Dialyse: Gefährliche Röntgenblicke

17. März 2011
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Für Tausende von Dialyse-Patienten kommt die Nachricht wie ein Schock: Die Strahlenbelastung durch CT- oder Röntgenaufnahmen soll das Krebsrisiko erhöhen.

Zwischen den Meldungen der letzten Wochen ging die Publikation im Fachblatt Journal of the American Society Nephrology (JASN) etwas unter. Und doch: Die Lektüre lohnt auch im Nachhinein. Denn glaubt man den akribisch zusammengetragenen Fakten, weisen Dialysepatienten eine bis zu 1,5 Mal höhere Krebsrate auf, als Menschen ohne entsprechende Therapie. Die signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, während einer Dialyse an Krebs zu erkranken, hat den Medizinern zufolge einen einfachen Grund: Viele müssen sich im Lauf der Jahre immer wieder Röntgenuntersuchungen unterziehen. Dennoch scheint die Weitsicht unter Radiologen im Klinikalltag nicht gegeben, wie das italienische Ärzteteams um Marco Brambilla vom Universitätskrankenhaus “Maggiore della Carità” in Novara nun feststellt.

Drei Jahre lang beobachteten die Wissenschaftler eine repräsentativ gewählte Gruppe von 106 Dialysepatienten, und berechneten die Strahlenbelastung der Probanden anhand von Krankenhaus-Datensätzen. Resümee der Studie: Insgesamt kam die Computertomographie 248 Mal zum Einsatz, meist suchten Radiologen nach Ursachen von neurologischen, hämorrhagischen oder respiratorischen Komplikationen. 1300 radiologische Untersuchten erfolgten im Beobachtungszeitraum insgesamt, statistisch betrachtet ließ sich jeder Dialysepatient 4,3 Mal röntgen.

Rund 76 Prozent der aufgenommenen Strahlenmenge stammte aus Untersuchungen mit Hilfe der Computertomographie (CT), während konventionelle Röntgenaufnahmen mit 19 Prozent zur Gesamtbelastung beitrugen. Nur 22 der 106 Studienteilnehmer waren Dosen von weniger als 3 Millisievert ausgesetzt worden, für über ein Drittel aller Beteiligten lag die Gesamtbelastung mit weit über 50 Millisievert eindeutig zu hoch. 16 Prozent der Gesamtgruppe hatte mit 100 Millisievert pro Jahr sogar Strahlendosen abbekommen, die mit einer erheblichen Zunahme des Risikos für Krebstodesfälle assoziiert wird. Denn die Mediziner bewerteten die kumulierten Strahlendosen und berufen sich auf statistische Erfahrungen mit Überlebenden der Atombombenexplosion von Hiroshima. Dort zeigte sich, dass kumulierte Strahlendosen von 100 Millisievert pro Jahr ein enormes Risiko bergen.

Die Mediziner David Pickens und Martin Sandler von der amerikanischen Vanderbilt School of Medicine sehen das Problem in der zu schnellen Anwendung von Röntgenstrahlen bei Dialysepatienten. “Bestimmte Verfahren kommen zu oft zum Einsatz, weil eine große Menge an Informationen innerhalb kurzer Zeit zur Verfügung stehen“, kritisieren sie in einem Begleitartikel des Journals die Problematik mit CT & Co.

Für die 1966 gegründete American Society of Nephrology (ASN) sind die italienischen Befunde ein wichtiges Indiz für die Umstellung des real existierenden Röntgenbetriebs im Klinikalltag – aber auch ohne Röntgenstrahlung scheinen Nierenkranke besonders stark krebsexponiert. Denn laut Co-Autorin Andreana de Mauri lösen bisher unverstandene Mechanismen höhere Krebsraten aus. So führt eine Nierentransplantation zu einer fünffach höheren Wahrscheinlichkeit vom Krebs – warum das aber so ist, vermag bis heute niemand zu erklären. Zu viel Röntgenstrahlung, so die Befürchtung der Studienautoren, verstärkt womöglich diesen Trend.

Bundesamt für Strahlenschutz warnt vor unbedachten CT-Einsätzen

Mit ihrer Kritik an den vorschnellen Einsatz der belastenden Verfahren stehen die Italiener nicht allein. Hierzulande monierte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) im Juli 2010, dass „in Deutschland im internationalen Vergleich zu viel geröntgt“ werde, und: „Gerade dosisintensive Untersuchungen wie die Computertomographie haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Ziel ist es, die Belastung auf das notwendige Minimum zu reduzieren“.

