Erst der Brexit, dann der Phexit

12. August 2016
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Großbritanniens Wähler haben mehrheitlich für den EU-Austritt gestimmt. Zwar dauert der Ablösungsprozess noch Jahre, doch bereits heute überlegen pharmazeutische Hersteller, das abtrünnige Königreich zu verlassen. Kommt jetzt der „Phexit“?

Seit wenigen Wochen verbreitet sich der Brexit wie ein Virus bei Firmen aller Branchen. Branchengrößen wie Siemens stoppten sofort weitere Investitionen auf der Insel, obwohl bis zum Vollzug des EU-Austritts noch Jahre vergeben werden. Momentan geht es um Windkraft. Früher oder später wird auch die Medizintechnik betroffen sein.

Leaving London

Pharmazeutische Hersteller mit Sitz in Großbritannien geraten ebenfalls in Panik. GlaxoSmithKline ist mit 97.921 Mitarbeitern der weltweit sechstgrößte Konzern. Und AstraZeneca bringt es auf 57.500 Angestellte. Beide Giganten residieren in London. Jetzt bedrohen Einfuhrzölle und mögliche Umsatzrückgänge tausende Jobs. Kein Wunder, dass Andrew Witty, CEO von GlaxoSmithKline, die weitere Zukunft in der EU als „unabdingbar“ für seinen Konzern bezeichnet hatte. Zu möglichen Strategien, etwa der Verlegung ihres Firmensitzes, äußern sich beide Konzerne nicht. Analysten in London halten die Option für denkbar, aber kostspielig.

Leere im Regal

Apotheker bemerken schon jetzt die ersten Folgen. GSK hatte im Juni aufgrund einer „europaweit sprunghaft angestiegenen Nachfrage“ den tetravalenten Impfstoff Menveo® kontingentiert. Bei AstraZeneca war Onglyza® (Saxagliptin) betroffen. Beide Firmen weisen jede Schuld von sich. Vielmehr sehen sie den Großhandel in der Schuld: Aufgrund niedriger Preise in Deutschland würde so manches Präparat in andere Regionen wandern, lautet ihre Vermutung. Grossisten dementieren dies.

Weltweiter Wirbel

Doch zurück zur Industrie. Nicht nur britische Firmen ziehen ihre Konsequenz aus dem Brexit. US-Konzerne wie Pfizer haben ebenfalls Dependancen in London, um den europäischen Markt zu versorgen. Das ist kein Zufall – schließlich residiert in der Metropole die Europäische Zulassungsbehörde EMA. Wie lange noch, ist eine andere Frage. „Ohne diesen Vorteil werden amerikanische und asiatische Hersteller ihren Standort zweifellos überdenken“, sagt Alan Carr gegenüber britischen Medien. Carr arbeitet als Analyst bei der US-Investmentbank Needham. Und Steve Bates, CEO der britischen BioIndustry Association, fragt sich, wie europäische Arzneimittelzulassungen künftig auszusehen hätten. EMA-Vertreter halten sich bedeckt, was die Unsicherheit bei Konzernen nur verstärkt.

Forschen am Festland

Karen Taylor von Deloitte sieht Jobs in den Biowissenschaften – Stichwort Biologicals – und in der chemischen Industrie auch in Gefahr. „Zehn Prozent der Forschungs- und Entwicklungsarbeit wird in britischen Labors gemacht“, konstatiert die Analystin. Das beträfe in Summe bis zu 150.000 Jobs. Politiker aus Großbritannien rechnen schon heute mit steigenden Arbeitslosenzahlen: eine Folge, mit der Brexit-Befürworter nicht gerechnet hatten.

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