Olympia: Der Asthma-Vorteil

9. August 2016
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Noch bis zum 21. August treffen sich Athleten zu den Olympischen Sommerspielen. Ihre häufigste Erkrankung, nämlich Asthma bronchiale, schränkt sie nicht ein. Sie schneiden sogar besser ab als Sportler ohne Asthma: ein Ansatzpunkt für neue Medikamente.

Laut Global Asthma Report 2014 der Global Asthma Network Steering Group leiden weltweit 330 Millionen Menschen an Asthma bronchiale. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von 235 Millionen Patienten. Athleten bilden hier keine Ausnahme – unter ihnen ist die Lungenerkrankung ähnlich häufig zu finden.

Asthma am Start

Kenneth D. Fitch von der University of Western Australia hat Daten von fünf früheren olympischen Spielen ausgewertet [Paywall]. Er brachte in Erfahrung, wie viele Sportler inhalative Beta-2-Sympathomimetika benötigen. „Mit einer Prävalenz von acht Prozent sind Asthma und Atemwegs-Hyperreaktivitäten (AHR) die häufigsten chronischen Erkrankungen“, so Fitch. Das entspricht statistisch gesehen dem US-Bevölkerungsdurchschnitt. Bei Olympioniken, die in Ausdauertrainings absolvieren, fand der Wissenschaftler sogar eine Häufung.

Dem Sportjournalisten Alex Hutchinson zufolge hätten während der Spiele in London 700 von 10.000 Sportlern mit der Lungenerkrankung zu kämpfen. Sie gewannen doppelt so häufig Medaillen, verglichen mit Athleten ohne Asthma. Dazu ein paar weitere Zahlen. Bei den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking litten 17 Prozent aller Radrennfahrer an Asthma bronchiale. Sie errangen 29 Prozent der Medaillen. Noch extremer war die Verteilung bei den Schwimmern. Hier gingen 19 Prozent mit Asthma-Diagnose an den Start. Sie bekamen 33 Prozent der Medaillen. Weder Fitch noch Hutchinson sehen leistungssteigernde Effekte durch Pharmaka als Grund.

Asthma weltweit

Weltweite Verbreitung von Asthma. Quelle: Global Asthma Network Steering Group

Doping trifft Therapie

Wissenschaftler hatten anfangs vermutet, Beta-2-Sympathomimetika würden Muskeln in der Lunge sowie im Hals entspannen und letztlich die Herztätigkeit effizienter machen. Tachykardien sind häufig beschriebene Nebenwirkungen aufgrund der Aktivierung von β1-Rezeptoren außerhalb der Lunge. Clenbuterol und Salbutamol sind außerdem effektive Substanzen zur Förderung des Muskelaufbaus, vor allem in oraler Galenik.

Zwischen 1996 und 2000 stieg der Verbrauch entsprechender Arzneistoffe rasant an. Kurze Zeit später verbannte das Internationale Olympische Komitee (IOC) Beta-2-Sympathomimetika vom Wettkampfplatz. Im Jahr 2010 entschloss sich die World Anti-Doping Agency (WADA) zu ähnlichen Maßnahmen. Mittlerweile rudern Behörden zurück. Beispielsweise erlaubt die Nationale Antidopingagentur NADA etliche Wirkstoffe in therapeutischer Dosierung. Dazu zählen unter anderem inhalatives Formoterol, Salbutamol und Salmeterol. Athleten werden verpflichtet, ihre Pharmakotherapie anzumelden und ihre Erkrankung nachzuweisen.

Lehren aus Olympia

Zahlreiche Untersuchungen untergraben die Theorie, dass leistungssteigernde Effekte eine Rolle spielen. Forscher ließen nicht nur Läufer, sondern auch Weltklasse-Radfahrer im Experiment antreten. Von 42 Teilnehmern hatten zehn sogenanntes Anstrengungs- oder Belastungsasthma. Dann ging es auf eine zehn Kilometer lange Teststrecke. Wärmten sich Sportler richtig auf, machte es keinen Unterschied, ob sie Verum oder Placebo erhielten. Richtig vorbereitet wird so manche Pharmakotherapie überflüssig.

Das Phänomen hat folgenden Hintergrund: Rund drei bis acht Minuten nach starker körperlicher Anstrengung kommt es bei rund 90 Prozent aller Asthma-Patienten zu Anstrengungsasthma, sprich zur vorübergehenden Einengung ihrer Bronchien. Dann folgt eine sogenannte Refraktärperiode. Bei jedem zweiten Asthmatiker führt die gleiche Belastung innerhalb von zwei Stunden zu Reaktionen, die um mehr als 50 Prozent vermindert ablaufen.

Bei weniger empfindlichen Bronchien kann durch wiederholte kurzzeitige Belastung mit anschließenden Pausen die Überempfindlichkeit der Bronchien reduziert werden. Manche Sportmediziner empfehlen Athleten mit Anstrengungsasthma deshalb, sich vor dem Training oder Wettkampf in Intervallform aufzuwärmen.

Als Ursache wird vermutet, dass die Synthese unerwünschter Mediatoren wie Prostaglandinen Zeit braucht, bis eine Anstrengungsreaktion der ursprünglichen Stärke ausgelöst wird. Sportler nutzen den Effekt gezielt aus. Wer gut trainiert und mit Refraktärperioden arbeitet, schneidet in vielen Fällen besser ab.

Forscher werden neugierig

Obwohl dieses Wissen vorrangig Athleten mit Asthma hilft, um ihre Leistung legal zu verbessern, könnten alle Patienten von der Erkenntnis profitieren. Das betrifft nicht nur Freizeitsportler, die ihr Training optimieren.

Wissenschaftler sehen in der Refraktärzeit einen möglichen Schlüssel, um die Erkrankung besser zu verstehen und um neue Medikamente zu entwickeln. Momentan gibt es vergleichsweise wenig innovative Strategien. Zuletzt wurden zwei monoklonale Antikörper zugelassen. Mepolizumab und Reslizumab richten sich gegen Interleukin-5 (IL-5). Das Zytokin steuert Wachstum, Differenzierung, Rekrutierung, Aktivierung und Überleben von eosinophilen Granulozyten. Die Biologicals kommen zum Einsatz, falls ein hoch dosiertes inhalatives Kortikoid und ein zusätzliches Medikament nicht ausreichend wirken. Pneumologen wünschen sich weitere Arzneistoffe.

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