Kontrollüberzeugung: In den Fängen der Familie?

8. August 2016
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Instabile Familienverhältnisse beeinflussen offenbar die Kontrollüberzeugung der Kinder. Heranwachsende zwischen 10 und 17 Jahren, die mehrfach einen Partnerwechsel bei den Eltern erlebt haben, glauben später weniger daran, über ihr Leben selbst bestimmen zu können.

Um herauszufinden, wie sich instabile Familienzusammensetzungen auf die Kontrollüberzeugung von Jugendlichen auswirken, haben Wissenschaftler Angaben von knapp 1.000 Jugendlichen analysiert, die zwischen 2001 und 2012 im Rahmen der Langzeituntersuchung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) befragt wurden. In ihren Analysen hatten die Forscher auch andere mögliche Ursachen für den Verlust der Kontrollüberzeugung berücksichtigt. So konnten sie ausschließen, dass die gefundenen Effekte auf die Kontrollüberzeugung auf Veränderungen im Einkommen der Familie, die Persönlichkeit oder die Bildung der Mutter zurückzuführen sind.

Messung der Kontrollüberzeugung

Partnerwechsel der Mutter, etwa wenn nach einer Trennung der Eltern ein neuer Partner in den Haushalt der Mutter einzog und sich dadurch die Familienkonstellation änderte, wurden als Indikator für eine verringerte Stabilität der Familienverhältnisse gewertet. Um die Kontrollüberzeugung zu messen, analysierten die Forscher Angaben der Befragten über ihre Einstellungen zum Leben und zur Zukunft. Im SOEP antworteten die Befragten zum Beispiel darauf, ob sie glauben, dass es von ihnen selbst abhängt, wie ihr Leben verläuft. Außerdem gaben sie an, ob sie denken, dass Erfolg im Leben in erster Linie eine Frage von Schicksal oder Glück ist.

Partnerwechsel der Mutter hat signifikanten Einfluss

Die SOEP-Daten zeigten: 15 Prozent der befragten Jugendlichen haben im Alter zwischen zwei und 17 Jahren einen Partnerwechsel der Mutter miterlebt. Sechs Prozent, also etwa jeder Zwanzigste, haben diese Erfahrung mehrfach gemacht. Im Alter von 17 Jahren waren diese Jugendlichen insgesamt betrachtet signifikant weniger davon überzeugt, selbst über ihr Leben bestimmen zu können als andere. „Wenn die betroffenen Kinder und Jugendlichen diese Erfahrung nur einmal gemacht haben, wirkte sich das noch nicht auf ihre Kontrollüberzeugung aus“, sagt C. Katharina Spieß, eine der Studienautorinnen. „Bei Kindern, die zwei Mal oder häufiger Veränderungen in der Familienkonstellation erlebt haben, verringerte sich dagegen das Gefühl, selbst über ihr Leben bestimmen zu können.“

Die Teenager und der Schicksalsglauben

Auch das Alter, in dem Kinder veränderte Familienverhältnisse erleben, hat offenbar Einfluss auf die Kontrollüberzeugung: Bei den befragten Jugendlichen, die im Alter zwischen zehn und 17 Jahren Instabilität erlebt haben, verringerte sich die Kontrollüberzeugung stärker als bei denen, die diese Erfahrung in jüngeren Jahren, im Alter zwischen zwei und neun Jahren, gemacht haben. Die Effekte sind in ihrer Größe vergleichbar mit den Auswirkungen einer erlebten Arbeitslosigkeit der Mutter, die ebenfalls dazu führt, dass Jugendliche schicksalsgläubiger werden.

Langfristige Folgen

Eine verringerte Kontrollüberzeugung kann auch langfristige Folgen haben. So haben andere Studien auf Basis der SOEP-Daten gezeigt, dass Arbeitslose mit einer geringeren Kontrollüberzeugung länger als andere suchen, bis sie einen neuen Job gefunden haben. Die Autoren empfehlen daher, dass Kinder und Jugendliche in Kindertageseinrichtungen und Schulen in der Entwicklung ihrer nicht-kognitiven Fähigkeiten besonders unterstützt werden, wenn sich ihre Eltern trennen.

Originalpublikation

Family Instability and Locus of Control in Adolescence [Paywall]
Frauke H. Peter et al.; The B.E. Journal of Economic Analysis & Policy, doi: 10.1515/bejeap-2015-0175; 2016

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