Tatsächlich hat das BfS bereits im August 2003 sogenannte diagnostische Referenzwerte (DRW) eingeführt, die im Sommer vergangenen Jahres aktualisiert wurden. So liegt der neue diagnostische Referenzwert für eine Röntgenaufnahme des Beckens um 40 Prozent niedriger als der alte Wert. Der Clou: Das Strahlenrisiko aus der Röntgenuntersuchung verringert sich um den gleichen Prozentsatz. Damit zeige sich „der erhoffte Trend in Richtung einer Reduzierung der Strahlenbelastung bei der einzelnen Untersuchung“. Neu war auch die Einführung von Referenzwerten für vier Computertomographie-Untersuchungsarten an Kindern.

Als besonders alarmierend betrachtet das Team um Brambilla hingegen bei Dialysepatienten vor allem einen Aspekt: Gerade junge Menschen, die auf ein Transplantat warten, sind der Röntgenstrahlen besonders stark ausgesetzt. Kumulierte Strahlendosen von 60 Millisievert und mehr in den einzelnen Organen scheinen dabei die normale Folge der Röntgen-Untersuchungen zu sein. Zum Vergleich: Die effektive Dosis infolge medizinischer Anwendungen beträgt bei Nicht-Dialysepatienten im Druchschnitt 1,9 mSv – pro Jahr.

298 Wertungen (4.5 ø)
Medizin

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16 Kommentare:

Meines Erachtens werden viel zu viel MR´s und CT´s empfohlen und durchgeführt.

#16 |
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Medizinisch-Technischer Assistent

Hat schon mal jemand versucht, einem Pat. eine CT-Untersucheung auszureden? Viele bestehen regelrecht darauf.

#15 |
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Dr. Eduard Mayer
Dr. Eduard Mayer

Es ist sicherlich schwierig die erhöhte Krebsrate bei Dialysepatienten vor allem auf eine erhöhte Strahlenbelastung zurückzuführen. Beim Lesen des Artikels habe ich mich gefragt, ob eventuell auch der Aufbau der lebensrettenden Dialysefilter zum erhöhten Kresrisiko beitragen könnte. Soweit mir bekannt ist, verwendet man zum “Verkleben” des Filters auf aromatischen Diisocyanaten (MDI)basierende Rohstoffe, die durch Hydrolyse relativ leicht in aromatische Amine (MDA)überführt werden können, die bekanntermaßen unter Verdacht stehen krebserregend zu sein. Ob es derartige Untersuchungen gibt, ist mir allerdings nicht bekannt.

#14 |
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Das Zahlen und Patietnenmaterial ist nicht evidence basiert nachvollziehbar,
aber der Inhalt ist gut genug , um opatientenwünschen nach ” ich muss in die Röhre , will endlich wissen was sdas ist ein wenig Einhalt zu gebieten.
Vielleicht soll der Artikel ja nur zur Kostendämpfung dienen auf diese Weise, er taucht auch in anderen Medizinerchats in diesem Sinne auf.

#13 |
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MD, DTMPH Edwin Scott Asemota
MD, DTMPH Edwin Scott Asemota

Die Patient grosse reichen nicht aus um ein evidenced-based deduction zu ermoeglichen.

#12 |
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Dr. med. Joachim Haas
Dr. med. Joachim Haas

Man sollte nicht vergessen, dass Dialysepatienten multimormide sind und deswegen einfach mehr Diagnostik benötigen. Wenn als Grund für den “Strahleneinsatz” die Angiographie (KHK, pAVK) nicht genannt wird, dann stimmt entweder mit dem Zitat oder mit der Studie etwas nicht.
Der Grund für ein erhöhtes Krebsrisiko nach Nierentransplantation ist übrigens schon lange bekannt: Immunsuppression.

#11 |
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Die Dummheit boomt , dass dieser Artikel überhaupt erwähnt
wird; na was passiert sonst noch so immunologisch bei
Dialysepatienten, unabhängig von Strahlenbelastung.
SWchon wieder durchs Testat gefallen.

#10 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Nicht nur in diesem Fall sondern allgemein wird viel zu häufig geröntgt, damit die Geräte möglichst schnell amortisiert werden können.

