Kontrazeptiva: Selbst ist der Mann?

26. Juli 2016
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Verhütung liegt im Verantwortungsbereich der Frau? Experten sagen: Nein, auch Männer können sich an der Empfängnisverhütung beteiligen. Erste Ansätze, wie ein Gel oder Hormonspritzen, gibt es bereits. Ziel ist es, 2026 das erste Kontrazeptivum für den Mann auf den Markt zu bringen.

In Deutschland verhüten 54 % der Paare mit der Anti-Baby-Pille für Frauen, 13,5 % mit der Spirale und etwa 20 % mit Kondomen. Zu fast zwei Dritteln übernehmen damit hierzulande Frauen die Verantwortung für die Familienplanung. Männliche Kontrazeption ist heute auf Abstinenz, Coitus interruptus, Kondome und Vasektomie beschränkt.

„Es ist Zeit für neue männliche Kontrazeptiva“, erklärt Professor Dr. Eberhard Nieschlag, Experte der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und fasst damit die Deklaration des International Consortium for Male Contraception (ICMC) zusammen.

Emanzipation auch in Sachen Verhütung

Führende internationale Hormonexperten haben in dem „Pariser Manifest“ ihre Hauptargumente für ein Mehr bzw. ein Wiedererstarken der Forschung in diesem Bereich der männlichen Hormonforschung zusammengetragen.

Einer der wichtigsten Gründe für diese Forderung ist das weltweite Bevölkerungswachstum. In ihren jüngsten Schätzungen gehen die Vereinten Nationen (UN) davon aus, dass die Weltbevölkerung im Jahr 2050 etwa 9,6 Milliarden Menschen betragen wird – 2,3 Milliarden mehr als 2015.

Der Ansatz, zusätzlich zu etablierten Methoden der Empfängnisverhütung sichere und verträgliche Verhütungsmethoden für Männer zu finden, wird zudem von einem emanzipatorischen Gedanken getragen: Es sind bisher vor allem die Frauen, die Verantwortung für die Empfängnisverhütung mit allen damit einhergehen Risiken – beispielsweise einer Thromboseanfälligkeit beim Einnehmen der Pille – tragen.

„Pille für den Mann“ fast marktreif?

„Die Forschung hat gezeigt, dass sowohl Männer als auch deren Partnerinnen bereit sind, neuartige Methoden inklusive hormoneller männlicher Kontrazeption anzuwenden, sofern sie wirksam, reversibel und gut verträglich sind“, betont Nieschlag. Forschungsansätze zur männlichen Kontrazeption hat es durchaus schon gegeben.

Seit Anfang der 1970er Jahre wird an der sogenannten „Pille für den Mann“ geforscht. „Einige Ansätze wurden sogar bis nahe an die Marktreife entwickelt. Aber die Industrie hat dieses Forschungsgebiet verlassen“, bedauert der Experte. Als Gründe dafür führt der ehemalige Direktor des heutigen Zentrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie am Universitätsklinikum Münster unklare Zulassungskriterien, geringe Gewinnerwartungen und eine angeblich fehlende Akzeptanz an.

Sowohl hormonelle Ansätze als auch nichthormonelle sollten weiter verfolgt werden, meint Nieschlag. So seien beispielsweise mechanische Methoden zum Verschluss der Samenleiter in der Entwicklung – ein Weg hin zu einer reversiblen, also einer umkehrbaren Vasektomie, wäre damit möglich. Bei der hormonellen Kontrazeption gibt es zwei Richtungen: „Zu den vielversprechendsten Ansätzen gehören heute hormonelle Methoden mit Androgenen, zu denen auch das Testosteron gehört, in Kombination mit Gestagenen“, erklärt Nieschlag.

Forderung nach weiterer Entwicklung neuer Methoden

Möglich ist die Verabreichung entweder durch eine Hormonspritze, die etwa alle zehn Wochen verabreicht werden müsse, oder aber ein täglich anzuwendendes Gel. Bei dieser Variante bestehe die „Hürde“ darin, dass der Mann jeden Tag daran denken müsse. Aus den Erfahrungen mit der Anti-Baby-Pille für Frauen weiß man aber, dass dies gelingen kann.

