 931 Tage).

Bleibt als Fazit für die Praxis: „Die Frühtherapie der schubförmigen MS mit IFN-ß-Präparaten oder Glatirameracetat ist als neues Paradigma zu empfehlen, nachdem vier positive Studien mit Klasse-I-Evidenz vorliegen“, heißt es in der S2e-Leitlinie „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose“.

Pharmakotherapie mit Folgen

Sprechen Arzneistoffe der ersten Wahl nicht an, bleiben noch Pharmaka zur Immunsuppression. In diese Gruppe gehören primär Natalizumab, aber auch Fingolimod und Dimethylfumarat. Sie führen in seltenen Fällen zur progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML). Jérôme Hodel aus Lille identifizierte jetzt einen Marker, um gefährdete Menschen mit MS zu identifizieren. Bei 18 von 20 PML-Patienten fand er im 3T-Magnetresonanztomographen punktförmige Läsionen. In einer Kontrollgruppe mit MS-Patienten ohne die Komplikation trat das Phänomen nicht auf.

Gibt es Hinweise auf PML, bleibt Neurologen nur, die immunsuppressive Therapie zu reduzieren beziehungsweise Natalizumab zu ersetzen. In der Praxis verfügen nicht alle Einrichtungen über ein leistungsstarkes MRT. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) schätzt, dass bundesweit mindestens 15 bis 19 Zentren entsprechend ausgestattet sind.

28 Wertungen (4.04 ø)
Forschung, Pharmazie

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4 Kommentare:

Zur Zeit erwiesen als hilfreich sind lediglich Vit. D3 und fraglich Biotin

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Gast
Gast

Ich registriere positiv, dass für MS-Patienten schon früh eine Therapie eingeleitet werden soll und habe keinen Anlass an den Studienergebnissen zu zweifeln. Jedoch kommt mir generell zu kurz, dass bei MS, und das gilt auch für andere Erkrankungen, die Ursache für die Krankheit kaum eine Rolle spielt. Wie sieht es bei MS oder Parkinson mit HWS – Instabilitäten aus, die zur Veränderung der Blut-Hirnschranken-Durchlässigkeit führt? Welche Rolle spielt der Stress im Allgemeinen und der nitrosative und oxidative Stress im Besonderen. Wenn solche Fragestellungen diskutiert würden, würde mehr beachtet werden müssen, welche Mikronährstoffdefizite diese Patienten aufweisen, welche Energiedefizite bestehen und wie die ATP Produktion letztendlich funktioniert. Niacin in der Frühphase ist ein Weg, aber die genaue Bestimmung der fehlenden Nährstoffe zeigt, dass noch andere Substanzen wie zum Beispiel Coenzym Q 10, Vitamin B12/B9 und andere je nach Defizit substituiert werden müssen. Dann muss nicht gleich mit sehr teuren Substanzen, deren Nebenwirkungen wiederum die Zugabe weiterer Nährstoffe bedingt, therapiert werden.

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Gast
Gast

Überprüfen und therapieren hinsichtlich Grunderkrankung Schlafapnoe.
Nicht abgeatmetes Kohlendioxidgas löst sich im Blut in Kohlendioxidsäure.
Kohlendioxidsäure überwindet die Bluthirnschranke.
Löst Nervenstränge schützendes Eiweiß auf!

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Johannes Reinders
Johannes Reinders

Die Einnahme von 2x tägl. 250mg NIACIN (Vit. B3) hat sich als hilfreich erwiesen.
Die Dosierung kann erhöht werden, allerdings tritt dann als Nebenwirkung eine
Gesichtsrötung auf, die unangenehm aber nicht schädlich ist.

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