Ausstellungsreif: Heart goes art

23. März 2011
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Es ist ein Durchbruch: Das weltweit erste von der FDA zugelassene künstliche Herz wurde kürzlich einem Patienten an der West Coast der USA im medizinischen Alltagsbetrieb implantiert. Bricht damit eine neue Ära der Herzchirurgie an?

Fünf Jahre sind eine lange Zeit für Menschen, die ohne neues Herz nur noch wenige Tage leben würden. Und doch dauerte es so lange, bis das von der US Zulassungsbehörde FDA bereits 2006 zugelassene, weltweit einzige implantierbare künstliche Herz von amerikanischen Kardiologen im Normalbetrieb eingesetzt wurde. Vier Stunden dauerte der Eingriff am UC San Diego Medical Center, bei dem das erkrankte Herz eines jungen Mannes gegen das lebensrettende Gerät mit dem optischen Schick früher Terminator-Filme ausgetauscht wurde. Dass nur noch das bionische High-Tech Device den Patienten retten könnte, stand fest, nachdem ein Virus das Originalorgan des Mannes nahezu vollständig zum Erliegen gebracht hatte.

Kurz vor dem Organversagen

Aus medizinischer Sicht ist das „Total Artificial Heart“ dann angebracht, wenn auf Grund einer bestehenden Herzinsuffizienz die vitalen Funktionen von Niere, Leber, Darm, Lunge oder Gehirn zu kollabieren drohen. „Die Patienten stehen damit kurz vor dem Organversagen, doch der Schaden ist noch reversibel”, erklärt Jack Copeland, Direktor des Zentrums für Herztransplantationen und mechanische Kreislaufunterstützung an der UC San Diego Health System, die Kriterien für die lebensrettende OP.

Die Operation an sich ist komplex, aber für Copeland zählt sie zur Routine. Schon 1985 gelang ihm die weltweit erste Überbrückung mit Hilfe eines externen Kunstherzens bis zur Transplantation. 100 Mal führte er seit 2004 wiederum Eingriffe mit neueren Devices durch. Doch bislang galten die Operationen stets als Ausnahme, nicht als Regel im Kampf gegen die Folgen der Herzinsuffizienz. Seit San Diego könnte sich Copeland zufolge genau das ändern.

Die neue Normalität kommt technisch betrachtet in schlichter Form daher: Irgendwann nach Beginn der Operation startet Copeland mit der Beseitigung der sterbenden Herzens, an den oberen Herzkammern schließt er das neue Gerät an. Was dann passiert, fasziniert den Mediziner: Nach Abschaltung der Herz-Lungen-Maschine beginnt das „total artificial heart“ Blut zu pumpen. Acht Liter Lebenselixier pro Minute reichen aus, um die restlichen maroden Organe des Patienten „wieder zum Leben zu erwecken“, wie Copeland beschreibt.

Anders als bisherige Kunstherzen, die als externe und meist monströse Maschinen die Zeit bis zur normalen Transplantation überbrücken, verfügt das US-Kunstherz über einen entscheidenden Vorteil: Es ist voll implantierbar, und bewahrt die Patienten vor der „metabolischen Katastrophe“, wie Copeland betont. Allerdings ist das Gerät kein Allheilmittel. Lediglich jungen Menschen scheint die medizintechnische Pumpkraft zu helfen. Wer an anderen Erkrankungen leidet oder geschwächt ist, hat kaum Chancen auf das künstliche Herz. Zudem gibt es ernstzunehmende Risiken, etwa die Blutgerinnung und eine zu langsame Heilung des Brustkorbs.

Klinischer Alltag statt Ausnahmebetrieb

Was trotz solcher Hürden die mögliche Zäsur in der Herzmedizin ausmacht, ist nicht das Gerät an sich. Die FDA entschied sich bereits 2006 für die weltweit erste Zulassung, wenn auch im Rahmen der seit 1990 existierenden Humanitarian Use Device (HUD) Regelung. Dahinter verbirgt sich die Idee, aufwändige Medizintechnikprodukte auch bei seltenen Erkrankungen dem Markt zur Verfügung zu stellen. Die Aufnahme ins HUD-Programm ist nämlich nur jenen Herstellern erlaubt, deren Patienten-Zielgruppe nicht größer als 4000 Menschen pro Jahr beträgt. Lange Zeit galt die erleichterte Marktzulassung als verlängerter Arm der Orphan Drug Regelungen – der Eingriff in San Digo aber zeigt: So selten wird das „artificial heart“ gar nicht gebraucht. Jedes Jahr werden mehr als 5 Millionen Amerikaner mit Herzinsuffizienz diagnostiziert, 2.500 US-Bürger erhalten ein Spenderorgan. Die ursprüngliche Zulassung der FDA sah primär Patienten, die trotz Kunstorgan nur noch Monate zu leben hatten, als indizierte Zielgruppe an. Das Kunstherz, so die Überlegungen der Behörde, würde die Lebensqualität der verbleibenden Lebenszeit verbessern – mehr nicht.

Copeland hingegen will dem Tod den Weg zu seinen jungen Patienten verwehren – durch einen Trick. Die beobachtete, schnelle Regenerierung seines Schützlings lässt den Kardiologen hoffen, dass sich voll implantierbare Herzen in Zukunft als Rückversicherung ins Leben nutzen lassen: Rund 80 Prozent seiner Patienten haben innerhalb von sechs Monaten gute Chancen, ein humanes Transplantat zu erhalten, nahezu alle sind statistisch betrachtet nach 12 Monaten mit einem Spenderorgan ausgestattet. Diese Zeitspannen bewältigt die Maschine im Brustkorb der Patienten mühelos, wie ein 1.100-Tage-Rekord offenbart. Danach schlägt wieder ein menschliches Original.

78 Wertungen (4.51 ø)

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8 Kommentare:

Dr. Otto Gerlich
Dr. Otto Gerlich

Gut verständlich

#8 |
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Dr. med. Ernst Reimer
Dr. med. Ernst Reimer

Ein Lichtblick in Zeiten der Krisen. Ich wünschte mir häufiger solche ermutigenden Meldungen. “Not only bad news atre good news!”

#7 |
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Der Artikel von Jack Copeland finde ich sehr gut dargestellt, insbesondere in Bezug auf “Routine-Verwendung” des Gerätes – hierzu ist zu hoffen, dass der Fortschritt dies realisieren lässt.

Dr. J. Elias

#6 |
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Dr.med Egon Stadtfeld
Dr.med Egon Stadtfeld

Endlich mal was Neues nicht utopisches. Sehr beeindruckend.

#5 |
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Bleibt abzuwarten wie und wielange der Patient mit dem Kunstherz zurecht kommt.

#4 |
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Rettungsassistent

sehr schöner Artikel

#3 |
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Dr. med. Georg Chinta
Dr. med. Georg Chinta

Hervoragend

#2 |
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ja stimmt

#1 |
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