Professor Dr. Matthias Weber, Leiter des Schwerpunkts Endokrinologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ergänzt: „Die männliche Kontrazeption wird die weiblichen Methoden wahrscheinlich nicht ersetzen, aber sie kann die Verhütungsoptionen für Paare erhöhen.“

Die Experten fordern, dass sich sowohl die Vertreter der Gesundheitsbehörden als auch die forschende pharmazeutische Industrie intensiver für die Entwicklung neuer Methoden zur männlichen Kontrazeption einsetzen. „Unser Ziel ist es, bis zum Jahr 2026 die marktreife Entwicklung mindestens eines zuverlässigen, reversiblen und bezahlbaren männlichen Kontrazeptivums zu ermöglichen“, so Nieschlag.

Originalpublikation:

Familienplanung mit der ‘Pille für den Mann’ – Hormonexperten fordern verstärkte Forschung zu neuen männlichen Verhütungsmitteln
Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie; 2016

19 Wertungen (3.37 ø)

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8 Kommentare:

#4,#5
Korrektur: “Regress-Forderungen”

#8 |
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Gast
Gast

@#6 sagt die Legende – stimmt so in der Absolutheit aber nicht. Und das undifferenzierte Verbreiten dieses Vorurteils führt dazu, dass sich Frauen weiterhin die Hormonbombe mit all den bekannten Nebenwirkungen einwerfen, weil es angeblich keine sicheren Alternativen gibt.
Wer sich über die moderne Natürliche Familienplanung informieren will, sollte mal nach Sensiplan suchen. Wurde unter anderem an der Uni Heidelberg entwickelt und wird nach wie vor dort erforscht. Zur Sicherheit findet man zum Beispiel hier etwas: https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Weitere-Informationen-zu-NFP.118947.0.html?&L=0

#7 |
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#2 “Natürliche Familienplanung” funktioniert halt nicht.

#6 |
  2

Korrektur:
“diversen”;
“Aromatase-Aktivität”.

#5 |
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Prof. N. hat wohl nichts dazugelernt. Warum wohl hat Bayer nach der Übernahme von Schering seine “Forschung” nicht mehr weiter finanzieren wollen? Es ist bekannt, dass Androgene (wie hier hochdosiertes Testosteron) und Gestagene die Bindungseiweisse in der Leber senken, dass es vermehrt zu Herzinfarkten kommt und dass psycho-neurologisch die sensorischen Synapsen-Potentiale enorm ansteigen, was zu diersen psychischen Erkrankungen führt. (Nicht zu vergessen die vermehrten Mamma-Carzinome beim Mann bei verstärkter Armatase-Aktivität). Nicht umsonst wurden die Probanten für derartige “Verhütungs-Versuche” im asiatischen Armenhaus ausgesucht, denn von dort waren keine Regress-Vorderungen zu erwarten. Die “Forschungs”-Ergebnisse sind nie veröffentlicht worden. Bayer hat sich weise zurückgezogen. Es wäre sinnvoller gewesen, wenn Prof. N. seine “Forschung” selbst weg von den überhöhten Testosteron-Dosen auf die enzymatische Beeinflussung der Sperma-Produktion verlegt hätte. Da würde Bayer sicher wieder mitmachen!

#4 |
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Wer wird schwanger, wenn der Mann die Verhütung vergisst oder lapidar damit umgeht? Welche Frau nicht schwanger werden will, wird immer eigenverantwortlich selber verhüten müssen . Ist nur gut, wenn Mann verhüten will.Aber das ist ja auch schon viel wert

#3 |
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Gast
Gast

Wie wärs mit der Natürlichen Familienplanung, Verantwortung für Beide ohne Vergiftung und andere fragwürdige “Nebenwirkungen” Kosten und Umweltverschmutzung.
Die Pharmafia hat immer eine chemische Antwort auf soziale, gesellschaftliche und menschliche Fragen, gerne noch ein Schuß Glyphosat drauf, Prost!

#2 |
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Gast
Gast

Hormonelle Verhütung nun auch für den Mann? Her damit, denn unser Abwasser und damit über kurz oder lang unser Trinkwasser und wir alle sind wohl noch nicht genügend exponiert. Umweltpolitisch ist die ebenso fragwürdig wie die hormonelle Verhütung für Frauen.

#1 |
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