Adipositas: Grenzen der Grippeimpfung

12. August 2016
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Patienten mit starkem Übergewicht sprechen nicht richtig auf Standard-Influenzavakzine an. Der Antikörpertiter sinkt bei ihnen schneller als bei Normalgewichtigen. Forscher vermuten eine unbekannte Reaktion des Immunsystems, bleiben aber ratlos.

Ein Blick zurück: Schon bei der Pandemie 2009/H1N1, besser bekannt als „Schweinegrippe“, erkrankten vergleichsweise viele junge, adipöse Menschen. Bereits damals fanden Epidemiologen Hinweise, dass Patienten mit starkem Übergewicht, aber ohne weitere Vorerkrankungen, nicht richtig auf Impfstoffe ansprechen. Außerdem sinkt der Antikörpertiter schneller, als dies von normalgewichtigen Menschen bekannt ist. Beide Effekt ließen sich nicht wirklich erklären, haben aber medizinisch eine immense Bedeutung: In Europa sind schätzungsweise zehn Prozent aller Menschen adipös, Tendenz steigend.

Senioren ohne Schutz

Bislang war vor allem bekannt, dass Influenza-Vakzine Senioren nicht richtig schützen. Helder Y. Nakaya aus Atlanta hat über fünf Jahre hinweg mehr als 210 Probanden unterschiedlichen Alters geimpft. Ihre Resultate: Ältere Menschen reagierten öfter mit einer ungerichteten Entzündungsreaktion, die von selbst wieder abklang. Neutralisierende Antikörper entstanden nicht in ausreichender Zahl. Bleibt als Möglichkeit, Adjuvanzien zuzusetzen oder Vakzine intradermal zu verabreichen.

Unbekannte Immunreaktion

Nakayas Arbeit erklärt jedoch nicht, warum es bei adipösen Menschen zu Schwierigkeiten kommt. Erik A. Karlsson aus Memphis, Tennessee, hat diese Fragestellung jetzt bearbeitet. Er impfte stark übergewichtige Mäuse mit Vakzinen, die Adjuvanzien enthielten. Dabei kamen Aluminiumhydroxid oder AS03 (Adjuvant System 03) zum Einsatz. AS03 ist eine Öl-in-Wasser-Emulsion mit Squalen, Vitamin E und Polysorbat 80 in einem Phosphatpuffer.

Karlsson zufolge zeigten adipöse Nager normale Antikörpertiter, was für einen Schutz gegen Viren spricht. Dennoch erkrankten die Tiere, sobald sie von Forschern infiziert wurden. Auch eine passive Immunisierung durch Antikörper aus normalgewichtigen Tieren zeigte keinen Effekt. Deshalb vermutet Karlsson einen bislang unbekannten Mechanismus mit Folgen für das Immunsystem. Inwieweit sich Erkenntnisse auf Menschen übertragen lassen, muss sich zeigen. Prof. Bernd Salzberger, Leiter der Abteilung für Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg, weist im Interview auf Grenzen von Tierexperimenten hin. Er rät adipösen Patienten trotzdem, sich impfen zu lassen.

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Forschung, Pharmazie

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1 Kommentar:

Ingeborg Kochhan
Ingeborg Kochhan

Die Entwicklung von spezifischen AK ist ausgeprägter bei der i.m.-Impfung als bei einer subcutanenen Impfung, dazu gibt es genügend Literatur. Wahrscheinlich wird in den meisten Fällen beim Adipösen der M. deltoideus nicht erreicht, weil die Impfnadel zu kurz ist. Man muss beim sehr adipösen die entsprechende Nadellänge nehmen.

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