#9 |
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Ich bin sicher, mehrere Aspekte der Studie finden sich im gewöhnlichen Lehrbuch aus dem Studium.
Dass Röntgenstrahlung potenziell krebserzeugend ist und dass die Krebsrate steigt, je öfter man sich einer ionisierenden Strahlung aussetzt, ist nichts Neues.
Und auch ohne medikamentöse Immusuppression sind Dialyse-Patienten immundefiziente Patienten, was per se die höhere Krebsrate mitbestimmen dürfte. Auch dazu gibt es bestimmt Erhebungen und Erklärungsmodelle.
Interessant wäre die Frage, ob es ohne die schnelle Röntgendiagnostik vielleicht auch eine erhöhte Mortalität gibt, wenn z.B. lebensbedrohliche Erkrankungen zu sät entdeckt werden.

#8 |
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Banale Erkenntnis, zur Schlagzeile aufgewertet

#7 |
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Dr. Anton Safer
Dr. Anton Safer

Dass Übertherapie (bzw. Über-Diagnostik) schädlich ist, das ist nichts Neues. Selten wird die Strahlendosis einer Person korrekt erfasst; selbst wenn man einen “Röntgenpass” bei sich hat. Aber wer hat das schon? Und wenn: oft wird´s auch nicht (oder nicht korrekt) eingetragen.
Besonders eifrige Sünder auf diesem Gebiet der “X-Ray-Overuser” sind die Zahnärzte und die Orthopäden. Die Krebskranken landen ja schließlich nicht bei ihnen sondern bei den Onkologen.
Es würde mich interessieren was die Untersuchung der Röntgen-Praktiken im Kreise dieser Kollegen zu Tage brächte.
ZEIT FÜR DAS UMDENKEN!
Weniger kann mehr sein!

#6 |
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Susanne Margarethe Natasja Brouwer
Susanne Margarethe Natasja Brouwer

In diesem Artikel wird nur gesprochen über Dialysepatienten, aber es gibt natürlich mehrdere Gruppen von Patienten die oft eine CT bekommen, (z.b. CT gesteuerte PRT, usw). Daher ist es wichtig um zu wissen ob in diese Veröffentlichung die Immunsuppression tatsächlich berücksichtigt ist.

#5 |
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Student der Humanmedizin

In dem Beitrag wird von Dialsyspatienten gesprochen.

Vergessen sollten hierbei aber nicht werden, Patienten mit Bandscheibenvorfällen. Gern werden auch hier CT – Aufnahmen getätigt bzw. PRT-Spritzen unter CT gesetzt.
Der Strahlendosis welche die Patienten hier ausgesetzt werden, sind sicherlich auch nicht unerheblich!!!

Oder wie sehen das die anderen Forumsteilnehmer?

#4 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Sehr geehrter Herr Georgescu,
in Ihrem lesenswertem Text sind zwei Worte besonders beachtlich:
“kumulierte Strahelndosen”
Bereits als Studenten wurden wir in Göttingen auf die
kumulierte Lebenszeitdosissumme aufmerksam gemacht.-
Die Körperzellen, besonders die nierennahen Gonaden
vergessen nicht die kleinste Dosis !
Eine minimale Röntgendosis ist sicher gut. Doch die
Grenzwerte sind alle willkürlich. Niemand verbürgt sich
für die absolute Sicherheit irgendeiner Dosis !
MRT-Untersuchung wäre eine Kostenfrage aber an der ist wohl
auch die japanische Tragödie mit schuld.- Aber das ist eine
andere Geschichte.- Hoffen wir auf die Kernfusion und
biologisch harmlosere Physik ! Psychologisch lieber
Herr Baße sind es die “Live-Events”, die alle Gesundheits-Pässe (besonders auch Impfpässe!) vergessen lassen.
Eigentlich hätte der Artikel etwas mit Allgemeinbildung
zu tun und hinterläßt bei Ärzten und Psychologen Verwunderung!.- Anamnese, Anamnese, Anamnese !!! Danke !

#3 |
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Prof. Dr. med. Manfred Dietrich
Prof. Dr. med. Manfred Dietrich

Ist in der Veröffentlichung das Risiko einer malignen Er-
krankung durch therapeutische Immunsuppression nach Nierentransplantation berücksichtigt?

#2 |
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Wichtig,immer den Röntgenpass bei sich haben und eintragen lassen!

#1 |
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